Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1396.

Geschichte ist nicht vernünftig

Der Mensch muss es sein: Der deutsch-polnische Gesprächskreis „Kopernikus-Gruppe“ formuliert gemeinsame Forderungen

Ein Ort, an dem sich polnische und deutsche Erinnerungen an und Mythen von mittelalterlichen und neuzeitlichen Auseinandersetzungen ballen, einst deutsche nationalsozialistische, jetzt polnisch-nationale Gedenkstätte: Tannenberg
Bild: Die Politische Meinung 1/2014

Das Arbeitspapier 30, „Deutschland und Polen – 100 Jahre nach 1918“, fasst die gemeinsamen Überlegungen des deutsch-polnische Gesprächskreises „Kopernikus-Gruppe“ zusammen, die sich unter der Leitung von Professor Dr. Dieter Bingen, Darmstadt, und Dr. Kazimierz Wóycicki, Warschau, traditionsgemäß getroffen hat. Informationen über den deutsch-polnischen Gesprächskreis und über seine Mitglieder: www.deutsches-polen-institut.de/politik/kopernikusgruppe.

Der Erste Weltkrieg war ein sinnloses Massaker auf den Schlachtfeldern im Westen Europas, im östlichen Mitteleuropa brachte er indes nicht nur enormes Leid, sondern auch die Entstehung unabhängiger Staaten, von denen heute die meisten Mitglieder der Europäischen Union sind. Deshalb ist die kollektive Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, in dem Polen in den Armeen der drei Teilungsmächte – das hieß auch: gegeneinander – kämpfen mussten, im Westen und Osten des Kontinents so unterschiedlich. Nur freie Gesellschaften können ein Projekt europäischer Integration verwirklichen, weshalb die Wurzeln der Europäischen Union auch in jener Epoche nach dem Ersten Weltkrieg zu suchen sind, obwohl seinerzeit nur Utopisten und Visionäre solche Pläne hegten.

Der Erinnerungsort „1918“ hat für Deutschland und für Polen eine ganz unterschiedliche Bedeutung. Für Polen ist es die Wiedererlangung der Unabhängigkeit nach dem langen 19. Jahrhundert, in dem die polnische Gesellschaft sie entbehren musste. Diese Situation hat die polnische Kultur, das Verständnis von Freiheit, Demokratie, Tradition und Moderne stark geprägt. Dieselben Begriffe waren in Deutschland im Laufe des 19. Jahrhunderts unter gänzlich anderen Bedingungen mit Inhalt gefüllt worden. Wenn wir uns tiefer verstehen wollen, müssen wir ein Verständnis dieser Ungleichzeitigkeit von Staat und Gesellschaft auf beiden Seiten entwickeln.

In den kollektiven Wahrnehmungen von Deutschen und Polen belastet die Geburtsstunde der II. Republik Ende 1918 das Verhältnis zueinander aus unterschiedlichen Gründen bis heute. Im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg war Preußen (ab 1871 das Deutsche Reich) eine der Teilungsmächte Polens. In der Endphase des Ersten Weltkrieges erhielt die Politik Deutschlands, das nach Verbündeten in dem nach Unabhängigkeit strebenden Polen suchte, gewisse versöhnliche Züge, doch erst die Niederlage Deutschlands (und damit die Niederlage aller drei Teilungsmächte Polens) ermöglichte es Polen, seine volle Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Gleichzeitig jedoch weigerte sich die deutsche Nachkriegsdemokratie, den neu gegründeten polnischen Staat auf Dauer zu respektieren.

Von den Grenzkämpfen 1918–1921 über die Behandlung Polens durch die Weimarer Republik als „Saisonstaat“ bis hin zum deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen 1939 und zu der völkermörderischen deutschen Besetzung Polens und der Flucht und Massenaussiedlung der Deutschen aus den Polen 1945 zugesprochenen Gebieten herrschte das Prinzip des „Fatalismus der Feindschaft“ (Stanisław Stomma).

Dies war der Grund für die Angst vor den Deutschen und für die Tatsache, dass sich in Polen negative Stereotypen des Deutschen verstärkten, was wiederum von den von Moskau abhängigen kommunistischen Machthabern zur Legalisierung ihrer Machtansprüche ausgenutzt wurde.

