Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1245.

Getrieben hat Bismarck viele, vertrieben jedoch nicht

Anmerkung zu Thomas Urbans „Der Verlust“: Die Ausweisungen der Polen und Juden 1885/82 aus Preußen waren keine Vertreibungen

Viel Lob – auch in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ – hat das lesenswerte Buch „Der Verlust“ mit dem Untertitel „Die Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert“ (Verlag C. H. Beck, München) von Thomas Urban erhalten. Bei der Darstellung der Vorgeschichte der Vertreibungen geht er bis ins 19. Jahrhundert zurück, und zwar mit dem einleitenden Kapitel „Die preußischen Ausweisungen“. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dem Buchtitel zufolge bei einem historisch wenig gebildeten Leser der Eindruck erweckt wird, diese Ausweisungen von 1885/86 könnten, kausalgenetisch betrachtet, gleichsam als „Introitus“ oder „Initialzündung“ zu der „Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert“ und vielleicht sogar als deren Rechtfertigung angesehen werden. Mag dem Autor eine solche komparatistische Assoziation gewiß fernliegen, so betont er doch andererseits, daß jene unter dem Reichskanzler Otto von Bismarck durchgeführten Ausweisungen, zumal sie sich „im Bewußtsein der Polen verfestigten“, Anfang der 1920er Jahre den Behörden des neu geschaffenen polnischen Staates die Begründung lieferten, Zwangsmaßnahmen gegen die Deutschen in Posen und Westpreußen zu ergreifen, doch bleibt er Belege schuldig.

Da somit das Thema der „Rugi pruskie“ nicht nur wieder aktuell geworden ist, sondern auch in den Kontext der Vertreibung von weit mehr als 12 Millionen Deutschen aus dem Osten nach dem Zweiten Weltkrieg gestellt wird, erscheint es angebracht, den Gründen und dem Verlauf jener Bismarckschen Maßregel nachzugehen, die sich auf alle preußischen Ostprovinzen und auch auf die Reichshauptstadt Berlin erstreckte.

Bereits seit dem Wiener Kongreß (1815) suchte die preußische Regierung immer wieder die illegale Einwanderung von Polen (überwiegend Landarbeiter) und Juden (meist Krämer, Handwerker und Schankwirte) aus dem russischen Teilgebiet zu verhindern oder zumindest einzudämmen. In den Akten der Behörden werden die Zuwanderer nach einem militärischen Terminus „Überläufer“ genannt, da offenbar die meisten sich dem russischen Militärdienst entziehen wollten. Als sich nach 1871 dem Zustrom aus Rußland einer aus Galizien, also dem österreichischen Teilgebiet, hinzugesellte, sahen sich die preußischen Behörden hauptsächlich aus zwei Gründen zu Abwehrmaßnahmen gezwungen: Erstens verstärkten die illegalen Einwanderer den polnischen Bevölkerungsanteil, und zweitens bildeten sie durch ihre größere Anspruchslosigkeit eine unwillkommene wirtschaftliche Konkurrenz für die einheimischen Arbeiter und Handwerker. Außerdem vermuteten die preußischen Behörden unter den „Überläufern“ auch potentielle „Umstürzler“. Als gar nicht abwegig ist ferner der Verdacht anzusehen, es könnten sich in den Grenzkreisen auch Spione einnisten, die im Falle eines Krieges mit Rußland strategische Geheimnisse verraten würden.

Da mehrere Abwehrmaßnahmen keinen Erfolg erkennen ließen, entschloß sich Bismarck im März 1885 zunächst zur Rückweisung „polnischer Überläufer“ nach Rußland. Einige Monate später dehnten die Behörden die defensive Maßregel auch auf die illegalen Einwanderer aus Österreich-Ungarn aus. Nach den Berechnungen der Landräte befanden sich Ende 1884 in den preußischen Ostprovinzen rund 38800 nicht naturalisierte Personen, davon die meisten in Ost- und Westpreußen (12200 bzw. 11900).

Sobald die angeordnete Ausweisungsmaßregel in der Presse bekannt geworden war, erhoben die betroffenen Großgrundbesitzer und Landwirte, in Oberschlesien die Gruben- und Hüttenbesitzer, energischen Widerspruch, da es sich bei den zugewanderten Arbeitern ihrer Meinung nach um „überaus genügsame und sehr gering gelohnte Tagelöhner“ handelte, auf die sie nicht verzichten könnten. Dagegen setzte sich für die von der Ausweisung betroffenen jüdischen Einwanderer vorerst niemand ein, ganz im Gegenteil.

