Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1275.

Gestalten, um zu gedenken

Ostpreußische Bilder zur Flucht von 1944/45

Die bekannte ostpreußische Grafikerin der Zwischenkriegszeit, Gertrud Lerbs-Bernecker (1902–1968), der aus Königsberg stammende Maler und Grafiker Eduard Bischoff (1890–1974), der Maler, Lehrer und Professor an der Königsberger Kunstakademie, Alfred Partikel (1888–1945), die in Königsberg ausgebildete Grafikerin und Illustratorin Liselotte Plangger-Popp (1913–2002) sowie der Maler Gerhard Bondzin (geb. 1930 in Mohrungen, Ostpreußen) sind nur einige der bildenden Künstler, deren Lebens- und Wirkungsraum Ostpreußen war und deren „Bildzeugnisse" im Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus ausgestellt waren.

Das Besondere dieser Präsentation mit Werken aus dem Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg lag darin, daß es den Veranstaltern gelungen ist, grafische Blätter mehrerer bildender Künstler aus Ostpreußen zusammenzuführen, die die Flucht von 1944/45 darstellen. Die Maler und Graphiker beleuchten die Schrecken der Flucht und der Zerstörung, die sie als Erwachsene oder noch als Kinder erlebt haben. Jeder Künstler verarbeitet das erfahrene Leid auf seine eigene Art. Neben Situationsschilderungen gibt es da vielfach den zeittypischen Ausdruck in Symbolen gegenständlicher und kompositorischer Manier oder auch mit abstrakten Formen in etwas späterer Zeit.

Manche Künstler zeichneten schon unmittelbar auf der Flucht Skizzen. Alle aber, die sich in ihrer künstlerischen Ausdrucksweise der Verarbeitung dieser schweren Erlebnisse stellten, haben auch erst nach einer Phase der inneren Auseinandersetzung Bilder gestaltet. So entstand noch in Königsberg im Jahr 1942 die Zeichnung eines Flüchtlingszuges und zusammenbrechender Menschen von Marta Worringer (1881–1965). Eduard Bischoff wiederum hat um 1950 eine umfangreiche Folge großformatiger, teils farbiger Holzschnitte unter dem umfassenden Titel „Ostpreußen" geschaffen. Neben der Schilderung des ländlichen Lebens gibt es zwei Blätter zum Thema Flucht: „Treck 1945" und „An fremden Ufern". Aus der Zeit der ersten Nachkriegsjahre stammt auch eine Reihe von Bildern zur Flucht, in denen Gertrud Lerbs-Bernecker in ihrer visionären Kunstsprache das Elend dargestellt hat.

Großer Bekanntheit erfreute sich nach 1945 Liselotte Plangger-Popp, die schlichte Holzschnitte wie „Kranke Flüchtlingsfrau" und „Frauen in Gefangenschaft" schuf. Aus einer Zeit, als der Maler Alfred Partikel im Herbst 1944 zum Arbeitsdienst im nordöstlichen Ostpreußen verpflichtet war, stammen einige aussagekräftige Aquarelle. In seiner Arbeit „Die Mutter von Nemmersdorf" (Oktober 1944) gelang ihm eine Schilderung der totalen Verstörung der Menschen durch die Kriegsschrecken.

Der aus Riga gebürtige und in Königsberg ausgebildete deutschbaltische Künstler Eugen Weidenbaum (1908–1983) schuf seine Fluchtszenen erst später aus der Erinnerung, z. B. „Flüchtlingszug" um 1965. Auch Gerhard Bondzin, der die Flucht über das Eis des Frischen Haffs als 14jähriger Junge durchmachte und dabei seinen Vater verlor, verarbeitete seine Eindrücke erst nach mehreren Jahren. Die Panik der Menschen und Tiere, Tod und Ausweglosigkeit finden sich in seinen Kunstwerken oft nur in Schemen und Schatten wieder, wirken dafür aber um so suggestiver. Holzschnitte wie „Hilferufe" und „Wir sind allein" entstanden im Jahre 2006. Bondzins Grafiken und Gemälde gelten als eindringliche Mahnung gegen den Krieg als den Feind des Menschen und des Lebens überhaupt.

Zu sehen waren auch beeindruckende Bronzefiguren und Zeichnungen u. a. von Ursula Enseleit, Annemarie Suckow von Heydendorff und Edeltraud Abel-Waldheuer.

Dieter Göllner (KK)

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