Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1261.

Heimat zum Geschenk machen

Marie-Luise Salden kehrt mit ihrer Kunst in ihre Geburtsstadt zurück

Die Elbinger Künstlerin Marie-Luise Salden begegnete in diesem Sommer ihrer Geburts­stadt mit einer umfassenden Ausstellung ihrer Werke im Centrum Sztu­ki Galeria EL. Gezeigt wurden Farb-Holzschnit­te, Zeichnungen und Papier-Schöpfungen von 1970 bis heute. Hier schildert sie ihre Eindrücke.

Wenn Schritte gelingen sollen, muß die Zeit „reif“ sein. Dies traf auch für die lange Zeit der Vorbereitung meiner Ausstellung „Inspiracje – Inspirationen“ in Elbing/Elblag zu, in der die Entwicklungen der Stunde sich als hilfreich erwiesen. Im Sommer 2005 unterstützte mein polnischer Maler-Freund Janusz Hankowski meine Absprachen mit dem damaligen Direktor Zbyszek Opalews­ki. Bis zur Präsentation vergingen fast drei Jahre mit manchen Durst­strecken. Schließlich fügten sich aber die äußeren wie die eigendyna­mischen Voraussetzungen zu einem großen Ganzen.

Mein innerstes Anliegen verlieh dem lange gehegten Wunsch Flügel, mit meiner Ausstellung persönlich zu Verständigung und Freundschaft beizu­tragen, ein Stück grenzenlosen heimatlichen Himmels zu schauen – von beiden Seiten. Das gelang mit der freundlichen Förderung durch die Stiftung Gerhart­Hauptmann-Haus, Düsseldorf. Daß der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie das Stadtmuseum Siegburg die Finanzierung des pol­nisch-deutschen, in Polen gedruckten Ausstellungskatalogs übernommen haben, erfüllt mich mit großem Dank und Freude. Hervorheben möchte ich auch die überaus freundschaftliche Zusammenarbeit und Begleitung seitens der Galeria EL, Elblag, wie auch des Regionalmuseums Krockow/Krokowa – Außenstelle des Westpreußischen Landesmuseums, Münster – und der TRUSO-Vereinigung Elbing e.V., Mün­ster.

Gestärkt durch diesen Rückenwind, konnte ich mit 90 ausgewählten Wer­ken, über deren Inhalte und vielschichtige Aussagen in einen leisen Dialog mit dem ehrwürdigen gotischen Ausstellungsgebäude von 770 Quadratmetern, meiner ehemaligen Taufkirche zu St. Marien von 1246, eintauchen und fast zwei Monate darin verweilen. Dieser Ort gibt Raum zum Innehalten, trägt er doch viele Spuren von Zeiten großen Leidens – zweier Völker. Wie ein tragender Ton wurde bei der Vernissage und während des Ausstellungsverlaufs meine Dankbarkeit wahrgenommen, dreiundsechzig Jahre nach der Vertreibung meine geistige Verbunden­heit zu meiner Vaterstadt in ihrer heutigen Gestalt offenlegen zu dürfen, mein zeitloses Beheimatetsein auf diesem Stück Erde – ohne Anspruch – als meine Gabe zu überbringen. Diese Botschaft wurde auf berührende Weise aufgenommen und vielfach gespiegelt. Heimat wurde mir zum Geschenk gemacht.

Zur Eröffnung fiel das sommerlich helle Abendlicht durch die hohen gotischen Fenster, schuf die wandernde Sonne einen Zauber von flie­ßender Veränderung, dabei von Klarheit und Wärme: Es ist ein beson­deres Licht der Spiegelung von der Ostsee, das dieses Land kennzeichnet!

In dieses Fließen gehörten die offen gestimmten zahlreichen Besucher, die festlichen Gedanken der Redner: Direktor Jaroslaw Denisiuk mit der herzlichen Begrüßung, Kurator Zbyszek Opalewski mit seinen sach­kundigen und sensiblen Worten zur Ausstellung – er ist selbst Maler und Graphiker –, für die Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus überbrach­te Dirk Urland das Grußwort. Daß mit meiner Ausstellung ein Startsignal für den Austausch der Künste zwischen Elblag und Düssel­dorf gegeben ist, läßt auf einen befruchtenden Dialog hoffen.

