Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1257.

Geteiltes Echo auf den „Ruf Gottes zum Gehen aus der Heimat“

Der Verfasser möchte mit seinem Sammelband vor allem den „Beitrag der vertriebenen Schlesier zur Nachkriegs-Kirchengeschichte“ dokumentieren, und zwar in drei Bereichen: „im Einsatz für die seelische und kirchliche Beheimatung der Ausgeheimateten“, „in der Bewahrung des Wissens um die schlesische Geschichte und Kirchengeschichte“ und „im Bau von Brücken der Verständigung nach Polen“. Das Buch wendet sich aber auch „an die eigenen Reihen; an Mitglieder, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Freundinnen und Freunde der evangelischen Schlesier“, wobei es „um die Bewertung des zurückgelegten Weges“ geht. Schließlich stand hinter der Herausgabe des Sammelbandes „der immer wieder geäußerte Wunsch, daß diese Vorträge und Predigten gesammelt zugänglich gemacht werden möchten“; ein Verzeichnis der Erstveröffentlichungen wurde dem Buch beigefügt. Der Autor Dr. Christian-Erdmann Schott lebt in Mainz. Der Pfarrer i.R. ist seit 1990 Vorsitzender des „Vereins für Schlesische Kirchengeschichte e.V.“, seit 1993 auch Vorsitzender der „Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e.V.“.

Das problemorientierte, offene Buch enthält eine ernüchternde Einschätzung: „Das Hauptproblem der Vertriebenenarbeit und -Forschung ist, daß sie in einer kirchlichen und gesellschaftlichen Nische geschieht. Die Öffentlichkeit wird kaum noch erreicht und nimmt kaum von ihr Notiz.“ Schott weiß also, daß er sich vor allem an die Betroffenen wendet.

Zum einen ist der Sammelband eine Geschichte der evangelischen Schlesier seit Flucht und Vertreibung, ohne den Anspruch, eine schlesische Kirchengeschichte zu sein. Das auf diesem Gebiet Dargelegte ist ein souveräner Blick auf das Ganze, der nichts Wesentliches ausläßt – vom bitteren Abschied über die mühsame Eingliederung bis hin zum um Ausgleich mit Polen bemühten Miteinander im vereinigten Europa. In vielen Aufsätzen und Vorträgen behandelt das Buch alle Punkte der Entwicklung von 1945 bis heute. Schott beschönigt nichts, klagt aber auch nicht an; im notgedrungenen Verzicht der evangelischen Schlesier auf die angestammte Heimat ist er durchaus zukunftsorientiert.

Drei Punkte sind besonders eindringlich und aufschlußreich dargestellt. Die unfreundliche Aufnahme im Bereich der vier Besatzungszonen wird realistisch geschildert. Vielleicht hätte erwähnt werden sollen, daß sich auch Vertreter der Amtskirche sehr reserviert verhielten. Die neu eingestellten Seelsorger, die selber aus dem Osten kamen, bedeuteten dann einen Wandel, denn sie brachten für die Leidensgefährten viel Verständnis auf. Gut erfaßt ist auch die Stellung der evangelischen Schlesier, die in den Bereich der SBZ/DDR kamen. Sie wurden „Umsiedler“, und ihr Herkunftsgebiet war ein Tabu. Drittens ist auch die unterschiedliche Entwicklung für evangelische Schlesier in der Bundesrepublik Deutschland und in der evangelischen Kirche in der schlesischen Oberlausitz präzise und einfühlsam dargestellt. Görlitz – im deutsch gebliebenen Rest-Schlesien gelegen – trat aus nachvollziehbaren Gründen nicht die Nachfolge von Breslau an; so sind die über ganz Deutschland verstreuten evangelischen Schlesier ohne kirchlichen Mittelpunkt.

Der Sammelband hat aber jenseits der historischen auch eine theologische Zielsetzung, wie schon der Titel zeigt. „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will“, das war der Befehl Gottes an Mose. Es war Pastor Joachim Konrad, der seine Abschiedspredigt in der St.-Elisabeth-Kirche zu Breslau am 30. Juni 1946 unter dieses Wort aus dem Alten Testament stellte. Hier begann eine theologische Bewertung von Flucht und Vertreibung, die sich über die Breslauer Hofkirchensynode vom 22./23. Juli 1946 bis heute fortsetzt. Zu Recht mißt Christian-Erdmann Schott in dem Kapitel „Über den Tag hinaus. Theologische Weichenstellungen der Hofkirchensynode vom 22./23. Juli 1946 in Breslau“ der Breslauer Synode eine große Bedeutung zu: „Sie hat den evangelischen Schlesiern den Weg aus Schlesien heraus in eine Zukunft mit Gott gewiesen.“ Die Synode verwies zugleich auf eine Strafe Gottes für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Dieses Wort vom Gericht Gottes klang nach auf der Kirchenkonferenz in Treysa (27. August bis 1. September 1945) über das Stuttgarter Schuldbekenntnis (19. Oktober 1945) und die Breslauer Hofkirchensynode (22./23. Juli 1946) bis hin zur „Ostdenkschrift“ der EKD vom 18. März 1965 mit der zusätzlichen Erklärung vom März 1966.

