Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1290.

Geschichte ersten, zweiten, höchsten Grades

„Deutsch-Polnische Erinnerungsorte“ am Berliner Zentrum für Historische Forschungen der Polnischen Akademie der Wissenschaften

Ist die deutsch-polnische Geschichte nicht genug erforscht worden? Doch, aber die historischen Sichtweise war oft rein national geprägt. Kann man dann diese Geschichte modern und objektiv erzählen? – Das geht, und zwar, wenn man neue Ansatzpunkte wählt bzw. eine neue Methodik anwendet. Das Konzept des Berliner Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften macht das möglich.

Das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt. Das Berliner Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften hat in seinem interdisziplinären Forschungsprojekt zum Ziel, die deutsch-polnische Geschichte aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen und darzustellen. In der Ergebnispublikation in deutscher und polnischer Sprache, die für dieses Jahr geplant ist, werden die versammelten Essays den ersten Versuch einer Analyse gemeinsamer, geteilter und paralleler deutsch-polnischer Erinnerungsorte darstellen.

Die Besonderheiten verrät Kornelia Konczal, Programmkoordinatorin „Deutsch-Polnische Erinnerungsorte“ vom Berliner Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften: „Erstens ist das die Dimension. Das ist das größte deutsch-polnische Projekt seit der Entstehung der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission Anfang der 1970er Jahre. Was wir machen, ist vielleicht sogar noch größer, weil wir insgesamt über hundert Autorinnen und Autoren haben, nicht nur Deutsche und Polen. Und das andere ist unsere Herangehensweise. Wir schreiben nämlich keine klassische Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen, sondern wir schreiben sogenannte ‚Geschichte zweiten Grades‘. Es wird dabei nicht mehr nach Fakten gefragt, vielmehr danach, wie sie erinnert wurden und werden, also nach den kollektiven Vorstellungen von der Geschichte.“

Geschichtsschreibung als Geschichte zweiten Grades (fr. histoire au second degré) konzipierte vor zwanzig Jahren der französische Historiker Pierre Nora. Seine Methode erforscht die Entstehung und Veränderungen des kollektiven Gedächtnisses und fragt nach den identitätsstiftenden Funktionen von Erinnerungen. Eine zentrale Rolle in der Geschichte zweiten Grades spielt das Konzept der Erinnerungsorte. Hier sei die erste Falle, erklärt Kornelia Konczal. Denn es handle sich nicht unbedingt nur um Orte, jedenfalls nicht nur um topographische Orte. „Vielmehr geht es um symbolische Figuren. Es können Lieder sein, ebenso wie Personen, Schlachten, ganze Begriffsfelder oder historische Phänomene wie z.B. der deutsche Osten oder Ostpreußen, der Holocaust oder der Warschauer Aufstand.“

Seit Herbst 2006 arbeiten die Initiatoren des Projekts am konzeptionellen, inhaltlichen und organisatorischen Rahmen dieser Unternehmung. Bis jetzt wurden mehrere Treffen mit Autorinnen und Autoren organisiert, bei denen die Konzepte der entstehenden Aufsätze über deutsch-polnische Erinnerungsorte präsentiert und diskutiert wurden. Einer der Autoren befaßt sich mit dem deutschen Osten. Ihn bearbeitet Christoph Kleßmann, Emeritus vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Die Erinnerung an den deutschen Osten sei sehr vielfältig, von der individuellen über die familiäre, regionale bis zur nationalen. Sie sei auch generationsspezifisch.

Eine der Fragen ist beispielsweise, inwieweit sich eine Parallele zwischen Ostpreußen und später Ermland und Masuren ziehen läßt. Hinter dem Namen Ermland und Masuren steckt nur der polnische Beitrag zu der Geschichte dieser Region, genauso wie hinter dem Namen Ostpreußen nur der deutsche. Dieses Monolithische könnte man dadurch aufbrechen, daß man multikulturell und multiperspektivisch erinnert und forscht. Rafal Zytyniec, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berliner Zentrums für Historische Forschung, hat hier sein Spezialgebiet: „In der Rebellion der Provinz, wie man das nach 1989 nannte, hat man bewußt mit diesen nationalen Deutungen Schluß gemacht und den Rahmen offen gehalten für die anderen, die auch dort waren, nicht nur für Polen und Deutsche, sondern auch andere Völker, die die Region Ostpreußens bewohnten, wie Litauer, Juden, Philipponnen – russische orthodoxe Altgläubige, die sich zwischen 1828 und 1832 in Eckertsdorf in Masuren ansiedelten.“

Die Bezeichnung Ermland und Masuren wurde nach dem Krieg als ein Gegenbegriff zu dem des deutschen Ostens bzw. Ostpreußens geschaffen. Die Reduzierung von Ostpreußen auf Ermland und Masuren erfolgte, weil sowohl die Ermländer als auch die Masuren polnische Bezüge haben, um so die Polonität dieser Gebiete zu beweisen.

In vielen deutsch-polnischen Debatten werden Geschichte bzw. Geschichtsbilder in den Dienst aktueller politischer Bedürfnisse gestellt, zum Beispiel bei der Frage der Vertreibung. Das Projekt des Berliner Zentrums für Historische Forschung hat einen deutlich kritischen Bezug zu den aktuellen Praktiken der Instrumentalisierung der Vergangenheit. Flucht und Vertreibung seien Themen, die seit 1945 vor allen im deutschen Erinnern sehr stark präsent sind. Man müsse zwischen der individuellen Erinnerung jedes einzelnen und der organisierten unterscheiden. Letztere rage sehr stark in die Geschichtspolitik hinein. In Wirklichkeit seien die Ereignisse (wenn man bei der Geschichte ersten Grades bleibt) sehr komplex abgelaufen und müßten entsprechend historisch differenziert gesehen werden.

Diesem Anspruch habe das 1949 gegründete Bundesministerium der Vertriebenen, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigten, in dessen Rahmen die bekannte Dokumentation der Vertreibung entstanden sei, nicht ausreichend Rechnung getragen, meint Tobias Weger vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, der das Thema Flucht und Vertreibung für das Projekt bearbeitet: „Man hat damals zehn Mark pro Bericht gezahlt und somit die Leute mobilisiert, Berichte zu schreiben. Sie sind nach den heutigen Standards der oral history nicht immer nach wissenschaftlich sauberen Kriterien erstellt worden. Aber das ist eine Dokumentation, die bis heute unheimlich einflußreich ist, die ständig zitiert wird – im übrigen auch von polnischen Historikern –, die aber eine Reihe von sehr problematischen Informationen enthält. Man kann sie durchaus, wenn man kritisch zwischen den Zeilen liest, auch als Quelle benutzen, als primäre Quelle sollte man sie aber nicht benutzen.“

Das Projekt „Deutsch-Polnische Erinnerungsorte“ kann und soll einen fundierten Beitrag zum Verständnis deutscher und polnischer Geschichtsbilder leisten. Darüber hinaus soll es den Horizont der schwarz-weißen Vergangenheitsbetrachtung durchbrechen. Es gibt keine einzige deutsch-polnische Geschichte, sondern viele verschiedene deutsche und polnische Geschichtsbilder. Diese sollten wahrgenommen werden.

Arkadiusz Luba (KK)

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