Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1257.

Halbstarke Entrüstung

Die Antifa „entlarvt“ Agnes Miegel

Die Mitglieder der 1969 im niedersächsischen Bad Nenndorf gegründeten „Agnes-Miegel-Gesellschaft“, in der Mehrzahl ältere Damen und Herren, überwiegend mit ostpreußischer Biographie, wußten kaum, wer diese 70 jungen Leute einer „Antifa“-Gruppe Weser/Deister/Leine waren, die  am 1. März 2008 protestierend durch die Straßen zogen,  um sich dann, im Sprechchor „antifaschistische“ Parolen rufend, vor dem Hotel Hannover in der Innenstadt zu versammeln. In diesem Hotel fand, wie immer um diese Zeit, die Jahrestagung der Gesellschaft statt, während ein unbekanntes „Bündnis gegen Agnes-Miegel-Verherrlichung“, das schon am 21. Februar das Agnes-Miegel-Denkmal im Kurpark „revolutionär“ verhüllt hatte, das Treffen zu verhindern suchte.

Dank dem umsichtigen Eingreifen von Polizei und Ordnungskräften blieb es bei diesem Versuch. Die Jahrestagung vom 29. Februar bis zum 2. März, wo es um Agnes Miegels Lyrik ging, konnte ohne wesentliche Störung beendet werden, zumal die Mitglieder, während in der Innenstadt demonstriert wurde, ohnehin auf dem Friedhof am Grab der geschmähten Dichterin versammelt waren.

Dr. Marianne Kopp, die Vorsitzende der 500 Mitglieder umfassenden Gesellschaft, bestreitet keineswegs, daß die geborene Königsbergerin Agnes Miegel (1879–1964), die „Mutter Ostpreußen“, wie sie nach 1945 von ihren heimatvertriebenen Landsleuten genannt wurde, dem „Dritten Reich“ gegenüber freundlich gesonnen war und von den Nationalsozialisten gefördert wurde. So wurde sie schon 1933 in die „Deutsche Akademie der Dichtung“ aufgenommen, sie wurde 1937 Mitglied der NS-Frauenschaft und 1940 der NSDAP. Der schlimmste Vorwurf freilich, den man ihr machen muß, besteht darin, daß sie Huldigungsgedichte auf Adolf Hitler verfaßt hat, ähnlich wie der DDR-Kulturminister Johannes R. Becher und Stephan Hermlin Hymnen auf Josef Stalin.

Agnes Miegel wiederum ist 1916 mit dem angesehenen Kleist-Preis, den 1928 auch Anna Seghers zugesprochen bekam, ausgezeichnet worden, 1954 wurde sie zur Ehrenbürgerin Bad Nenndorfs ernannt, 1959 bekam sie den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (wie schon Alfred Döblin 1957), und zum 100. Geburtstag 1979 wurde sie mit einer Briefmarke geehrt. Sie ist die letzte deutsche Balladendichterin, und ihre schriftstellerische Leistung wird von der Literaturwissenschaft durchaus anerkannt.

Das alles interessierte die von außerhalb angereisten Mitglieder des „Bündnisses gegen Agnes-Miegel-Verherrlichung“ freilich nicht, die am 1. März in schwarzer Vermummung und bei strömendem Regen mit ihrem Schlachtruf „Mit dem Agnes-Miegel-Kult brechen! Gegen Opfermythen und Revisionismus!“ durch die Straßen des Kurorts zogen. Sie waren mit dem Weltgeist verbündet, hatten sie doch in Bad Nenndorf nach „faschistischen Spuren“ gesucht und entdeckt, daß auch die ostpreußische Kreisgemeinschaft Wehlau immer dort tagt.

Zunächst hatte das Bündnis Schwierigkeiten, genügend Demonstranten zusammenzubekommen, weil wegen des Sturms „Emma“ die Züge verspätet eingetroffen waren. Deshalb wurde auch auf das Schrei- und Pfeifkonzert vor dem Agnes-Miegel-Haus verzichtet und nur die Kundgebung in der Hauptstraße abgehalten. Hier schimpften mehrere Redner auf Agnes Miegel und den „verharmlosenden Umgang“ mit ihrem dichterischen Werk, von dem sicher kaum einer der Demonstranten jemals eine Zeile gelesen hat. Trotzdem hat sich das Bündnis hohe Ziele gesetzt: Es will dafür sorgen, daß die Agnes-Miegel-Schulen in Düsseldorf, Osnabrück, Wilhelmshaven, Willich und die zahlreichen Agnes-Miegel-Straßen in Deutschland umbenannt werden.

Bündnissprecher Martin Angenfort kämpft also unermüdlich weiter und kündigt neue Aktionen an, ganz im Sinne seines Düsseldorfer Großvaters Jupp Angenfort, der nach dem KPD-Verbot 1956 im Februar 1962 festgenommen wurde, aber in die DDR fliehen konnte. In der FDJ-Zeitung „Junge Welt“ beschrieb er im Herbst 1962 unter dem Titel „Unser Freund Jupp“ seine äußerst gefährliche Flucht durch die „faschistische BRD“, wobei ihn „aufrechte Demokraten“ und „fortschrittliche Pfarrer“ versteckt hätten, bis er endlich die rettende DDR-Grenze erreicht und ins ersehnte „Reich der Freiheit“ habe eintreten können. Dieses schräge Geschichtsbild scheint auf den Enkel übertragen worden zu sein!

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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