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Ausgaben: Ausgabe 1353.

Glaubenskampf unter Glaubensbrüdern

In Rumänien zeichnet sich ab, wie der Islam von Islamisten unterwandert wird

Glaubenskampf1Unter strahlend blauem Himmel geht dieser Freitag in Konstanza am Schwarzen Meer in Rumänien langsam in den Abend über. Aus den Restaurants im historischen Zentrum der Metropole, die unter dem Namen Tomis schon in der Antike eine bedeutende Hafenstadt war, klingen ganz verschiedene Töne auf die Straße: schmissige Rhythmen von Roma-Bands, elegante Salonmusik der Zwischenkriegszeit, populäre Folklore. In den Seitengassen schreien barfuß spielende Kinder, Männer auf weißen Plastikstühlen streiten vor einer schmuddeligen Bar laut über Politik.

Mitten in diesem Klanggewirr ertönen plötzlich aus Lautsprechern am Turm eines schmucklosen, aber auffälligen Gebäudes laut orientalische Klänge: „Allahu akbar“, schmettert es von oben in den Vorabend. Einige Minuten dauert der Gebetsruf – und keiner stört sich daran. Die fünftgrößte Stadt Rumäniens in der historischen Region Dobrudscha ist Sitz eines orthodoxen Erzbistums. Zu den knapp 300 000 Einwohnern der Stadt zählen aber auch rund sechs Prozent Muslime. Rund 300 davon haben sich hier in der alten Moschee Hunkiar versammelt. Über eine Stunde knien sie in der stickigen Hitze zum Freitagsgebet mit dem erst 37-jährigen Großmufti Yussuf Muurat und weiteren Imamen. Männer und Frauen beten im gleichen Raum, Männer vorne, Frauen hinten. Auch im Vorraum knien viele Frauen mit bunten Kopftüchern.

Für die orthodoxen Rumänen in der Dobrudscha ist der Islam ein selbstverständlicher Bestandteil der religiösen Landschaft. 1878 kam die Region zwischen der Donau und dem Schwarzen Meer vom Osmanischen Reich zum neuen Fürstentum und späteren Königreich Rumänien. Der neue Staat sicherte den Muslimen, ethnisch meist Krim-Tataren und Türken, volle religiöse Freiheit zu, was diese stets mit Loyalität zu Staat und Königshaus würdigten. König Carol dankte den Muslimen für ihre Treue zum neuen Staat, indem er ihnen 1906 eine Moschee in Bukarest und 1910 die König-Carol-Moschee in Konstanza stiftete, bis heute die größte Moschee in Rumänien und eines der Wahrzeichen der Stadt.

Glaubenskampf2Seit rund 800 Jahren leben Muslime und Christen nun friedlich auf dem Gebiet des heutigen Rumänien zusammen, seit Seldschuken auf ihren Eroberungszügen im 13. Jahrhundert den Islam in der Dobrudscha verbreitet haben. Dass das Zusammenleben bisher so reibungslos klappt, ist auch den Muslimen zu verdanken, die sich nicht abschotten. Muslime und Christen begegnen sich im Alltag mit höchstem Respekt. Großmufti Muurat hat bei der orthodoxen theologischen Fakultät Konstanza seine Doktorarbeit eingereicht zum Thema „Islam und Menschenrechte“, Betreuer war der orthodoxe Erzbischof Teodosie von Tomis/Konstanza. Thematisiert wird darin auch Religionsfreiheit für Christen in islamischen Ländern.

In der Dobrudscha gibt es derzeit 78 Gemeinden mit Moscheen, rund 50 Imame und zirka 70 000 Gläubige, berichtet Muurat. Die Muslime sind hervorragend integriert und als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt wie die Kirchen. Die Frage der Integration etwa im deutsch-türkischen oder französisch-arabischen Sinne stellt sich in der Dobrudscha gar nicht, denn die alteingesessenen Moslems waren immer schon da. Den Status als anerkannte Religionsgemeinschaft hatten sie sogar in kommunistischer Zeit. Und in einer Phase härtester Repressalien setzte es die Gemeinde von Bukarest per Gerichtsbeschluss gegen das Regime durch, dass sie 1960 eine neue Moschee bauen durfte, nachdem die Kommunisten 1959 die bisherige hatten abreißen lassen, wie der Bukarester Imam Aziz Besir Osman (73) erzählt.

Laut Großmufti Muurat gibt es drei Typen von Muslimen in Rumänien. Der erste Typ sind die seit Jahrhunderten in der Dobrudscha ansässigen Krim-Tataren und Türken, die rumänische Staatsbürger sind. Der zweite Typ sind die Muslime aus dem Ausland, die seit 1970 in kommunistischer Zeit zum Studieren oder Arbeiten ins Land gekommen und geblieben sind. Diese Gruppe lebt jetzt schon in der zweiten Generation hier. Der dritte Typ besteht aus Geschäftsleuten, die nach 1990 ins Land gekommen sind, meist Türken und Araber. Allein in Bukarest leben seiner Aussage nach heute rund 10 000 Muslime.

