Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1393.

Heimat als Text

Ruth Geede hat ein Leben lang daran geschrieben

Da war sie erst hundert
Bild: Preußische Allgemeine Zeitung

Heimatliteratur gelingt dann, wenn sich der Lesende hineingenommen sieht in die Atmosphäre einer besonderen Landschaft, in die Geheimnisse uralter Gewohnheiten und Gebräuche, in die Suche nach den noch unerkundeten Pfaden des Lebens. Deswegen hat Heimatliteratur einen universalen Bezug, auch wenn sie Einblicke in das Leben und die eigenen Erfahrungen des Schriftstellers gewährt. In die erzählten Geschichten findet auch der aus einer anderen Heimat Stammende hinein, weil Heimat eben nicht exklusiv ist, vor allem wenn sie literarisch angemessen eingebunden und dargestellt wird.

Die Königsbergerin Ruth Geede ist als Autorin und Journalistin eine Meisterin der ostpreußischen Heimatliteratur. Sie hat von früher Jugend an und während ihres langen Lebens zahlreiche Geschichten und Gedichte, Erzählungen und Märchen, Mundartliches und Humorvolles, Ernstes und Lehrreiches geschrieben und in Lesungen und Vorträgen, Seminaren und im Hörfunk vielen Menschen nahegebracht. Dabei lagen ihr die ostpreußischen Landsleute besonders am Herzen, aber sie hat auch viele andere Interessierte begeistern können. Ihr Gesamtwerk umfasst über 50 Bücher mit Lyrik, Prosa, Hörspielen und Bühnenstücken sowie Reiseführer.

Ruth Geede wurde 1916 in Königsberg in Preußen geboren. Schon als 17jährige hatte sie erste Veröffentlichungen. Unterstützt wurde sie in ihren schriftstellerischen Anfängen von Agnes Miegel, der sie schon als Sechsjährige 1922 bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Albertina begegnete und die sie später förderte. Die Freundschaft dauerte lebenslang; Ruth Geede besuchte Agnes Miegel bis zu deren Lebensende 1964 immer wieder in Bad Nenndorf.

In den 1930er Jahren gestaltete sie im Reichssender Königsberg die „Kunterbunte Kinderstunde“ mit, arbeitete als Rundfunk- und Buchautorin sowie als Redakteurin von „Der Goldene Born“, einer „Romanzeitung für alle“ im „Dritten Reich“. Nach dem Krieg arbeitete sie zunächst als Bibliothekarin, schrieb aber zugleich Schauspiele für Kinder und gab das Kinderjahrbuch „Das Karussell“ heraus. 1948 machte sie ein Volontariat bei der „Landeszeitung für die Lüneburger Heide“ in Lüneburg und übernahm 1950 die Hamburg-Redaktion des Niedersächsischen Zeitungsverlages.

Ruth Geede heiratete 1955 den deutsch-chilenischen Exportkaufmann Guenter Vollmer-Rupprecht, der als Reise- und Wirtschaftsjournalist tätig war. Mit ihm gab sie die FD-Pressedienste für Redakteure heraus. FD stand dabei für „Frauendienst“. Zahlreiche journalistische Arbeiten erschienen nun unter ihrem Ehenamen Vollmer-Rupprecht. Als Schriftstellerin publizierte sie aber weiter unter ihrem Mädchennamen Ruth Geede. Der gemeinsame Sohn Roderich wurde ebenfalls Journalist und Chefredakteur von „TK-aktuell“, dem Magazin der Techniker-Krankenkasse.

Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1989 arbeitete sie als freie Schriftstellerin und Journalistin und lebte in Hamburg. Bereits 1979 hatte Ruth Geede die Rubrik „Ostpreußische  Familie“ im Ostpreußenblatt von ihrer Vorgängerin Ruth Maria Wagner übernommen, die ebenfalls aus Königsberg kam. Ursprünglich als eine Art Schwarzes Brett gedacht, entwickelte sich die „Familie“ zu einer wichtigen Institution, an die sich schließlich Suchende aus aller Welt wendeten.