Da sich unter den in die Dörfer illegal eingewanderten polnischen und jüdischen Ausländern wohl nur wenige Personen befanden, die in schriftlichen Eingaben an die Behörden gegen ihre Ausweisung protestieren konnten, vollzog sich deren Rückkehr nach Russisch Polen oder Galizien vorerst ohne großes Aufsehen. Anders war die Lage in Breslau und anderen ostdeutschen Städten, in denen jüdische Kaufleute ausgewiesen werden sollten. Hier protestierte die liberale, großenteils von Glaubensgenossen redigierte Presse, zumal manche nicht naturalisierte Kaufleute sich schon jahrelang dort aufhielten, ohne daß sie jemals wegen fehlender Papiere von der Polizei belangt worden waren. Härtefälle wurden nicht nur von der Presse verbreitet und z.T. aufgebauscht, sondern auch im Reichstag besprochen, dessen Mehrheit am 16. Januar 1886 schließlich einen Antrag des Zentrumsführers Ludwig Windthorst annahm, demzufolge die Ausweisungen „nach ihrem Umfang und nach ihrer Art nicht gerechtfertigt erscheinen und mit dem Interesse der Reichsangehörigen nicht vereinbar sind“. Bismarck dagegen verteidigte diese Maßnahme als einen „Notwehrakt“ mit den Worten: „Wir wollen die fremden Polen los sein, weil wir an unseren eigenen genug haben.“ Trotz der Verurteilung der Regierung durch das Reichsparlament gingen die Ausweisungen unvermindert weiter.

Die preußischen Ausweisungen, die „Rugi pruskie“, sind gerade wegen der Härtefälle als ein besonders „neuralgischer Punkt“ (Gotthold Rhode) in die Geschichte des deutsch-polnischen Verhältnisses eingegangen. Das Bild des angeblich so grausamen preußischen Polizisten, der hilflose Frauen, Kinder und Greise über die Grenze treibt, hat sich auf einer Gedenkmedaille, in zahlreichen Karikaturen, Satiren, in der Malerei (Wojciech Kossak), in der Literatur (Josef Kraszewski, Maria Konopnicka sowie Alexander Swi-tochowski) und bis heute in der Geschichtsschreibung niedergeschlagen. Der deutsche Botschafter in St. Petersburg bezeichnete die Ausweisungen mit Recht als „eine unkluge und nutzlos grausame Maßregel“. Der beabsichtigte Nutzen, die Verminderung der polnischen bzw. jüdischen Bevölkerung um rund 32000 Personen, war diesen „Aufwand“ gewiß nicht wert gewesen. Wie so oft bei ähnlichen Maßnahmen handelte es sich auch hierbei nicht um eine monokausale Aktion, vielmehr hatte sie mehrere Gründe. Es ging eben längst nicht nur um die nationale Frage, es ging im Hinblick auf die eingewanderten jüdischen Geschäftsleute, Händler und Handwerker, vor allem Schneider, auch um die Zurückdrängung billiger wirtschaftlicher Konkurrenz. Es zeigt sich, daß die von Bismarck angeordneten Ausweisungen nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern vielmehr in den zeitgeschichtlichen Rahmen eingeordnet werden müssen.

Das Krakauer Satireblatt „Bicz“ stellte das Prozedere bildlich dar: Der mächtige Bismarck kehrt mit einem großen Besen kleine Polen nach Osten hinaus. Zwar sind Juden auf der Karikatur nicht zu erkennen, doch waren von dieser Maßregel fast zu einem Drittel Juden betroffen.

Als Fazit bleibt festzuhalten, daß es sich bei den Ausweisungen von illegal eingewanderten Polen und Juden aus Preußen 1885–1861 um nichts anderes als um die bis heute von allen Staaten praktizierte „Abschiebung unerwünschter Ausländer“ handelte. Mit einer Vertreibung von Menschen aus ihrer angestammten Heimat haben sie nichts zu tun. Deswegen ist es auch nicht angebracht, diese preußische Maßnahme quasi als Einleitung in ein Buch aufzunehmen, das sich dem Titel nach mit der „Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert“ befaßt.

Helmut Neubach (KK)

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