Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1261.

Geschichte ist, was jedem geschieht

Junge Düsseldorfer entdecken sie in der Erinnerung ihrer Familien

Im großen Saal des Gerhart-Hauptmann-Hauses in der Düsseldorfer Bismarckstraße zeigten 29 Schülerinnen und Schüler der Klasse 9b der Theodor-Litt-Realschule die Ergebnisse ihrer Projektarbeit „Wege nach Düsseldorf. Schülerinnen und Schüler erforschen ihre Familiengeschichte“. Zu sehen waren die auf Karten eingezeichneten Herkunftsgebiete der Eltern und Großeltern, die Wanderwege nach Deutschland, ergänzt von Fotos, Urkunden, Briefen, Zeugnissen und Erinnerungsstücken aus dem Familienbesitz. Auf übersichtlich geordneten Projektionen oder vor der eigenen Schautafel präsentierte jeder einzelne seine Familiengeschichte, wobei die meisten dieser Geschichte einen Migrationsweg nachzeichnen.

Nach Moskau und Breslau zeigen die Wanderwege, nach Litauen und in die Ukraine, aber auch nach Italien und Serbien oder auch nur bis in einen anderen Düsseldorfer Stadtteil. Alle zusammen bilden die 9b, und die familiengeschichtlichen Präsentationen im Gerhart-Hauptmann-Haus veranschaulichen sowohl die herkunftsmäßige Vielfalt der Schüler als auch ihre neue Düsseldorfer Zugehörigkeit. „Die sind jetzt alle hier in Düsseldorf wirklich angekommen“, bestätigt die Klassenlehrerin Alke Brzoska, und es mag kennzeichnend sein, daß mit der Befragung von Eltern und Großeltern auch eine zielgerichtete Stadterkundung einherging.

Ein Besuch im Landtag gehörte dazu, Begegnungen mit einer Jugendbuchautorin und einem Alt-Schlesier als Zeitzeuge, Einführungen in die familienkundliche Arbeit und historische Annäherungen an Ereignisse und Fakten. „Mein Grundgedanke dabei war, junge Leute für Geschichte zu interessieren“, sagt Dr. Winfrid Halder, Direktor des Gerhart-Hauptmann-Hauses, „und ich bin überzeugt davon, daß das am besten gelingt, wenn man ihnen zunächst deutlich macht, daß Geschichte sie selbst betrifft. Daß diese nicht etwas ist, was sich in weiter Ferne abgespielt hat, sondern etwas, was ganz unmittelbar ihr eigenes Leben mitbestimmt hat.“

Es fiel angenehm auf, wie unbelastet die Schüler der 9b ihre Familiengeschichten vorzutragen in der Lage waren, als zeitgemäßer Normalfall eben und nicht als noch zu bewältigende Vergangenheit. Die eigene Darstellung ist nicht viel anders als die des Banknachbarn, und es wird diese Entdeckung von Gemeinsamkeiten sein, die alle einander näher bringt und einer neuen Zugehörigkeit zuträglich ist. „Migranten sind wir alle“, betonte der bei der Veranstaltung anwesende Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, und er bezog sich selbst ein. Der Hof seiner Familie im Westfälischen, Jahrhunderte hindurch bewirtschaftet, mußte der damals aufstrebenden Ruhr-Industrie weichen. Heute erhebt sich dort der denkmalgeschützte Gasometer, der für besondere Ausstellungen und als Aussichtsplattform dient. Auch wenn nicht alles vergleichbar sein mag, die Ursachen und Arten der Zuwanderung unterschiedliche Facetten zeigen, so verdeutlicht das Projekt der Klasse 9b doch die Veränderung der Gesellschaft als wesentliches Merkmal unserer Gegenwart. Es ist für die Jugendlichen wichtig, ihre Herkunft nachzufragen, zu wissen, woher sie kommen, aber auch, daß sie in Deutschland angekommen sind. Es wäre hinzuzufügen, daß das für uns alle wichtig ist.

Es gibt gute Gründe dafür, ähnliche Projekte auszuarbeiten und zu fördern. Für das kommende Schuljahr hat die Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus im Rahmen des Programms „Kulturinstitute und Schulen“ bereits die Zusage zu einem neuen Vorhaben erhalten. „Wir werden“, führt Direktor Dr. Halder aus, „mit dem Berufskolleg zusammenarbeiten und auch ein Projekt mit den Düsseldorfer Partnerstädten – zu denen Moskau und Warschau gehören – vorbereiten. Die Grundidee ist, daß die Schüler Kontakte suchen zu Schülern in den Partnerstädten, die einen ähnlichen Ausbildungsgang absolvieren. Sie sollen eigenständig den Versuch unternehmen, mit gleichaltrigen Jugendlichen im Ausland ins Gespräch zu kommen und Kontakte aufzubauen.“

Eine Begegnungsfahrt nach Polen oder Rußland könnte als Abschlußveranstaltung stattfinden. Das Ziel ist indessen nicht eine gelungene Endpräsentation, sondern der Ausbau und die Kontinuität der Kontakte auf persönlicher wie kollektiver Grundlage.

Franz Heinz (KK)

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