Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1293.

Heimat nicht als Ort, sondern als Tat

Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen setzt mit einer Tagung in Stuttgart ein Zeichen zum Gedenken an Herbert Czaja

Was war er nun eigentlich, dieser 1914 in Teschen/Österreichisch-Schlesien geborene Herbert Czaja? War er Gymnasiallehrer, Politiker, engagierter Katholik, Versöhner und Vermittler zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn, die der Zweite Weltkrieg und seine Folgen entzweit hatten? Er war alles in einem, mit unglaublicher Intensität auf vielen Gebieten tätig, und er gestaltete die politische und soziale Landschaft nach dem Krieg maßgeblich mit.

Wesentliche Inhalte der Gesetzgebung des Deutschen Bundestages zu Anliegen der Vertriebenen und Aussiedler gehen auf Herbert Czaja zurück, so im Bundesvertriebenengesetz und im Lastenausgleichsgesetz. Kritisch äußerte er sich zum Aussiedleraufnahmegesetz und zum Kriegsfolgenbereinigungsgesetz und unterstützte das Vertriebenenzuwendungsgesetz. Er reiste stets mit schwerer Aktentasche durch die Lande, in der alle nötigen Unterlagen griffbereit waren. Ein enzyklopädischer Geist! Jedoch ein unbequem wirkender, so daß man dieser Tagung, die ihn noch einmal lebendig werden ließ, nicht den Vorwurf harmlos-freundlichen Lobgesangs machen kann. Seine alten Weggefährten hatten manch Anekdötchen parat, wie er ihnen das Leben schwer gemacht hat.

Wo anfangen mit der Lebensbeschreibung eines so rastlosen, so umfassenden Geistes? Geboren wurde Herbert Helmut Czaja am 5. November 1914 in Teschen in Österreichisch Schlesien. Sein Vater, ein angesehener k. u. k. Notar in dieser multiethnischen Region, beriet seine Klientel in deutscher, polnischer und tschechischer Sprache, und so war er schon als Kind mit den Minderheitenproblemen der Volksgruppen vertraut. Sein Elternhaus war katholisch, und sein starker Glaube sollte ihm sein Leben lang bei allen Schwierigkeiten und Entscheidungen begleiten und stützen.

Bis 1920 besaß die Familie Czaja die österreichische Staatsbürgerschaft, danach – bis 1939 – die polnische Staatsbürgerschaft deutscher Nationalität wie alle anderen Bewohner in Ost-Oberschlesien. (Es gab in dieser Region keine Abstimmung wie im übrigen Oberschlesien.) Sohn Herbert besuchte die kleine deutsche Volksschule in Skotschau, von 1925 bis 1933 das Staatsgymnasium in Bielitz, das einzige staatliche Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Ostschlesien. Polnisch war die erste Fremdsprache, die Czaja bald perfekt beherrschte. Seine polnischen Sprachkenntnisse trugen später, viel später, dazu bei, ihn in Polen vom Ruch eines Revanchisten zu befreien, den nicht nur die Polen, sondern ebenso die deutsche linksgerichtete Presse in ihm sehen wollte.

Sein Abitur mußte Czaja in deutscher und polnischer Sprache ablegen, zu seinen Lieblingsfächern gehörten Latein, Griechisch und Mathematik. Er absolvierte sein Studium an der Jagiellonischen Universität in Krakau und machte hier auch seine Prüfung als Gymnasiallehrer; 1939 wurde er summa cum laude zum Dr. phil. promoviert. Sein Dissertationsthema lautete: „Stefan Georges Ringen um ein autonomes Menschentum“.

