Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1290.

Gottes Stimme auf deutsch in Schlesien

Prälat Wolfgang Globisch erhält das Bundesverdienstkreuz

Am Aschermittwoch konnte Prälat Wolfgang Globisch, der Bischofsbeauftragte für die Minderheitenseelsorge in der Diözese Oppeln (Opole), das ihm von Bundespräsident Horst Köhler verliehene Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland im deutschen Generalkonsulat Breslau (Wroclaw) entgegennehmen.  Die feine Symbolik, die in der Ordensübergabe gerade an diesem Tag steckt, an dem die katholische Kirche die Gläubigen zur Gemahnung an ihre Vergänglichkeit mit Asche bekreuzigt, dürfte den Geehrten besonders gefreut haben, versteht er sich doch in erster Linie als selbstloser, demütiger Diener Gottes und der Kirche.

In der Begründung für die Auszeichnung mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse – der dritten Ordensstufe nach der Verdienstmedaille und dem Verdienstkreuz am Bande – wird Prälat Globisch eine „Symbolfigur der deutsch-polnischen Verständigung und Aussöhnung, der Seelsorge der katholischen Kirche für die deutsche Minderheit und die der Roma sowie für die Pflege und Weiterentwicklung der deutschen Kulturarbeit“ genannt. Im Blick stehen dabei insbesondere drei von ihm ins Leben gerufene Einrichtungen und Veranstaltungen: Die nach Joseph von Eichendorff benannte Caritas-Zentralbibliothek in Oppeln hat sich mit ihrem umfangreichen deutsch-polnischen Medienbestand und ihrer Veranstaltungs- und Öffentlichkeitsarbeit zur bedeutendsten zweisprachigen Kultureinrichtung in der Diözese/Woiwodschaft entwickelt, die vor allem von Schülern, Studenten, Lehrern, Wissenschaftlern und Publizisten in Anspruch genommen wird. Ein Netz von 78 Filialen sowie zwei Bücherbusse versorgen rund 150 Ortschaften mit Literatur; mit dem Medienbestand in deutscher Sprache wird der Deutschunterricht wirksam unterstützt, und die im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit stattfindenden Veranstaltungen tragen dazu bei, das vielfältige literarisch-kulturelle Erbe Schlesiens einem größeren Interessentenkreis zu vermitteln.

Bei den Wallfahrten der deutschen Minderheit und der Roma auf den St. Annaberg (Gora Sw. Anny) sowie die Wallfahrten der Nationen nach Maria Hilf bei Zuckmantel (Zlaté Hory) im Altvatergebirge begegnen sich Vertriebene und deren Nachkommen aus Deutschland und Österreich und die nach dem Zweiten Weltkrieg dort angesiedelten Polen bzw. Tschechen – demnächst zum fünfzehnten Mal – und fördern so das gegenseitige Verständnis.

Von den Schlesienseminaren in der Bildungs- und Begegnungsstätte Groß Stein (Kamien Slaski), die in diesem Jahr ebenfalls zum fünfzehnten Mal veranstaltet werden, gehen wertvolle Impulse für die Bewahrung der Kultur der Minderheit in den drei Ländern aus, die heute Anteil am historischen Schlesien haben. Hinter den Veranstaltungen stehen mittlerweile auch das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in der Republik Polen.

Um die Bedeutung, die Prälat Globisch für den Zusammenhalt der deutschen Volksgruppe in Oberschlesien und den Erhalt ihrer sprachlich-kulturellen Identität hat, besser würdigen zu können, sollte man zusätzlich einige Facetten seines Lebens und Wirkens kennen. Geboren und aufgewachsen ist er in Sakrau bei Oppeln. Nach dem Krieg war seine Familie wie viele andere den Drangsalierungen und Demütigungen durch polnische Milizen ausgesetzt, die ihr Hab und Gut wegnahmen und den Vater ohne triftigen Grund mehrfach inhaftierten, u. a. im berüchtigten Todeslager Lamsdorf; an den dabei erlittenen gesundheitlichen Schäden ist er früh verstorben. Für den Sohn vielleicht der entscheidende Beweggrund, Priester zu werden und sein Leben in den Dienst der Mitmenschen und der Versöhnungsarbeit zu stellen.
Schon als junger Pfarrer hat er 1965 Kontakt zu der Aktion Sühnezeichen aufgenommen und die erste Gruppe „Friedensdienst“ Leistender mit dem Fahrrad von Görlitz ins ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu Gebet und Arbeit begleitet. In den Folgejahren initiierte er als Ministranten-Seelsorger der Diözese die Sternsinger-Aktionen des bekannten Kindermissionswerks. Nach Abschüttlung des kommunistischen Jochs im Land und Erlangung des Minderheitenstatus der deutschen Volkgruppe in Oberschlesien fand er zu seiner Lebensaufgabe als leitender Seelsorger für die Minderheit an der Seite des Diözesanbischofs.

In dieser Funktion hat Wolfgang Globisch gleich zu Beginn der 1990er Jahre Richtlinien für die Minderheitenseelsorge erarbeitet. Für Priester, Organisten und Lektoren in den zweisprachigen Gemeinden wurden Sprachkurse durchgeführt und Hilfen für den Gottesdienst erstellt: das zweisprachige Gebet- und Gesangbuch „Weg zum Himmel – Droga do Nieba“. Ein ebenfalls zweisprachiges Gebet- und Gesangbuch für Kinder folgte. Mittlerweile gibt es auch das zusammen mit dem Regens des Priesterseminars redigierte Liederbuch „Stimme des Herzens“ mit den bekanntesten deutschen und polnischen Volks-, Wander-, Kinder- und geistlichen Liedern. Um den Erhalt der deutschen Sprache in der Kirche rechtlich und pastoral abzusichern, wurden auf Globischs Betreiben die wichtigsten Anliegen der Minderheitenseelsorge in den 2005 verabschiedeten Statuten der 1. Diözesansynode verankert. Der jeweils zweite Sonntag im Juni hat nun mehr als „Tag der Minderheiten“ Eingang in den liturgischen Kalender der Diözese gefunden.

Obwohl Prälat Globisch das 77. Lebensjahr überschritten hat und Erzbischof Nossol, dem er für die genannte seelsorgliche Aufgabe 20 Jahre zur Seite stand, seit einem halben Jahr emeritiert ist, waltet er auf Ersuchen des neuen Diözesanbischofs noch bis Mitte des Jahres seines Amtes. Vielleicht ist dabei ja mitbedacht worden, daß die deutsch-polnische Caritas-Zentralbibliothek in Oppeln Ende Mai zehn Jahre im dafür geschaffenen Gebäude bestehen wird und die obligate Feier dieses Jubiläums den passenden Rahmen für Globischs Verabschiedung bilden könnte.

Norbert Willisch (KK)

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