Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1248.

Grau, teurer Freund, ist alle Ideologie

Ein lettischer Student erlebt in Estland, wie Geschichte des Baltikums und der Deutschbalten ohne politisch getönte Brille aussehen kann

Was nimmt der Teilnehmer eines Seminars mit nach Hause? Was bleibt davon im Gedächtnis als angenehme Erinnerungen, wenn die Einzelheiten schon vergessen sind? Erstens das Neue, und zweitens das Schönste, das man erlebt hat. Von der Arbeitsfreizeit in Tallinn (Reval) haben wir, lettische Studenten, von beidem ganz viel mitgenommen.

Was das Neue angeht, so war im Grunde schon die Idee des Treffens selbst etwas ganz Ungewöhnliches. Jeder Lette, der im Geschichtsunterricht in der Grundschule aufpaßt, weiß von der deutschen Präsenz im Baltikum, von der gemeinsamen Geschichte also, eine Menge zu erzählen. Doch diese Erzählungen sind meist mit der Jahreszahl 1939, durch das schicksalhafte Ende des Jahrhunderte langen Zusammenlebens, gekennzeichnet. Anders ausgedrückt, die Deutschbalten in Lettland und Estland sind für einen Durchschnittsletten oder -esten fast nur ein geschichtlicher Begriff. Dabei ist auch nicht zu übersehen, daß diese Vorstellung von den einstigen Mitbürgern sehr stark und bewußt ideologisiert worden ist und teilweise auch die Last der in der Sowjetzeit propagierten, äußerst negativen Assoziationen mit sich trägt – man denke an den Mythos von der 700 Jahre andauernden Versklavung der Letten durch die Deutschen oder an das sowjetische Propagandabild mit dem blutrünstigen deutschen Baron, dem versklavten lettischen Bauer und dem großherzigen russischen Soldaten, der den „kleinen Bruder“, den Letten, vom deutschen Joch befreit.

Freilich, nicht nur solche banal politisierten Vorstellungen hat ein lettischer Germanistikstudent im Hinterkopf, als er von Babette Baronin von Sass (Deutsch-Baltischer Verein e.V.), der Organisatorin des Treffens, zu einer studentischen Freizeit eingeladen wird, doch eins ist sicher: Nicht jeden Tag begegnet man den Kindern und Enkelkindern derjenigen Leute, die vor drei Generationen hierzulande ansässig waren, die das schöne Gebäude der Straße gegenüber oder das prächtige Gutshaus bewohnten, das in der Nähe des ländlichen Bauernhofes seines Großvaters liegt. Was sind das für Leute, von denen auch noch die meisten das Adelsmerkmal „von“ mitten in ihrem Namen tragen? Wie sind die Nachkommen, unsere Altersgenossen?

Der erste Eindruck unmittelbar nach der Ankunft in Tallinn war ein angenehm überraschender. Obwohl wir in einer fremden Stadt gelandet waren und von der estnischen Sprache kein einziges Wort verstanden, fühlten wir uns bereits nach ein paar Tagen wie zu Hause oder wie bei guten Freunden, alles war sorgfältig vorbereitet worden: das bequeme Academic Hostel am waldigen Stadtrand (zu dem man mit genau solchen Omnibussen gelangt, wie wir sie von Riga kennen!), die Räume im Stadtarchiv, wo wir täglich einen Vortrag mit anschließender Diskussion hatten, und ein Bus, mit dem wir unter der Leitung von Frau Dr. Saagpakk eine spannende Besichtigung der Stadt Tallinn machten und an einem anderen Tag zu einem nordestnischen Moor sowie zum Gutshof Palmse fuhren.

Wer sich von uns bis dahin nicht so sehr in der baltischen Geschichte auskannte oder nur einen allgemeinen Wissensstand über die deutschbaltische Rolle in der Vergangenheit besaß, der konnte während jener Augustwoche durchaus viel und, was uns Studenten besonders am Herzen liegt, abwechslungsreich und frei lernen. Diesbezüglich danken wir recht herzlich dem Leiter unserer Freizeit, Detlef Henning, welcher vom ersten bis zum letzten Tag unseres Aufenthaltes den Verlauf der Freizeit organisierte, mehrere Vorträge hielt und zur Diskussion anregte. Auch die Vorträge der estnischen Referenten, die im Stadtarchiv auftraten, Dr. Kivimäe und Dr. Kreem und Dr. Jfujo, fanden wir Letten besonders spannend, vor allem die Art und Weise, wie unsere nördlichen Nachbarn ihre – und zugleich die deutschbaltische – Vergangenheit interpretieren. So manches erinnert an die „traditionelle“ lettische Geschichtsschreibung und ähnliche Diskussionen in Riga, andererseits ist ein gravierender Unterschied in dieser Geschichtsinterpretation, im Umgang mit dem deutschen Erbe im Baltikum allgemein zu bemerken. Die Esten haben sich nämlich augenscheinlich (zumindest auf der Ebene der Wissenschaft und Öffentlichkeit) von der politisierten negativen Einschätzung der deutschen Anwesenheit viele Jahrhunderte hindurch befreien können und messen den kulturellen Werten und Kontakten zwischen Deutschland und dem Baltikum große Bedeutung bei. Wir Letten, die wir uns der Bedeutung dieser Kontakte in der Geschichte und in der Zukunft bewußt sind, wünschen uns eine ähnliche Entwicklung in der Geschichtsinterpretation in Lettland.

Daß es einen guten Grund gibt, diese künftigen Kontakte auf freundschaftlicher und kultureller Basis aufzubauen, davon war wohl jeder überzeugt, als wir uns nach mehr als einer Woche Beisammensein voneinander verabschiedeten.

Hier war kein Platz für Vorurteile oder negative Emotionen. Das einzige, was fehlte, war die Beteiligung der estnischen Studenten. Zwar waren mehrere Studentinnen russischer Herkunft aus Tallinn dabei (wobei sich die nationale Vielfalt vor allem in den leidenschaftlichen Diskussionen über die Unruhen in Tallinn im Frühjahr 2007 als sehr fruchtbar erwies und dabei unsere freundschaftlichen Beziehungen keineswegs verderben konnte), aber wir vermißten unsere estnischen Kommilitonen. Hoffentlich wird dies beim nächsten Treffen anders sein. Ein den meisten lettischen Studenten neues Erlebnis und zugleich ein festlicher Abschluß der Seminarfreizeit war der Sommerball im Lehrerhaus mitten in der Altstadt, wo unter anderem auch die vorher mit Martin Pabst eingeübten deutschbaltischen Tänze getanzt wurden.
Ohne etwas schönzureden oder zu übertreiben, kann man sagen, daß diese aktive Freizeit ein aufs beste gelungenes und schönes Treffen war. Jetzt im Herbst, am Anfang des neuen Semesters, wenn die meisten von uns wieder die Schulbank drücken, sind die Erinnerungen an die sonnigen Tage in Tallinn immer noch wach.

Wenn wir jetzt das Wort „Deutschbalten“ hören, so denken wir in erster Linie an unsere Freunde, mit denen viele von uns fast jeden Tag aktive Kontakte pflegen und die wir unbedingt wieder treffen möchten.

Imants Cirulis (KK)

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