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Ausgaben: Ausgabe 1241.

Hauptmann: „Werter Herr Gorki“

Gerhart Pohls Gedenkbuch an die letzten Tage von Gerhart Hauptmann („Bin ich noch in meinem Haus?“) ist 1953 im Lettner-Verlag Berlin erschienen und letztmalig zu seinem 60. Geburtstag 1962 – vier Jahre vor seinem Tod. Im Jahre 1962 wurde auch eine amerikanische Ausgabe veröffentlicht (Gerhart Hauptmann and Silesia. A Report on the German Dramatist’s Last Days in his Occupied Homeland by Gerhart Pohl. Translated by William I. Morgan, Introduction by Erich Funke. University of North Dakota Press in collaboration with the Göttingen Research Committee 1962).

Ein halbes Jahrhundert nach Pohls Tod hat die Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek in Herne einen Nachdruck veröffentlicht, dem kürzlich ein neuer erweiterter, um kaum bekannte Arbeiten Pohls zu Hauptmann vermehrt, gefolgt ist. Die Presse kommentierte diese Ausgabe als einen „wichtigen biographischen Mosaikstein“!

Diese erweiterte Neuauflage von Pohls Hauptmann-Buch gelangte auch nach Moskau und löste lebhaftes Interesse bei der Übersetzerin Tatjana Datschenko aus, die sich schon einen Namen gemacht hat mit Übertragungen deutscher Autoren zur Geschichte unserer Zeit ins Russische. Pohls Buch erfuhr lebhaften Zuspruch: Es „hat auf mich einen ganz großen Eindruck gemacht, und ich würde es gerne ins Russische übersetzen. Soviel ich weiß, gibt es noch keine russische Übersetzung. Könnten Sie mir bitte mitteilen, wem die Rechte an diesem Buch gehören … Vielen Dank! Mit freundlichen Grüßen aus Moskau!“

An dieses Vorhaben sind Überlegungen geknüpft, der russischen Ausgabe einen Beitrag über die Beziehungen Gerhart Hauptmanns zur russischen Literatur beizufügen, sagte doch dieser am Ende seines Lebens, daß seine literarischen Wurzeln auf Tolstoi zurückgehen: „Mein Drama ‚Vor Sonnenaufgang‘ ist befruchtet von ‚Macht der Finsternis‘. Die besondere Art kühner Tragik ist daher.“ Als sowjetische Offiziere den Dichter 1945 in seinem Haus Wiesenstein aufsuchten, erzählten sie, daß jedes Schulkind in der Sowjetunion den Dichter der „Weber“ kenne und daß während der Belagerung Leningrads 1941 sein Schauspiel „Vor Sonnenuntergang“ aufgeführt worden sei. Ein Leutnant sprach Verse aus „Hanneles Himmelfahrt.“ Und als Johannes R. Becher den kranken Dichter Anfang Oktober 1945 besuchte, ließ Hauptmann einen Brief vorlesen, den er am 25. Juli 1921 an Maxim Gorki gerichtet hatte, als dieser ihn um Hilfe für das hungernde russische Volk an der Wolga gebeten hatte: „Die ganze zivilisierte Welt hat Ihren Notruf gehört. Auch wir selbst, wir Deutsche sind ein bis an den Abgrund gedrängtes Volk. Der Strafe dieses Krieges, über das deutsche Volk verhängt, folgt Strafe auf Strafe für die Gestraften.

Felder von Grabkreuzen … vermögen es nicht, den Pharisäergeist dieser Welt zu versöhnen. – Hoffen wir, daß der jetzigen Verfinsterung die Erleuchtung folgen wird. Lassen Sie uns, werter Herr Maxim Gorki, ich möchte sagen, mit zusammengebissenen Zähnen den Glauben an diese kommende Erleuchtung aufrechterhalten.“ Und an Becher gewandt, erklärte der Dichter: „Was ich in dem Brief erklärt habe, es gilt in diesem Augenblick für unser erschöpftes ausgehungertes Deutschland in seiner nationalen Katastrophe.“ In einer Erklärung, die Becher veröffentlichen ließ, bekannte sich Hauptmann zur Neugeburt Deutschlands: „Tag und Nacht, im Traum und im Wachen, Deutschland…“

Gerhart Hauptmann war der einzige Schlesier, der in der schweren Zeit nach dem 8. Mai 1945 den besonderen Schutz der russischen Besatzungsmacht erfahren hat, der noch über seinen Besitz verfügte – und dem man freilich Angebot um Angebot gemacht hat, sein Wiesenstein freiwillig zu verlassen, „Ehrungen, Versorgung, eine Villa in Berlin oder Dresden winkten…“: Hauptmann sollte das Land seiner Wurzelkraft freiwillig verlassen. „Und der Greis zögerte bewußt…“ Am 6. Juni 1946 ist der Dichter im Bewußtsein der drohenden Obdachlosigkeit gestorben. Erst am 28. Juni ist er auf seiner geliebten Insel Hiddensee beigesetzt worden.

Günter Gerstmann (KK)

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