Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1330.

Gottesglaube unter Dach und Fach

Deutsch-polnische Zusammenarbeit bei der Behebung der Schadstelle an der Marienkirche in Königsberg in der Neumark/Chojna

Gottesglaube_obenIm ehemaligen Königsberg in der Neumark, heute Chojna in Polen, steht die prächtigste spätmittelalterliche Kirche im unteren Oderraum. Das Meisterwerk des Stettiner Baumeisters Hinrich Brunsbergh ist in den Jahren 1389–1459 entstanden. Der weithin sichtbare 102 Meter hohe Turm dagegen ist jünger und stammt aus dem 19. Jahrhundert nach einem Entwurf des Berliner Architekten Friedrich August Stüler. Beide Bauteile wurden 1945 durch Brand zerstört und werden seit über 20 Jahren in einer deutsch-polnischen Kooperation wiederaufgebaut. Anstoß hierzu gab ein deutscher Architekt aus Hannover, Günther Kumkar. Inzwischen hat die Kirche ihr 40 Meter hohes Dach wieder erhalten, der Turm ist mit einem Kupferhelm gedeckt und kann bis zu einer Aussichtsplattform bestiegen werden. Im Innern wird die Hallenkirche zu Gottesdiensten und Konzerten genutzt, die stimmungsvolle kleine Marienkapelle dient abendlichen Lesungen.

Gottesglaube_untenBei allen Bauarbeiten blieb allerdings ein Abschnitt unberücksichtigt, ein offener Bereich zwischen Turm und Kirchendach, in den es seit 67 Jahren hineinregnete. Diese Dachlücke ist nun im November letzten Jahres endlich geschlossen worden. Damit sind im Äußeren alle großen Kriegsschäden beseitigt. Eine Stettiner Firma hat nach den Plänen des polnischen Architekten M. Plotkowiak, ebenfalls aus Stettin, die Dachdeckungsarbeiten ausgeführt. Dabei wurden allerdings stark profilierte S-Pfannen im Einvernehmen mit der Stettiner Denkmalpflege verwendet, also nicht mehr die sogenannten Mönch- und Nonnenziegel aus den 90-er Jahren, die jetzt auf dem Kirchendach liegen und sich leider nicht bewährt haben. Beides harmoniert aber sehr gut.

Das Schwierigste bei dieser Baumaßnahme bildete die Finanzierung. Denn nach dreijähriger Antragstellung konnten endlich die Mittel aus drei Quellen eingeworben werden. So haben das polnische Kulturministerium in Warschau, die Stadt Chojna und das deutsche Ministerium, der Beauftragte für Kultur und Medien in Bonn Mittel, eine sogenannte Zuwendung bereitgestellt. Bauherr ist die deutsch-polnische Stiftung Marienkirche mit Sitz in Königsberg/Chojna.

Diese Stiftung hat die Trägerschaft bei allen Maßnahmen im Bereich der Marienkirche. Dazu gehören nicht nur die Bauarbeiten, sondern auch die Ausrichtung der „Tage der Integration“ Ende August eines jeden Jahres, die in Zusammenarbeit mit der Stadt vorbereitet werden und nicht nur im Oderraum, sondern bundesweit Gäste nach Königsberg locken. Bei diesem fast schon „Festival“ zu nennenden Ereignis erleben die Besucher in der riesigen Hallenkirche und im historischen Rathaus Konzerte, Lesungen und nicht zuletzt einen ökumenischen Gottesdienst unter der abwechselnden Leitung von polnischen und deutschen Bischöfen. In diesem Jahr wird in der Marienkirche die bemerkenswerte Wanderausstellung über den Baumeister Hinrich Brunsbergh gezeigt, der u. a. neben drei wunderbaren Hallenkirchen mit Umgangschor auch zwei Rathäuser im kleinen Königsberg/NM und in Tangermünde errichtet hat.

Es lohnt also ein kleiner Abstecher nach Königsberg/Chojna, zwölf Kilometer hinter der Oder in Höhe von Schwedt, das vor dem Krieg als das „Rothenburg der Neumark“ bezeichnet wurde. Trotz der Zerstörungen im Krieg bietet die Stadt auch heute einiges: neben der Marienkirche und dem alten Rathaus das mittelalterliche Augustinerkloster und zwei Stadttore innerhalb eines Mauerrings, der von der Kommune langsam renoviert wird. Man kann im Rathaus oder am Markt gut essen oder einen schönen Spaziergang entlang der Stadtmauer rund um die Stadt  machen. Auch die Umgebung mit vielen Badeseen ist sehr reizvoll.

Dominierendes Zentrum der Stadt bleibt aber die riesige Marienkirche, die neben dem wunderbaren Rathaus zum zweiten Wahrzeichen von Königsberg/Chojna geworden ist. Bei der Rettung dieses europäischen Baudenkmals ist die Stiftung mit der Eindeckung wieder ein Stück weiter gekommen, aber, wie der deutsche Förderverein immer wieder betont: Es gibt, besonders im Inneren, noch viel zu tun.

Peter Helbich (KK)

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