Diese Arbeit, die dann zu Ruth Geedes Hauptanliegen wurde und bis zu ihrem Lebensende im April 2018 ihren Tageslauf bestimmte, führte zahlreiche Menschen zusammen, die sich teilweise über Jahrzehnte nicht gesehen und aus den Augen verloren hatten. Dieser Erfolg brachte ihr den Ehrentitel „Mutter der Ostpreußischen Familie“ ein analog der Bezeichnung für Agnes Miegel als „Mutter Ostpreußens“. In den Nachrufen auf Ruth Geede wird mit Recht vor allem diese einmalige Leistung der weltweit ältesten aktiven Journalistin hervorgehoben. Deswegen soll diese Sicht durch einen wenn auch nur flüchtigen Blick auf das umfangreiche literarische Schaffen der Autorin ergänzt werden.

Der Alltag, nicht nur in Ostpreußen, spannend, bedrängend, lustig – so hat ihn Ruth Geede geschildert: Ernst Bischoff-Culm, Mädchen mit Hunden
Bild: siehe Seite 28

In der Erzählung „Johanni“ begleitet der Leser die junge Marie, die beim Pflücken eines Johannisstraußes, in den neun Kräuter eingebunden sein müssen, ihre Zukunft entschlüsseln will. Sie wirft den fertigen Strauß hinter sich. Erst beim vierten Mal bleibt er hängen und fällt nicht zur Erde. Vier Jahre also muss sie noch warten, und ihr geliebter Kristof ist doch schon so alt. Aber da steht er auf einmal vor ihr, sie zerknüllt ihren Strauß und geht mit ihm, um wie die Dorfjugend durch das Johannisfeuer zu springen. Der Bund ist besiegelt. Die Mitsommernacht, die Johannisnacht, über dem weiten Feld nach einem Gewitterregen, der geheime Weg zur Linde mitten im Roggenschlag, das Treffen der Liebenden und ihr Gespräch, bevor sie zum Johannisfeuer gehen und dann mit der Dorfjugend zum Tanzen im Krug, für alle sichtbar als Zusammengehörende – das ist die Heimat der Autorin, Ostpreußen, aber im Zusammenfinden zweier Menschen für ihren Lebensweg ein jedermann zugänglicher Topos.

In dem Roman „Wie Blätter im Wind“ (1984) schildert Ruth Geede das einfache Leben der Katherine K., das ohne Auffälligkeit begann wie das vieler ostpreußischer Menschen um 1900. Es war die Zeit, als man in den Spinnstuben noch sang und zu Johanni, wie Marie und Kristof, über das Feuer sprang. Dann aber kam der Sog der großen Städte und riss auch Katherine mit. So spielt das Buch in einer Welt, die längst vergangen ist, erinnert an in Vergessenheit Geratenes und gewährt Einblicke in ein unvergessenes Ostpreußen.

In dem Band „Rote Korallen“ hat Ruth Geede Kurzgeschichten und Gedichte gesammelt, die sie teilweise in ostpreußischer Mundart verfasst hat. Sie erzählt mit Liebe und Humor von ihrer Heimat. Das bäuerliche Leben auf dem Land ist die Kulisse für die heiteren Begebenheiten, die den Helden widerfahren. Einer dieser Helden ist der Ohm Sodeikat, der seiner Frau einen überaus teuren Hut kauft, welcher verlorengeht und als verdrecktes Katzenbettchen wieder auftaucht. Wie gewonnen, so zerronnen, könnte die ostpreußische Devise lauten.

In ihren Geschichten und Gedichten gelingt es Ruth Geede, ihre geliebte und unvergessene Heimat Ostpreußen neu erstehen zu lassen. Mit ihrer ausdrucksvollen Sprache malt sie ein bezauberndes Bild der ostpreußischen Landschaft mit ihren goldenen Weizenfeldern und den kristallschimmernden Seen. Damit steht sie neben Autorinnen wie Eva M. Sirowatka mit ihrem Ostpreußenroman „Die Kraniche kehren wieder“ (1983) oder Gertrud Papendick mit dem Roman um eine Königsberger Familie, „Konsul Kanther und sein Haus“ (1965)

