Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1283.

Heimat in Bits und Bytes

In Ulm beraten Sammler und Pfleger dinglichen Vertriebenenerbes – und werden dazu beraten

In Deutschland gibt es mehr als 400 Heimatstuben und -museen, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Ostflüchtlingen und Vertriebenen aufgebaut worden sind. Betreut werden sie noch heute von Angehörigen der Erlebnisgeneration, und dies mit großem ehrenamtlichen Einsatz. Oft ist aber unklar, was aus dem gesammelten Kulturgut wird, wenn die Verantwortlichen aus Altersgründen aufgeben. Auch die „Kulturpolitische Korrespondenz" hat dieses Thema wiederholt aufgegriffen.

Das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm bietet seit drei Jahren Tagungen an, die sich mit der Zukunftssicherung dieser Sammlungen befassen. Diesmal folgten mehr als dreißig Teilnehmer der offiziellen Einladung durch das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg zur Tagung „Unser Kulturgut erhalten – aber wie?". Nachdem es bei den vorangegangenen Veranstaltungen vor allem um rechtliche und konservatorische Fragen gegangen war, standen diesmal die Themen Inventarbuch und Museumsdepot auf dem Programm. Darüber hinaus erfuhren die Teilnehmer von laufenden Erfassungs- und Forschungsprojekten auf Bundes- und Landesebene, die die Bekanntheit der Heimatsammlungen fördern und so zu ihrer Erhaltung beitragen sollen (vgl. auch KK1278 vom 30. Juli).

Nach der Begrüßung durch Christian Glass, den Leiter des Donauschwäbischen Zentralmuseums, betonte Dr. Sibylle Müller, die Leiterin des Referats 41 – Vertriebene, Kulturarbeit, Lastenausgleich, allgemeine Verwaltungsangelegenheiten – im baden-württembergischen Innenministerium, den hohen Stellenwert der ostdeutschen Sammlungen. Sie bekräftigte den Willen des Ministeriums, Maßnahmen zur Erhaltung der gesammelten Bestände auch in Krisenzeiten zu unterstützen; ganz konkret geschieht dies durch die derzeitige Erfassung aller im Land vorhandenen Heimatstuben in einer Datenbank, die später im Internet allgemein zugänglich gemacht wird.

Dieses Projekt stellte der Kulturwissenschaftler Werner Unseld (Ludwigsburg) unter dem Titel „Erfassung der Heimatsammlungen in Baden-Württemberg – Ein Zwischenbericht" vor. Seit 2008 besucht er die Sammlungen, spricht mit ihren Betreuern und hält die wichtigsten Informationen schriftlich und fotografisch fest. So dokumentiert er grundlegende Daten (Adresse, Öffnungszeiten, Ansprechpartner, Eigentümer), die Entstehungsgeschichte der Sammlung und Hintergrundinformationen (Inventarliste, Zeitzeugenberichte, Sammlungsfotografien). In jeder Sammlung wählt er 20 herausragende Stücke aus und erfaßt sie ausführlich (Beschreibung, Materialien, Maße, Erhaltungszustand, Objektgeschichte). Die Heimatstube als Ganzes wird in mehreren Fotografien festgehalten. Werner Unseld hatte bis zur Tagung rund 20 Sammlungen aufgenommen. Erfreulich war seine Feststellung, daß die meisten bereits über Zusagen bzw. Verträge mit Kommunen verfügen, so daß ihre Erhaltung gesichert ist. Gut 60 weitere Sammlungen wird er in den kommenden Monaten aufsuchen.

Wie der folgende Bericht „Über Baden-Württemberg hinaus – Das bundesweite Projekt zur Dokumentation der Heimatsammlungen" zeigte, ist das südwestdeutsche Vorhaben Teil eines weit größeren Anliegens. Cornelia Eisler, Kulturwissenschaftlerin am Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (Oldenburg), hat mit dem Aufbau einer Datenbank aller in Deutschland existierenden oder ehemaligen Heimatsammlungen begonnen. Erste Ergebnisse können schon jetzt im Internet abgerufen werden (www.bkge.de/heimatsammlungen), am Schluß sollen dort 400–450 Einrichtungen zu finden sein. Derzeit werden die Daten aus allen Bundesländern zusammengetragen. Mit rund 100 Heimatsammlungen weist Bayern die größte Anzahl auf, gefolgt von Baden-Württemberg (85), Nordrhein-Westfalen (80) und Niedersachsen (60). Cornelia Eisler wird abschließend im Rahmen ihrer Dissertation am Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Universität Kiel eine historische Einordnung der Heimatsammlungen vornehmen.

Im praxisbezogenen Teil der Tagung sprach Dr. Axel Burkarth, Leiter der Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg (Stuttgart) über „Das Inventarbuch – Funktion und Gebrauch". Als Kenner kleiner Sammlungen riet er dazu, sich nicht nur auf Computerprogramme zu verlassen, sondern die Sammlungsstücke grundsätzlich mit dokumentenechtem Stift in einem Buch festzuhalten. Ein solches Inventarbuch mit der erforderlichen Einteilung ist bei der Landesstelle zum Selbstkostenpreis von 35 Euro erhältlich. Grundlegend sind Inventarnummer, Datum, Gegenstandsbezeichnung, Herstellungsort, Material, Maße, Vorbesitzer, Erwerbsart, Preis bzw. Wert sowie der Name des Bearbeiters. Im Inventarbuch sollten nicht nur die Neuerwerbungen aufgelistet werden, sondern auch der Altbestand mit den dazu vorhandenen Informationen. Wer ganz neu beginnt, sollte sich zuerst einen Überblick über die vorhandenen Bestandsgruppen (Möbel, Bücher, Fotografien usw.) verschaffen und dann systematisch vorgehen. Wichtig sei es zudem, sich zu vergegenwärtigen, daß die eigenen Notizen auch für Außenstehende verständlich sein müssen.

Es folgte der Beitrag „Unsichtbar, aber unverzichtbar – das Museumsdepot" von zwei Mitarbeiterinnen des Donauschwäbischen Zentralmuseums. Henrike Hampe betonte anfangs die Bedeutung von Depots als unersetzlicher Kulturgutfundus jedes professionellen Museums. Die Relation verdeutlichte sie am Ulmer Beispiel: Während in der Dauerausstellung rund 2000 Gegenstände zu sehen sind, lagern in den Depots auf nur einem Viertel der Fläche etwa 45000 Objekte. Jeannine Engelhart zeigte anschaulich, wie ein Depot möglichst nicht aussehen sollte, bevor sie ausführte, worauf es bei der Einrichtung ankommt: konstantes Raumklima (am besten sind fensterlose Räume), geeignete Regale und Verpackungsmaterialien, ein übersichtliches Ordnungssystem für die Gegenstände. Abschließend zeigte sie kostengünstige und einfallsreiche Depoteinrichtungen: ein Drahtgitter zum Aufhängen landwirtschaftlicher Geräte oder ein Regal mit schmalen Fächern zur senkrechten Einzellagerung gerahmter Bilder. Die Tagung endete mit einer Besichtigung verschiedenartiger Museumsdepots (Bilder- und Flachwaredepot, Textildepot und Gerätedepot). Hier konnten sich die Teilnehmer davon überzeugen, daß viele konservatorische Verbesserungen sich schon mit einfachen Mitteln erreichen lassen.

Im Sommer 2010 ist die nächste Tagung geplant. Interessenten, die bisher keine Einladungen erhalten haben, wenden sich bitte an das Haus der Heimat, Schloßstraße 92, Stuttgart.

HENRIKE HAMPE (KK)

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