Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1256.

Gewebe, kein Gespinst

Kattowitzer Künstlergruppe im Oberschlesischen Landesmuseum

Textile Kunst hat in Schlesien eine lange Tradition. Berühmte Künstler dieses Genres sind Max Wislicenus und seine Frau Else. Beide haben um 1900 die Textilklasse an der Breslauer Akademie eingerichtet. Die 1991 gegründete Kattowitzer Künstlergruppe „Przekaz“ (Übertragung) schlägt mit ihren bemerkenswerten Arbeiten einen Bogen in die Gegenwart.

Sie leugnet dabei nicht ihre Verbundenheit mit den wichtigen Strömungen und Künstlern des 20. Jahrhunderts: „Conceptual Art“, „Pop Art“, „Ready Mades“, Robert Rauschenberg und Claes Oldenburg. Gleichwohl interpretieren die 15 Künstlerinnen und Künstler textile Kunst in einem weiteren Sinne.

Die Werke dieser Künstlergruppe widersprechen der Annahme, daß Beschäftigung mit dem Textilstoff eine „Frauensache“ ist und allein der Anwendbarkeit gerecht sein soll. Der Begriff „Stoff“ bzw. „Textilstoff“ wird bei Przekaz zum „Kunst-Stoff“,  indem die Aspekte des Kunstgewerblichen in das Universale und in die Kunst übertragen werden. Denn es handelt sich nicht um angewandte, sondern um freie Kunst, die mit Hilfe des Textilmaterials, -stoffs, -fadens die Vielfalt der Objekte konstruiert.

Lebensmittelpunkt und Bezugsregion der 1991 gegründeten Gruppe ist Oberschlesien. Alle Mitglieder haben dort ihre Wurzel, obwohl sie in anderen Zentren ihre künstlerische Ausbildung bzw. Stationen absolviert haben und auch heute national wie international tätig sind. Przekaz war und ist heterogen. Die Gruppe versammelt Künstlerinnen und Künstler verschiedener Generationen, verschiedener Ausbildungszweige der Kunstakademie und unterschiedlicher Formensprache. Einen gemeinsamen Nenner bilden der Stoff und die Idee des Gewebten – daran knüpft das Konstrukt sämtlicher Kunstwerke der Gruppe an. Jedoch wollen ihre Mitglieder nicht als Vertreter einer Gattung, etwa als Weber, verstanden werden.

Die Offenheit bei der Zusammensetzung der Gruppe setzt sich in der offenen Formel der Kunstwerke fort. So werden die Textilien mit anderen reizvollen Materialien kombiniert. Die Struktur dieser originellen Wand- und Bodenobjekte sowie Textilbilder kann als Erweiterung der Idee des Abstrakten, des Konstruktiven oder des Dekorativen wahrgenommen werden. Ungeachtet der Definitionen bieten die Arbeiten viel mehr als nur Antworten auf die Frage nach der Interpretation. Sie eröffnen im wahrsten Sinne des Wortes eine Welt stofflicher Vielfalt. Das Oberschlesische Landesmuseum präsentiert 15 Künstlerinnen und Künstler, deren Werke einen guten Überblick über das Schaffen im Bereich der Textilkunst in Schlesien geben. Gleichzeitig spiegeln sie die Individualität der einzelnen Persönlichkeiten und eine Vielfalt von Bezügen zur schlesischen Region in den verschiedenen Techniken und „Kunst-Stoffen“ wider.

(KK)

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