Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1328.

Hausvater des Deutschen Ostens

Das ostdeutsche Erbe ist ihm Lebensaufgabe, die Spannweite von der Bukowina bis Bayern Ehrensache: Ortfried Kotzian

Die letzten zehn Jahre leitete er das Haus des Deutschen Ostens in München und betreute im Auftrag des Bayerischen Sozialministeriums Projekte zur Pflege des ostdeutschen Kulturerbes in Bayern. Davor war der rührige Pädagoge (im Ursprungsberuf Lehrer) zwölf Jahre lang Geschäftsführer des Augsburger Bukowina-Instituts, das er von seiner Gründung an mitgestalten konnte.

Zwar ist Ortfried Kotzian 1948 in Bayerisch Schwaben geboren, doch liegt bereits in seinem Geburtsort der Hinweis auf die ostdeutsche Herkunft: Seine aus dem Sudetenland vertriebene Mutter durfte nicht in ihrem Wohnort Illertissen entbinden, sondern musste nach Fellheim in die „Geburtsanstalt für Flüchtlingsmütter“ ausweichen. Das ostdeutsche Erbe sollte Ortfried Kotzian auch weiterhin prägen.

Seine früh einsetzenden Aktivitäten in den sudetendeutschen Verbänden und in der DJO hatten stets das Ziel, dieses Erbe als selbstverständlichen Teil der deutschen Kultur zu vermitteln und bekannt zu machen. Dabei ging sein Blick immer auch über den Tellerrand hinaus zu anderen ostdeutschen Gruppen mit teils ähnlichen Schicksalen. Sein Mentor an der Universität Augsburg, wo er nach der Lehramtsprüfung noch ein Magister- und Doktoratsstudium absolvierte, war der Sozialkundler Professor Dr. Johannes Hampel, ein Sudetendeutscher der Flüchtlingsgeneration mit weitem Bildungshorizont, später Vorsitzender des Bukowina-Instituts, dessen toleranter Geist seinem Doktoranden aus der Seele sprach.

„Über die Kenntnis zur Erkenntnis gelangen“ wurde zu Ortfried Kotzians Motto. Die Studienreisen in die ehemaligen deutschen Ostgebiete, die er bereits in kommunistischen Zeiten mit Professor Hampel und Studenten unternahm, erbrachten diesen Erkenntniseffekt und nebenbei viele persönliche Begegnungen. Auch Rumänien besuchte er Anfang der 80er Jahre und lernte dabei die Institutionen der Banater und Siebenbürger Deutschen kennen. Seine Dissertation schrieb er über „Das Schulwesen der Deutschen in Rumänien im Spannungsfeld zwischen Volksgruppe und Staat“ (1984) und lieferte damit eine der bis heute fundiertesten und vollständigsten Dokumentationen zum Thema.

Als Geschäftsführer des Bukowina-Instituts durfte Dr. Kotzian die politische Wende erleben, was ihn dazu bewog, unverzüglich Kontakt zu den Menschen und Institutionen in der Region des „Buchenlandes“ aufzunehmen. Partnerschaften, Austausch und Kooperationen folgten schnell. Gemeinsam veranstaltete Tagungen führten zu einem regen Reiseverkehr nach Suceava oder Czernowitz, anfangs noch unter abenteuerlichen Bedingungen, aber immer begleitet von hilfsbereiten Partnern vor Ort. Hilfreich für die Kontaktaufnahme war die Vermittlung der Buchenlanddeutschen, die im Bukowina- Institut als Besucher stets präsent waren, zumal auch ihre Landsmannschaft den Sitz in den Räumen des Instituts hatte.

Über die geschichtlichen Fakten hinaus waren es immer die Menschen und ihre Schicksale, denen Ortfried Kotzian ein Forum geben wollte – wohl wissend, dass es für die Erlebnisse in den Herkunftsgebieten nur noch eine begrenzte Zeit Zeugen geben würde.

Im Bukowina-Institut rief er eine gern besuchte Vortragsreihe über die Deutschen im Osten ins Leben. Im Münchner HDO etablierte er mit dem „Erzählcafé“ eine außerordentlich erfolgreiche Veranstaltung, wo Zeitzeugen (gelegentlich auch Berühmtheiten wie Dieter Hildebrand) unter der einfühlsamen Moderation von Dr. Renate von Walther aus ihrem Leben plaudern konnten. Ortfried Kotzian war zum Abschluss seiner Laufbahn selbst Gast der Reihe und ließ sein bewegtes Berufsleben in ostdeutschen Diensten in gewohnt humorvoller Weise Revue passieren.

Sein Ziel, die Menschen über ihre Geschichte (oder die ihrer Nachbarn) aufzuklären und dadurch zur Begegnung zu animieren, hat er stets hartnäckig verfolgt – auch bevor die politische Wende dies deutlich erleichtert hat. Die Früchte dieser Arbeit können sich sehen lassen: Er hat den „Ost-Bazillus“ in Augsburg implementiert, die Bukowiner Toleranz und Gastfreundschaft im Institut lebendig werden lassen und den „heiteren, versöhnlichen Blick auf den Osten“, wie ein Laudator anmerkte, auch im HDO gelebt. Für die Kontakte im Osten hat ihm dabei ein wichtiger Grundsatz geholfen: Vertrauen aufbauen und von der Gelassenheit dort lernen. In der Bukowina selbst hat man durch den Kontakt mit dem Augsburger Institut übrigens auch viel gelernt – über die eigene Geschichte, derer man sich erst nach der Wende bewusst werden konnte.

Dass Ortfried Kotzian für den Ruhestand noch weitere Ost-Projekte im Auge hat, wundert nicht – denn auch in der eigenen Familiengeschichte gibt es noch einiges aufzubereiten.

Halrun Reinholz (KK)

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