Den Humor lässt Ruth Geede nicht zu kurz kommen. In der Erzählung „Die lateinische Salbe“ stirbt der Schäfer Urbschat. Im Umkreis von Meilen erhebt sich ein Wehklagen über das plötzliche Ableben des Schäfers, der mittels eines Tränkleins Leid, Herzensweh und Liebespein bannen, Wunden besprechen, Viehsterben beenden und mit Salben vielerlei Übel bekämpfen konnte. So erhebt sich ein wahres Rennen des Dorfes zum Haus des Schäfers nach den noch verbliebenen Heilschätzen, und auch Minna, seine einzige Tochter, kann diesen Raubzug nicht bremsen. Karlchen, der kleine Sohn von Rosine Kunter, bemächtigt sich in deren Abwesenheit eines besonders geschätzten Mittels, das den vermeintlich lateinischen Namen Dekorenntom-Serum trägt, eine pechschwarze Wundersalbe. Nachdem sich Karlchen kräftig eingerieben hat, gleicht er dem Häuptling Wamputu, „schweißglänzend von der Elefantenjagd heimkehrend“.

Die Mutter schleppt ihn zum Arzt, der bei der Untersuchung schallend lacht. Jetzt weiß er, was der „olle Urbschat“ da zusammengeschmiert hat: „Pferdsfett und Wagenschmier, das klebt, Kuntersche, das klebt“. Da helfen nur Kernseife und Haare abschneiden. – Minna lüftet schließlich das Geheimnis der „lateinischen“ Salbe: Dem Nachbarn Emil war die Kuh weggelaufen, und er schrie immerzu „de Koh rennt ommen See rom!“ Das war doch ein schöner Name, und er klang auch so schön lateinisch! So wurde das „Dekorenntom-Serum“ erfunden.

In ihren Geschichten und Gedichten gelingt es Ruth Geede, ihre geliebte und unvergessene Heimat Ostpreußen neu erstehen zu lassen, zugänglich für jedermann.

Die Geschichte „Ernstche und der Hecht“ erzählt von Ernst Willigkeit, der sich über seine Liese geärgert hat und an einem schönen Septembertag am See angeln geht, wo die Hechte schlagen. Er klemmt die Angel unter einen Stein und schläft ein, wird aber nach einiger Zeit unsanft geweckt, weil ihm etwas um die Ohren geflogen ist, die Angel ist weggerissen worden und hat sich hinter Geäst im See verheddert. Ein riesiger Hecht hat angebissen. Es folgt ein langer Kampf, den Ernstche siegreich besteht. Wie ein römischer Triumphator zieht er durch das Dorf und stößt mit jedem an. Das dreißig Pfund schwere Ungetüm wird vom Lehrer fotografiert und auf Beschluss in die nahe Kreisstadt gefahren, wo in Supplie’s Hotel feine Herrschaften verkehren. Inzwischen hat man dem Schnaps so reichlich zugesprochen, dass man auf dem Kutschbock einschläft, das Pferd bleibt in der Mittagshitze auch stehen, die Fliegen machen sich über den Hecht her, der schon stinkt, als man ihn wiederfindet. Man hat ihn verloren und kann die glimsrige Masse nur noch im Sand begraben. Die Fotos sind verwackelt, so dass es mit der Presse auch nicht klappt. Dafür finden sich Ernstche und seine Liese wieder und die ostpreußische Geschichte zu ihrem glücklichen Ende.

Auch in ihren Gedichten gelingt es Ruth Geede, Stimmungen einzufangen und alltägliches Leben zu schildern. Das dreistrophige „Erntewiegenlied“ (deutsch und ostpreußisch) beschreibt die Mühen der ganzen bäuerlichen Familie bei der sommerlichen Kornernte und das kleine Hannchen, das auf spätere Genüsse vertröstet werden muss, bis es schläft. – Das in ostpreußischem Platt geschriebene Gedicht „De klee Bank am Oave“ (Die kleine Ofenbank) erzählt in neun Strophen die Geschichte eines bäuerlichen Lebens. Die Bank war klein, als sie nur das Jungbauernpaar zu tragen hatte. Mit der Zahl der Kinder wurde die Bank immer größer, denn auch die wachsende Familie fand darauf ihren Platz. Dann gingen die Kinder aus dem Haus; man war allein, und die Bank wurde wieder klein. Aber zum Schluss kommen die Enkel, die Bank ist groß genug, und alle finden ihren Platz zwischen den Großeltern und auf ihrem Schoß.

