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Ausgaben: Ausgabe 1296.

Grüne Mutter Bukowina

Wie vielfarbig dieses Grün einst war, zeigte in München eine Ausstellung über deutsch-jüdische Schriftsteller

Im Haus des Deutschen Ostens, München, – in Zusammenarbeit mit der Literaturhandlung St. Jakobsplatz – wurde zum ersten Mal eine künstlerisch-literarische Dokumentarschau gezeigt, die kostbare Handschriften, Gedichte und Briefe, seltenes Pressematerial aus der Zwischenkriegszeit, Erstausgaben von Lyrikbänden sowie Grafiken, Zeichnungen und Objekte von großem symbolischem Aussagewert aus der und zur Bukowina präsentierte.

Die thematisch weitgespannte Ausstellung sollte auf die spirituelle Vielfalt einer einst deutsch-jüdisch, doch auch multiethnisch und multikulturell geprägten Landschaft hinweisen. Das suggerierte auch der Titel des Vorhabens, der aus einem Heimatgedicht von Rose Ausländer stammt: „‚Grüne Mutter Bukowina‘. Deutsch-jüdische Schriftsteller. Eine Dokumentation in Handschriften, Büchern und Bildern.“

Ebenfalls ein Novum in der grenzüberschreitenden Tätigkeit des Hauses, um die sich bisher auch Direktor Dr. Ortfried Kotzian verdient gemacht hat, war die musikalische Einstimmung am Abend der Vernissage. Hier wurden zum ersten Mal ostjüdische Melodien aus der Bukowina, aus Galizien und Bessarabien, oft schwermütig oder heiter, von zwei bekannten Klesmerinterpreten – Leonid Peysach (Klarinette) und Igor Brouskin (Klavier) – geboten.

Nach der Begrüßung der zahlreichen Gäste durch die stellvertretenden Direktorin Brigitte Steinert führte Dr. Claus Stephani, Kurator der Ausstellung, in die bukowinische Thematik und „die Welt von einst am Rande der Karpaten“ ein. Denn „nach der Umsiedlung der Deutschen 1940, der Deportation und Vernichtung der Juden 1941/42 und der Vertreibung der Ungarn 1942 ist die Bukowina nun zu einem ‚Land der Vergangenheit‘ geworden, einem Land, in dem man nur noch ‚in der Erinnerung beheimatet‘ sein kann“.

Die Reihe der 20 hier präsentierten deutsch-jüdischen Schriftsteller, die aus der Bukowina stammen und von denen die meisten später im deutschen Sprachraum und im europäischen Westen bekannt wurden, reichte von Rose Ausländer, Lotte Berg und Paul Celan bis Otto Seidmann, Immanuel James Weißglas und Manfred Winkler. Wie aus dem Ausstellungskatalog zu ersehen ist, vereinte die Dokumentarschau auch eine Reihe äußerst seltener Erstausgaben, so den Debütband von Rose Ausländer (damals noch: Scherzer-Ausländer), der 1939 unter dem Titel „Der Regenbogen“ in Czernowitz erschienen ist und dessen Auflage bald danach beinahe vollständig vernichtet wurde. Großen Seltenheitswert besitzen auch die Erstlingsbände von Alfred Kittner, „Der Wolkenreiter“ (Czernowitz 1938) und von Alfred Margul-Sperber, „Gleichnisse der Landschaft“ und „Geheimnis und Verzicht“ (Czernowitz 1934 bzw. 1939, beide mit handschriftlichen Widmungen an seinen Jugendfreund Lothar Wurzer (später bekannt unter dem Namen Lotar Rãdãceanu).

Dann sollte hier auch an die handschriftlich erhaltenen Gedichthefte aus Kittners Jugendzeit erinnert werden, die er mitnahm, als er in das Lager Cariera am Bug deportiert wurde. Es war jenes berüchtigte KZ im rumänisch besetzten und verwalteten Transnistrien, wo die junge Czernowitzer Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger drei Monate lang mit ihren Eltern unter freiem Himmel kampieren mußte, um dann am 16. Dezember 1942, im Alter von 18 Jahren, jene Welt des Unmenschentums für immer zu verlassen.
Neben Schriften und Büchern wurden auch 25 Grafiken – Linolschnitte, Siebdrucke, Lithographien und Zeichnungen sowie einige seltene Fotografien – gezeigt. Es sind Arbeiten bekannter Künstler wie Otto Piene, Ludovic Balogh, Maurice Fischer, Mosche Krinitz, Rudolf Rybiczka, Aurel Jaquidi, Veronica Porumbacu und Sofia Fränkel, die sich auf das Werk der ausgestellten Schriftsteller beziehen. Die farbigen Siebdrucke von Otto Piene mit Gedichten von Rose Ausländer wurden alle noch von der Dichterin selbst signiert.

In drei großen Schrankvitrinen konnte man dann einige Objekte von besonderem Symbolwert sehen, so ein Lesepult aus einem Bethaus in Czernowitz, zwei Schabbatleuchter und einen Chanukkaleuchter aus Mariensee (Carlibaba Veche) oder die Laubsägearbeit eines jüdischen Schülers mit dem Anfang eines bekannten Gebets, des „Schma Israel“. Diese kleine Tafel stammt aus der ehemaligen hebräischen Schule in Unter-Staneschtie (Stanestii de Jos) am Molnitzflüßchen, einem einst jüdisch-schwäbischen Dorf in der heute ukrainischen Nordbukowina.

Schmerzlich beeindruckend war auch das Bruchstück eines jüdischen Grabsteins aus Jakobeny (Iacobeni, Südbukowina), auf dem die hebräischen Buchstaben Bet, Sin und Chet zu erkennen sind. Dieser Stein wurde nach 1990 (!) mit anderen Brocken ehemaliger Friedhofsteine zur Aufschüttung der Schlaglöcher auf der Landstraße zwischen Jakobeny und Mariensee (Carlibaba) verwendet. Eine Touristin, die vor einigen Jahren jene Gegend besuchte, fand ihn zufällig und schenkte ihn später Claus Stephani.

Auch dieser graue Stein erzählt ohne Worte von der verlorenen und verlassenen Landschaft, von der „Grünen Mutter Bukowina“, in deren kulturgeschichtlich deutsch-österreichisch und deutsch-jüdisch geprägtem Haus einst zwölf verschiedene Ethnien friedlich beisammen lebten. Denn außer Rumänen, Ruthenen (Huzulen, Bojken, Lemken), Juden und Deutschen (Zipsern, Schwaben, Pfälzern, Deutschböhmen, Österreichern) gab es hier auch Polen, Ungarn, Armenier, Slowaken, Lipowaner und Vertreter anderer Bevölkerungsgruppen. Diese multiethnische und multikulturelle Vielgestaltigkeit aber hat die Bukowina oder das Buchenland, wie der deutsche Namen einst lautete, spirituell vielfältig bereichert. Und so war der deutsche Osten, wie diese Ausstellung zeigte, in kultureller Hinsicht auch ein vom Judentum geprägter Osten.

Der grafisch ansprechend gestaltete Ausstellungskatalog (48 Seiten, mit Reproduktionen und Abbildungen, 9 Euro), kann im HDO unter Telefon 0 89/4 49 99 30 bestellt werden. Er enthält einführende Beiträge sowie ein Verzeichnis sämtlicher Exponate.

Michaela Trost (KK)

 

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