Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1261.

Heimat als Gegenteil von Enge

Das Oberschlesische Landesmuseum ist in seinem 25. Jahr bemüht, Schlesien als europäische Region darzustellen

Was Goethe im August 1790 als ein „zehnfach interessantes Land“ beschrieb, ist dieser Tage in Ratingen nachzuerleben. Eine Sonderschau unter dem genannten Motto stellt – noch bis Anfang Oktober d. J. – das sich wandelnde Oberschlesien dar, markiert darüber hinaus die wichtigsten Stationen des Oberschlesischen Landesmuseums in seiner 25jährigen Existenz.

Das Publikum kann anhand der facettenreichen Darstellung der Exponate nachvollziehen, wie das Haus Oberschlesien im Jahre 1983 als „Museum zum Wachsen und Mittun“ auf der Basis der Patenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen für die Oberschlesier gegründet wurde und welch „neuer Wind“ seit zehn Jahren durch das neue Gebäude des heutigen Oberschlesischen Landesmuseums weht.

Dr. Stephan Kaiser schildert den Werdegang des derzeit größten schlesischen Landesmuseums in Westdeutschland: „Zu Beginn galt es, ein Heimatmuseum zu schaffen. Aus geringem Anfangsbestand entstand eine reichhaltige Sammlung. Dann widmete man sich oberschlesischen Künstlern, die in der deutschen Nachkriegsgesellschaft Beachtliches geleistet und aktiv zur Kunstszene beigetragen haben. Nunmehr sind wir ein regional ausgerichtetes Themenmuseum. Wir haben Oberschlesien nicht mehr nur oder bevorzugt als Heimat, sondern als europäische Region vorzustellen und zu vertreten. Beides, Heimat und europäische Region, sind fast Selbstverständlichkeiten und gar keine Gegensätze. Doch für die deutsche Bevölkerung, zumal die westdeutsche, ist der Osten nicht nähergerückt in dem Maße, wie sich die politische Landschaft Europas änderte und wandelt. Darum ist unsere Aufgabe so aktuell und wichtig: Wir tragen zur Völkerverständigung mit Polen und Tschechen bei. Wir bieten Informationen an und fördern den Dialog bei unterschiedlichen Erfahrungen und Meinungsbildern. Diese Aufgabe stellt sich nicht bloß für unser Bundesland. Soweit sich der Bund mit Projektmitteln beteiligt, können und werden wir auch an anderen Orten aktiv sein.“

Mit einer Vorführung des Videos zur Ausstellungseröffnung vom März 1983 mit der Rede des damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau wurden die zahlreichen Gäste zunächst auf eine Zeitreise in die Vergangenheit eingestimmt. Damals betonte Rau, „daß die Patenschaft Nordrhein-Westfalens über Oberschlesien kein feierlicher Akt ist, sondern eine beständige Aufgabe sein sollte und bleiben soll“. Diese Worte wurden in die Tat umgesetzt und gelten heute noch.

Das Oberschlesische Landesmuseum sammelt, bewahrt und stellt das dingliche Kulturgut Oberschlesiens aus, um der Öffentlichkeit ein Bild von der Geschichte und Kultur dieser Region zu vermitteln und zusätzlich über das heutige Oberschlesien zu informieren. Das Museum arbeitet im Sinne der Völkerverständigung und der guten deutsch-polnischen Nachbarschaft. Es wird vom Land Nordrhein-Westfalen – seit 1964 Patenland für die Oberschlesier – gefördert. Träger ist die 1970 gegründete Stiftung Haus Oberschlesien, eine Stiftung privaten Rechts.

Bei der Feierstunde waren auch die ehemaligen Direktoren Dr. Nikolaus Gussone und Dr. Albrecht Tyrell anwesend, die einen Rückblick auf besondere Ereignisse ihrer Wirkungszeit boten.

Das Oberschlesische Landesmuseum von Ratingen-Hösel hat in seiner 25jährigen Tätigkeit fast 200 inländische und rund 50 ausländische Sonderausstellungen realisiert. Gemeinsam mit Partnern aus dem näheren Umfeld, aber auch aus den Nachbarländern wurden historische, topographische, kulturelle und künstlerische Projekte durchgeführt. Die Jubiläumsschau zeigt Impressionen von der Grundsteinlegung sowie der feierlichen Einweihung des Hauses und greift einige Publikumserfolge aus den vergangenen Jahren auf. So wird in einer Sektion an große Künstlerpersönlichkeiten aus Oberschlesien erinnert, in einer weiteren an namhafte Dichter und Literaten wie Joseph von Eichendorff und Gustav Freytag. Die Themenausstellungen wie „Aufbau West“ und „Anfang und Ende Preußens in Schlesien“ finden ebenso Erwähnung wie Präsentationen, in denen die landschaftlichen Schönheiten des Riesengebirges oder die Geschichte und Gegenwart der oberschlesischen Montanregion veranschaulicht werden.

Ein Blick in die Zukunft kündigt eine Ausstellung zum Leben und Wirken des in Neisse geborenen berühmten Zoologen und Tierfilmers Bernhard Grzimek an. 2009/2010 wird es in der Ausstellung „Adler über Schlesien. Ereignisse und Pioniere der Luftfahrtgeschichte“ in luftige Höhen gehen. 2010 gibt es „Glanzpunkte schlesischer Keramik. Fayencen aus Proskau und Glinitz“.

Und mit Blick in die nahe Zukunft, auch über Grenzen hinweg, betont Museumsdirektor Dr. Kaiser: „Am Herzen liegt mir unsere Sammlung: Das Museum soll weiter wachsen. Dieser Tenor von vor 25 Jahren gilt auch heute noch. Wir brauchen Spezialkollektionen von Sammlern, weil nur diese ihr Fachgebiet fast vollständig betrachten und mit Zeit und Sachverstand bearbeiten können. Solche Sammlungen sollten bewahrt werden und nutzbar bleiben. Als ein schlesisches Museum sind wir dazu bereit. Es gibt auch Bereiche, wie die österreichisch-schlesischen Landesteile, wo wir noch viel lernen und erfahren können.

Das gilt erst recht für das dingliche Kulturgut. Das Fachinformationszentrum der Stiftung besitzt hinsichtlich gedruckter Unterlagen bereits bessere Grundlagen durch einige hervorragende private Stiftungen. Hilfreich sind auch die Kontakte mit oberschlesischen Universitäten, was sich auch in der Beteiligung an deutsch-polnisch-tschechischen Tagungen artikuliert. Solche Begegnungen mit schlesischen Forschern und Wissenschaftlern bringen Erkenntnisse in der und für die Zielregion. So verfolgen wir aus nächster Nähe, wie sich die Gesellschaft und somit die Kultur vor Ort entwickelt.“

Dieter Göllner (KK)

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