In einem ihrer schönsten Gedichte, „Die Sanduhr der Zeit“, beschreibt Ruth Geede eine Stimmung der Erinnerung, die auch das Vertreibungsschicksal umfasst. In der ersten Strophe stellt sie die Gesichter alter Häuser mit ihren Rissen und Falten vor den Leser, in der zweiten Strophe beobachtet sie das Schweigen der Häuser, durch die in dunklen Nächten der Wind geht. In der dritten Strophe schließlich erwähnt sie die Wunden der Häuser, die wie alles Gewesene zerrieben wurden „in der Sanduhr der Zeit.“ – Die Zeit heilt nicht alle Wunden, sondern nach Ruth Geede zerreibt sie Tage und Stunden mit ihren Wunden, bis sie verschwinden.

Wie weit gespannt das publizistische Feld war, in dem Ruth Geede arbeitete, zeigt „Das große LEGO-Buch der Technik“, das sie unter dem Namen Ruth Vollmer-Rupprecht veröffentlichte und für das sie den 1. Preis im Internationalen PR-Wettbewerb New York erhielt. Weitere Bücher in diesem Genre sind „Der LEGO-Motor“ und „Spiel mit Ziel“. Als Ruth Vollmer-Rupprecht schrieb sie auch den Reiseführer „Die Lüneburger Heide kennen und lieben lernen“, die „Geschichte einer Hamburger Familienunternehmens“ und zahlreiche Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien, Sammelbänden, Schulungsheften und Kalendern, dazu viele Hörfunkbeiträge.

Für ihr Werk wurde Ruth Geede mit dem Erich Klabunde-Preis des Deutschen Journalisten-Verbandes ausgezeichnet, mit dem Kulturpreis und dem Preußenschild der Landsmannschaft Ostpreußen, der Bürgermedaille der Stadtgemeinschaft Königsberg und dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.

In dem Artikel „Ich trag‘ meiner Heimat Gesicht“ (2011) schreibt Ruth Geede:
„Vielleicht ist es das Eigenartige, das vielleicht Einmalige dieses Landes Ostpreußen und seiner Menschen, dass es hundert Gesichter hat – und doch im Grunde nur ein Gesicht. Dass ihm Prußen und Goten, Lübische und Westfalen, Holländer und Schweizer, Hugenotten und Salzburger, Kuren, Litauer und Masowier seine Züge gaben. Sie formten das Land, und das Land formte sie.

Wir haben im Fluchtgepäck etwas mitgenommen, das uns niemand nehmen konnte, eine Art eingebautes Sicherheitsnetz, mit dem man aufzufangen versucht, was unvermeidlich erscheint. Der Ostpreuße steht mit beiden Beinen auf der Erde, und er pass auf, dass er fest steht. Unser großer Lehrmeister ist die Natur, die in unserer Heimat die Dominante bildet und der wir uns fügen mussten. Wir haben es unbewusst noch im Gespür, eine Sicherung nach allen Seiten wie das Wild in den Wäldern daheim, wenn es abends aus der Dickung tritt. Wohl ein Erbe derjenigen, die vor uns waren, die das Moor ausschneckten und die Wälder rodeten, die säten und ernteten und der Not der bösen Jahre trotzten. Die große Wildnis einer gar nicht so fernen Zeit war voller Gefahren und voller Wunder. Beide zu erkennen – das ist vielleicht ein Geheimnis, das uns half, vieles zu überwinden, zu bestehen, zu verkraften.“

Eine große Ostpreußin ist mit Ruth Geede heimgegangen, die wie Ernst Wiechert noch in diesem ostpreußischen Erbe lebte, das die meisten Menschen heute nur noch vom Hörensagen erahnen können.

Klaus Weigelt (KK)

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