Christian-Erdmann Schott bietet eine Einordnung wesentlicher theologischer Bewertungen in dem wichtigen Kapitel „Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Schlesien ab 1945 in theologisch-evangelischer Sicht“. Kurz gefaßt: Es galt, Flucht und Vertreibung als letztlich von Gott gewollt anzuerkennen, das Neue trotz aller Bitterkeit zu akzeptieren, Haßgefühle auf die Vertreiber zu überwinden und eine Versöhnung anzustreben. Wer sich so verhält, ist mit Gott versöhnt. Viele der in dem Buch abgedruckten 13 Predigten Pastor Schotts atmen diesen Geist. Die Absicht ist klar: Evangelische Theologen wollen in Flucht und Vertreibung einen göttlichen Willen sehen und nachhaltig Trost spenden. Diese theologische Zielsetzung des Buches „Geh aus deinem Vaterland…“ dürfte keineswegs auf die Zustimmung aller Leserinnen und Leser des Buches treffen.

Einem Historiker ist selbstverständlich die theologisch umrissene Bewertung von Flucht und Vertreibung nicht möglich. Die Westverschiebung Polens bis zur Oder-Neiße-Linie und die Vertreibung von Millionen Deutschen gehörten zur knallharten Machtpolitik Stalins, der noch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in der Frage der künftigen Aufteilung Polens mit Hitler eine Absprache getroffen hatte. Wieso sollte die Rache des Diktators Stalins für den Überfall des Deutschen Reiches auf Polen und die Sowjetunion Gottes Wille gewesen sein? Und wenn die Vertreibung eine Bestrafung für Unrechtstaten war, wieso wurden nur die Ostdeutschen bestraft, nicht auch die anderen Deutschen? In diese Richtung gingen auch Fragen der Kritiker, insbesondere nach der Denkschrift der EKD von 1965, welche – wie Schott es zusammenfaßt – die Vertriebenen aufforderte, „sich den Tatsachen zu stellen, Hoffnungen und Ansprüche auf Revisionen fahren zu lassen und sich dem notwendigen Prozeß der Verständigung mit den östlichen Nachbarn nicht zu verweigern“.

Christian-Erdmann Schott weist mehrfach darauf hin, daß auch er hinsichtlich der einseitigen Bestrafung eine kritische Einstellung hat. Er nennt das Wort „vom Gericht Gottes, das auf die Verbrechen der Nazis antwortet“, sogar einen der Sprengsätze, die in den Jahrzehnten nach Flucht und Vertreibung in voller Bedeutung hervortraten. Der zweite Sprengsatz war nach Christian-Erdmann Schott „der von der Hofkirchensynode herausgestellte Ruf Gottes zum Gehen aus der Heimat“.

Christian-Erdmann Schotts neues Buch zeigt auf eindrucksvolle Weise den riesigen Verlust, den die Abtrennung Schlesiens und der anderen Gebiete östlich von Oder und Neiße für die evangelische Kirche Deutschlands und für ihre Mitglieder bedeutete. Alle schlesischen Gemeinden, die bis 1945 intakt waren, wurden von den Polen in wenigen Jahren beseitigt; das weitere schlesische Gemeindeleben wurde durch die fast vollständige Vertreibung der deutschen Bevölkerung für alle Zeiten nahezu völlig ausgelöscht. Der Sammelband zeigt auch, welche theologischen Probleme Flucht und Vertreibung bei den Betroffenen aufwarfen. Die Lektüre dieses Buches sollte man all denen dringend empfehlen, die aus verschiedenen Gründen so tun, als habe es Ostdeutschland nie gegeben (sie sind auch bei Vertretern der EKD in reichem Maße vorhanden).

Das heutige Deutschland ist nicht nur territorial sehr viel anders als das Deutsche Reich in seinen Grenzen von 1937, sondern auch geistig: Der prägende Protestantismus Schlesiens, Ost-Brandenburgs, Hinterpommerns und Ostpreußens gehört weitgehend der Vergangenheit an, weil er in der Zerstreuung gar nicht weiterleben kann; es entspricht nicht dem Zeitgeist, wenn man das erwähnt. Politik und Medien schweigen hier ein wichtiges Thema der Nachkriegsgeschichte tot. Wer hätte noch vor 50 Jahren gedacht, daß das Schicksalsjahr 1945 jemals einen solchen radikalen Wandel im Denken der Deutschen herbeiführen würde!

Es ist das Verdienst des Verfassers, in seinem neuen Buch auf viele große Themen der evangelischen Schlesier offen, mit klarer Sprache und zukunftsorientiert hinzuweisen. Die kirchengeschichtlichen Aufsätze und Vorträge bieten einen vorzüglichen Überblick. Als Theologe hat sich Schott für eine Haltung entschieden, die auch Kritiker finden dürfte. Insgesamt lohnt sich die Lektüre dieses Buches sehr. Der Sammelband regt zum Nachdenken an und befruchtet die Diskussion.

Klaus Hildebrandt (KK)

Christian-Erdmann Schott: Geh aus deinem Vaterland …Vertreibung – Integration – Vermächtnis der evangelischen Schlesier. Vorträge, Aufsätze, Predigten. LIT Verlag, Berlin 2008, 304 Seiten, 29,90 Euro

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