Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1219.

Grauer Fleck mitten in Europa

Dabei ist diese Kulturlandschaft keineswegs grau, wie Veranstaltungen über die Neumark in Potsdam und Landsberg/Gorzow zeigen

Altmark, Mittelmark, Uckermark und Neumark stehen in der Mark Brandenburg für die Etappen der deutschen Ostsiedlung im Mittelalter. Die Neumark liegt östlich der Oder sowie nördlich der Warthe-Linie. Sie gehört zum östlichen Teil der früheren Mark Brandenburg, der seit 1945 polnisches Hoheitsgebiet ist. Einige Experten zählen das gesamte historische Ost-Brandenburg nördlich und südlich der Warthe, also auch das Sternberger Land und Teile der Lausitz, zur Neumark. Der Name war zu keiner Zeit eine Bezeichnung für eine Verwaltungseinheit. Heute ist das Gebiet aufgeteilt zwischen den polnischen Woiwodschaften Westpommern und Lebus. Wichtige Grenzübergänge wie Schwedt, Küstrin, Frankfurt an der Oder, Guben und Forst verbinden die früheren östlichen und mittleren Teile der Mark Brandenburg.

Daß diese Region östlich und westlich der Oder bis 1945 eine Einheit war, ist den meisten Zeitgenossen in Deutschland nicht mehr geläufig. Bei der Aufzählung der reichsdeutschen Vertreibungsgebiete „unterschlagen“ selbst Vertriebenenpolitiker das historische Ost-Brandenburg, ja häufig wird es sogar Schlesien oder Pommern zugeschlagen.

Als Licht am Ende des Tunnels allgemeiner Unkenntnis muß nun aber die Potsdamer Ausstellung „Die Neumark – Begegnung mit einer historischen Landschaft“ rühmend erwähnt werden. Sie war vom 17. Februar bis zum 9. April im Kutschstall am Neuen Markt zu sehen; verantwortlich zeichneten das Deutsche Kulturforum östliches Europa und das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Muzeum Lubuskie in Landsberg an der Warthe. Laut Katalog ist „die Ausstellung thematisch nach architektonischen Zeugnissen deutscher Kultur in der Neumark gegliedert. Sie zeigt auf 25 Tafeln ausgewählte zeitgenössische und historische Abbildungen von Städten, Klöstern, Kirchen, Schlössern und Herrenhäusern.“ Wenn man bedenkt, daß noch im Preußenjahr 2001 die Landesregierung Brandenburg zusammen mit dem Senat von Berlin Preußen ausschließlich westlich der Oder in Brandenburg stattfinden ließ (so im Katalog zur Preußenausstellung mit Einführungen von Manfred Stolpe und Eberhard Diepgen), so ist diese Ausstellung immerhin ein Fortschritt im Lernprozeß in Sachen deutscher Geschichte.

Die Neumark war auch Thema einer Vortragsreihe in Landsberg an der Warthe/Gorzow. Sie wurde veranstaltet von der Woiwodschafts- und Stadtbibliothek Gorzow gemeinsam mit der Stiftung Brandenburg in Fürstenwalde und fand zwischen September 2004 und Februar 2005 in Landsberg statt. Der bemerkenswerte Titel lautete „Die Neumark – eine vergessene Provinz – die gemeinsamen Wurzeln“. Es referierten vier polnische und zwei deutsche Wissenschaftler: Dr. Schmook, Direktor des Oderland-Museums in Bad Freienwalde, der bekannte Mediävist Prof. Dr. Schich, bis zur Emeritierung Lehrstuhlinhaber an der Humboldt-Universität, und von polnischer Seite Wissenschaftler der Universitäten Posen und Grünberg. Der Motor der gesamten Vortragsreihe war der erste Kurator der Stiftung Haus Brandenburg, Dietrich Handt. Alle Vorträge sind in einer zweisprachigen Veröffentlichung 2005 erschienen. Interessenten wenden sich an die Stiftung Haus Brandenburg, Telefon 03361/310953. Die Themen deuten auf  bemerkenswerte Akzente hin, im einzelnen wurden behandelt: Hans von Küstrin, Friedrich der Große in der Beurteilung polnischer Historiker, markgräfliche Stadtgründungen in der Neumark, die Architektur der gotischen Kirche in Landsberg.

Preußens Kernlande lagen überwiegend östlich der Oder, im heutigen Polen, was vielfach in Deutschland nicht mehr wahrgenommen wird, siehe Preußenjahr 2001; die Bezeichnung Neumark = Nowa Marchia wird offensichtlich auch von polnischen Historikern übernommen, die These von den urslawischen und befreiten Gebieten wird zugunsten der historischen Wahrheit über die Vergangenheit der deutschen Ostprovinzen zurückgedrängt, obwohl sie noch in zahlreichen polnischen Köpfen schlummert.

Allein der Beitrag des polnischen Referenten Dr. Rymar über das politische Leben in Gorzow/Landsberg von 1945 bis 1948 kann nicht befriedigen. Er beschäftigt sich ausschließlich mit polnischen politischen Gruppierungen und verliert keine Silbe über die Vertreibung von Tausenden von Landsbergern im Sommer 1945 sowie über die Rolle der noch anwesenden Einheiten der Roten Armee; ich selbst habe dies als Zehnjähriger erlebt und ging mit großer Spannung an die Lektüre des Beitrags. Die Enttäuschung war groß, und die Frage stellt sich, welche Funktion ein solcher Vortrag hat. Man gewinnt den Eindruck, als hätten sich aus der Retorte und nicht aus einer mehrere hundert Jahre alten deutschen Stadt urplötzlich Organisationen entwickelt, die sich politisch in einem rein polnischen Gemeinwesen tummelten. Mit dem Titel der Reihe und der Publikation „Die Neumark – eine vergessene Provinz“ hat dieser Beitrag nichts zu tun.

Grundsätzlich ist diese Vortragsreihe aber zu begrüßen, sie soll fortgesetzt werden. Ein Problem ist die geringe Publizität in Deutschland; künftig sollten bei diesen oder vergleichbaren Veranstaltungen die entsprechenden Fachbereiche der Brandenburger und Berliner Universitäten informiert werden.

Karlheinz Lau (KK)

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