Nicht nur von der Enkelin ließ sich Herbert Czaja gern über die Schulter schauen, stets führte er ein offenes Wort vor allen und für alle

Schon damals war Czaja kein angepaßter Zeitgenosse, er stellte sich gegen den Nationalsozialismus und war so unbequem für die Hitler-Regierung, daß sie ihn 1941 in seiner in Przemysl/Galizien begonnenen Lehrer-Karriere nicht beamteten. Einer Anklage wegen Hochverrats, weil er Juden und Polen geholfen hatte, entging er nur, indem er den Rat eines Wohlmeinenden befolgte und sich schnellstens freiwillig zur Wehrmacht meldete. Im Kampfeinsatz an der Ostfront verlor er das rechte Auge, und im April 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Aus dieser schwerstverwundet entlassen, durfte er in seine Heimat zurückkehren. Aber die war nun kommunistisch, sein Elternhaus zerstört, arbeitsfähige Landsleute wurden in Internierungslagern zur Zwangsarbeit gezwungen, die Lage der Deutschen war eine völlig rechtlose. Um zu überleben, arbeitete Czaja als Knecht bei einem befreundeten polnischen Bauern. Als sein Doktorvater, der polnische Germanistik-Professor Adam Kleczkowski, von dem Schicksal seines einstigen Studenten erfuhr, bot er ihm eine Habilitation an der Universität Krakau an, die Bedingung war allerdings die Annahme – pro forma – der polnischen Staatsangehörigkeit. Czaja lehnte ab, und diese Entscheidung stellte die Weichen für seine Zukunft, seine Vertreibung aus seiner Heimat Oberschlesien war dadurch besiegelt.

Sein Flüchtlingsschicksal verschlug ihn nach Stuttgart. Hier begann er 1946 als Aushilfslehrer für die Fächer Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Latein an der Wagenburg-Oberschule. Er schloß sich der neugegründeten Jungen Union an „und fiel in Versammlungen durch seine gute Rhetorik, seine klugen Diskussionsbeiträge und durch seine ‚originelle‘ Kleidung auf. Er erschien in der schwarz gefärbten Uniform der Kriegsgefangenen und in Stiefeln aus der Soldatenzeit“, berichtet Christine Maria Czaja in ihrem Buch „Herbert Czaja, Anwalt für Menschenrechte“.

Er lernte Eva-Maria Reinhardt kennen, eine Schwäbin aus politisch und sozial engagierter Familie, sie heirateten, und aus dieser Ehe gingen zehn Kinder hervor. Gewiß trug auch dieser Umstand dazu bei, daß der Heimatvertriebene hier schnell Fuß faßte.

Schon bald, 1947, wurde er in den Gemeinderat der Stadt Stuttgart gewählt – als damals einziger Vertreter der Vertriebenen. Im Sozialausschuß kümmerte Czaja sich um jeden Problembereich, machte auf die Notlage der Vertriebenen, Evakuierten und Bombengeschädigten aufmerksam, lenkte den Blick auf das Elend in den Flüchtlingslagern und bald auch auf die Situation der deutschen Volksgruppen in Polen und in der Tschechoslowakei, die weitgehend vergessen war. Auch das ist heute vielfach vergessen: Herbert Czaja war es, der den sozialen Wohnungsbau in Stuttgart und Umgebung initiierte, 1957 gab er sogar eine Broschüre heraus mit dem Titel „Wie kommt man zu einem Familienheim?“, die innerhalb kurzer Zeit vier Auflagen erreichte.

Es folgte eine 37jährige ununterbrochene Zugehörigkeit zum Deutschen Bundestag, 1969 wurde er Sprecher der Landsmannschaft der Oberschlesier, 1970 zum Präsidenten des Bundes der Vertriebenen gewählt. In seiner 24jährigen Präsidentschaft bewältigte er nicht nur sein großes Arbeitspensum, sondern mußte sich ständig endloser Angriffe erwehren, er sei ein Ewiggestriger, ein „Stahlhelmer“ gar. Er ließ sich nicht beirren. „In einer gesicherten europäischen Friedensordnung ist Raum für einen dauerhaften und gerechten Ausgleich und enge Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen“, dieser Satz aus der im Jahre 1970 gefaßten „Bremer Erklärung“ bildete seine Richtschnur.

Wie sehr Herbert Czaja heute noch geschätzt wird, bewiesen die vielen Gruß-Adressen zu dieser Tagung. Dieser Wertschätzung Ausdruck verliehen auch die zwanzig zu dieser Tagung angereisten Oberschlesier, unter ihnen der Vorsitzende des Verbandes der Sozial-kulturellen Gesellschaften der Deutschen in Polen, Bernard Gaida.

Erika Kip (KK)

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