Es bedurfte großer Anstrengungen, um in Polen eine Atmosphäre zu schaffen, die dem Dialog mit Deutschland förderlich war. Auf der deutschen Seite erforderte der Dialog mit dem östlichen Nachbarn die Überwindung zahlreicher traditioneller negativer Stereotypen in allen Schichten der Gesellschaft über Polen, ebenso mussten Wissensdefizite über die polnische Geschichte, Kultur und Gesellschaft überwunden werden. Der Höhepunkt dieser Annäherung war trotz der Distanz eines Teils der westdeutschen politischen Klasse und der feindlichen Haltung der DDR-Führung zur Solidarnosc die Welle der „Solidarität mit Polen“ aus der bundesdeutschen Gesellschaft in den 1980er Jahren.

„Ohne Titel“ hat Piotr Uklanski sein Diptychon genannt und uns überlassen, ob wir es von links nach rechts oder umgeke´hrt „lesen“ wollen
Bilder: „Tür an Tür“. Polen – Derutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte

Die Freiheitsrevolution von 1989 in Ostmitteleuropa, die durch Solidarnosc ausgelöst wurde, brachte die Polen und die Deutschen durch eine in der jüngsten Geschichte beispiellose deutsch-polnische Interessengemeinschaft (Krzysztof Skubiszewski) zusammen. Das Polen des „Runden Tisches“ blockierte die Wiedervereinigung Deutschlands nicht, und das vereinte Deutschland unterstützte das Streben des freien Polen in die euroatlantischen und europäischen Strukturen.
Der zentrale Punkt dieses Dialogs ist der Aufbau von wechselseitigem Respekt und Wertschätzung, an denen es in der Vergangenheit so oft fehlte. Die letzten 100 Jahre der deutsch-polnischen Beziehungen und der europäischen Geschichte zeigen deutlich, dass die Voraussetzung für jedes umfassendere und ehrgeizige europäische Konzept die tiefe deutsch-polnische Verständigung ist.

Das Verständnis dieser Conditio sine qua non ist in diesem historischen Moment, in dem die europäische Idee existenziell bedroht ist, von besonderer Bedeutung. Die Krise, in der sich Europa befindet, erfordert ein umfassendes Verstehen des Nachbarlandes und seiner historischen Gegebenheiten. In Krisenzeiten, wie wir sie augenblicklich durchleben, können alte, scheinbar völlig ausgestorbene Stereotypen und Vorurteile schnell wiederauferstehen. Ein Blick in die ferne und nicht so ferne Geschichte, auch wenn sie noch so belastet und schwierig ist, oder vielleicht auch, weil sie so schwierig ist, erlaubt es uns, das Gleichgewicht, die Distanz und einen nüchternen Blick auf die Gegenwart und die Zukunft wiederzugewinnen.

Das Jubiläumsjahr 1918 fordert zu einer solchen Reflexion bezüglich der deutsch-polnischen Beziehungen heraus. In Polen wird das Jubiläum aus naheliegenden Gründen mit zahlreichen Feiern begangen, wobei sicherlich unterschiedliche Denkweisen der Polen über sich selbst, über die eigene Geschichte und über Europa zum Vorschein kommen werden. Das sollte den deutschen Beobachtern nicht gleichgültig sein.

Ikone. Ikone? Jedenfalls wusste Willi Brandt um die „Chance, die nicht verlorengehen darf“

In Polen sollte und kann dieser Jahrestag eine Gelegenheit sein, nicht nur über die eigene Geschichte, sondern auch über das Verhältnis zu den Nachbarn nachzudenken. 1918 mussten die Polen von der deutschen Besatzung befreit werden. Heute ist ein Europa, in dem Polen sich sicher fühlen kann, ohne Deutschland kaum noch vorstellbar. 1918 war die deutsche Öffentlichkeit kaum bereit, den polnischen Nachbarn zu akzeptieren, und der Wunsch, ihn zu dominieren, war ein wesentlicher Faktor der „deutschen Katastrophe“. Heute ist Polen ein unverzichtbarer Partner für Deutschland, wenn Deutschland und der Kontinent stabil bleiben sollen.

Die Bilder aus dem Jahr 1918 lehren nicht nur Geschichte, sondern bieten auch und vor allem den Vergleich mit 2018 an und weisen auf eine völlig neue politische Konstellation auf dem Kontinent hin. Sie verweisen auf die historische Chance, die Polen und Deutsche für ein besseres Leben in einer guten Nachbarschaft bekommen haben – eine Chance, die nicht verlorengehen darf.

(KK)

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