Glaubenskampf3Die Muslime in Rumänien sind traditionell sehr tolerant. Mädchen besuchen Gymnasien, junge Frauen studieren. Für Frauen gilt keine Schleierpflicht in der Öffentlichkeit. Mischehen sind nicht häufig, stellen aber auch kein Problem dar. Die König-Carol-Moschee und andere wie die Sultan-Esmahan-Moschee in Mangalia (1520) oder die Gazi-Ali-Pascha-Moschee in Babadag (1610) im Norden der Dobrudscha sind Glaubensstätten und touristische Sehenswürdigkeiten. Der junge Imam Evren Usein (33) aus Babadag informiert mit mehrsprachigen Flyern auf Rumänisch, Englisch und Türkisch über seine Moschee und wichtige Grabstätten, die als Pilgerziele schon von osmanischen Sultanen besucht wurden. „Uns besuchen auch viele Christen“, sagt er. Die Dobrudscha gilt bisher unter Kennern als leider viel zu wenig beachtetes Modell gelingenden Zusammenlebens zwischen Christen und Moslems in Europa, auf das die Muslime in der Dobrudscha regelrecht stolz sind. „Wir sind treue Muslime und loyale rumänische Staatsbürger“, unterstreicht der Mufti.

Das Muftiat ist indes mit Problemen konfrontiert. Arabern und auch der Türkei missfällt der tolerante Euro-Islam in Rumänien. Achtzehn aus dunklen Kanälen gesteuerte arabische Stiftungen wirken heute auf dem Territorium Rumäniens und unterhalten eigene Gemeinden und Hinterhofmoscheen. „Wir arbeiten mit solchen Stiftungen nicht zusammen, die das Muftiat nicht anerkennen. Das Muftiat ist die älteste muslimische Institution im Lande. Diese kommen nach Rumänien und wissen, dass es hier seit den Zeiten des Osmanischen Reiches ein Muftiat als historische Institution gibt“, kritisiert Muurat. Sein Muftiat ist reich an Geschichte und Tradition, aber arm an Geld. Die finanziell bestens ausgestatteten Stiftungen ziehen ein Parallelprogramm auf, das mit dem traditionell toleranten Euro-Islam in Rumänien nicht vereinbar ist. Ziel ist eine andere Ausrichtung der Muslime in Rumänien, das als EU-Mitglied ein wichtiges strategisches Ziel auf der Suche nach Gotteskriegern ist.

Großen Einfluss übt seit der Wende von 1989 auch die Kultusbehörde Diyanet der türkischen Regierung aus. Sie finanziert mit Millionen von Euros Projekte in Rumänien. Dazu zählen Dutzende von Sanierungen historischer Moscheen und Pilgerstätten wie der Bau von Friedhofshallen und anderen Gebäuden. Die Türkei finanziert aber auch völlig neue Moscheen wie in Lazu sowie neue Minarette neben bestehenden wie etwa in Tuzla, die vor allem höher zu sein haben als die Kirchtürme im Umfeld. Und das Kultusamt entsendet im Rahmen einer gezielten Strategie fundamentalistische Prediger, die sich als „Zweitimame“ in den Gemeinden breit machen, mit dem Argument, dass die türkischen Muslime besser betreut werden müssten.

Der Imam von Tulcea am Donaudelta, Nuredin Amdi (73), hat das rumänische Königreich noch erlebt, dann den Kommunismus, seit 1990 die Demokratie. Er berichtet: „Im Kommunismus wurden Moscheen und der Islam nicht angetastet. Es wurde keine einzige Moschee zerstört.“ Und er ergänzt: „Die Toleranz der Rumänen ist beispielhaft. Alle Nachbarländer wie etwa Bulgarien haben muslimische und türkische Namen geändert, Rumänien nicht.“ Amdi spricht Klartext. „Die türkische Regierung schickt uns diese Imame, um unsere Gläubigen zu beeinflussen. Sie wenden sich vor allem an Türken und Roma und können meist kein Wort Rumänisch oder tun zumindest so. Sie bieten den Gläubigen einen Islam als Wunschkonzert bis hin zu Wunderheilungsgebeten, was wir, die Hodschas aus Rumänien, ablehnen. Wenn du Zahnschmerzen hast, geh zum Zahnarzt, nicht zum Pfarrer“, betont er schmunzelnd. Die türkischen Staatsimame sind finanziell bestens ausgestattet und verdienen ein Vielfaches des Gehalts der hiesigen Imame. Hinter vorgehaltener Hand wird von bis zu 2000 Euro im Monat gesprochen, die Imame aus Rumänien haben 200, im besten Fall 500 Euro.

Die Gastimame und diverse arabische Stiftungen versuchen derzeit, systematisch unter den friedlichen Muslimen Rumäniens gegen Christen und den Westen Stimmung zu machen und mit Bauten Zeichen zu setzen. Sie kritisieren das friedliche religiöse Klima und den Euro-Islam als Leisetreterei und Nachgiebigkeit. Der Staat fördert die anerkannten Religionsgemeinschaften, mischt sich aber nicht in deren innere Angelegenheiten ein. Der Mufti und die autochthonen Imame aus Rumänien hingegen wollen ihren friedfertigen und traditionsreichen Euro-Islam verteidigen. 2015 sind turnusgemäß Neuwahlen der Führung des Muftiats. Aus dem Ausland wird versucht, das seit 2005 amtierende dialogfreundliche Oberhaupt Yussuf Muurat durch einen fundamentalistischen Mufti zu ersetzen. Es tobt ein Kulturkampf unter Glaubensbrüdern mit ungewissem Ausgang.

Jürgen Henkel (KK)

 

Dr. Jürgen Henkel ist Pfarrer der Bayerischen Landeskirche und Publizist. Er leitete von 2003 bis 2008 die Evangelische Akademie Siebenbürgen/EAS in Sibiu/Hermannstadt und ist Gründungsherausgeber der Deutsch-Rumänischen Theologischen Bibliothek/DRThB.

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