Meine Dankesworte kamen aus einem Berührtsein und lösten ein solches aus. Dieses Gefühl des Verbundenseins zeichnete Janusz Hankowski über unsere 31 Jahre währende Freundschaft nach, charmant-humorvoll. Das literarische Krönchen fügte Gabriela Kosicka hinzu, angereist als Vertreterin von Soroptimist International Gdansk mit mehreren Sorores. Sie trug das eindrucksvolle Gedicht über die Wassertropfen von Wislawa Szymborska, der polnischen Literatur-Nobelpreisträ­gerin von 1996, vor. Gleichen wir uns doch wie ein „Wassertropfen dem anderen im Weltenmeer…“ Erleichternd für alle, setzte der Dolmetscher Marek Harasimowicz die Sprachbarrieren außer Kraft. Ihm sei beson­derer Dank!

Bewegend klingen die Begegnungen nach, die ich während und nach der Eröffnung erlebte: Da sind die polnischen Künstler und Freunde, die Mitglieder der Elbinger deutschen Minderheit mit ihrer liebenswürdi­gen Vorsitzenden Hilda Sucharska, die vielen Vernissagegäste, die zehn beeindrucken­den Teilnehmerinnen meines freien Holzschnitt-Seminars, nicht zuletzt die Gespräche mit der Leiterin des Kulturamtes, Bozena Sielewicz, dem Vize­präsidenten der Stadt, Artur Zielinski, und dem Bauunternehmer Mytych und seiner Tochter Kataryna, deren besondere Verknüpfung mit der Geschichte meines Elternhauses noch zu nennen ist.

Ein Wort zum Seminar, das ich als mein Gastgeschenk mitbrachte. Begrenzt auf zehn Teilnehmer, fand es am Wochenende nach der Eröff­nung statt. Eine solch beachtliche Konzentration, künstlerische Hin­gabe, einen solchen Eifer und Sachverstand konnte ich bisher selten in meinem Unterricht erleben. Da ich meine Teilnehmerinnen aufgefor­dert hatte, der Wachstumsenergie, dem Wesen dieses einzigartigen Materials Holz im Arbeitsprozeß nachzuspüren, kam ihre Individuali­tät freier zum Ausdruck.

Ich kann nur ein bewunderndes Staunen und wahre Anerkennung für den zügig wieder entstehenden alten Stadtkern mitteilen, der den sen­siblen Blick für die alte Bauweise, gleichzeitig aber auch Charme und eine beschwingte Phantasie sichtbar macht, und dies bei knappen Mitteln! Es ist u. a. das Bauunternehmen Mytych, das einen großen Part der Rekonstruktion leistet. Hier liegt auch die Verknüpfung mit der Geschichte meines Elternhauses, damals Schmiedestraße 10, jetzt ul. Kowalska 10. Einem Wunder gleich ist jetzt auf dem Fundament meines Elternhauses ein prächtiges, dem Original­stil von 1568 verpflichtetes Haus entstanden. Das frühere Geschäfts­haus wurde von einem Hotel abgelöst: „Pod Lwem“, auf deutsch „Unter dem Löwen“. Am 19. Juni eröffnete es mit einer internationalen Kon­ferenz aller Elbinger/Elblager Partnerstädte, sechzehn an der Zahl.

Es ist ein schöner Gedanke, daß dieses Gebäude mit seinem Schmuckgiebel und seiner schlichten Ästhetik Menschen aus allen Himmelsrichtungen zusammen­führen und beherbergen wird. Was mir an Freundschaft durch den Unternehmer und seine Tochter zuteil wurde, läßt sich kaum in Worte fassen: „Wann immer Sie nach Elbing kommen, sind Sie mein persönlicher Gast in diesem Haus, Ihr Leben lang. Die Originalfotos Ihres Eltern­hauses werden wir in den Fluren des Hotels präsentieren, um Ver­gangenheit und Gegenwart zu verbinden.“ Mein Geschenk an dieses neue Haus, zur Begrüßung sozusagen, ist nach Wahl des Hausherrn mein Farb-Holzschnitt „Verwandeln – St. Nikolaikirche Elbing“ aus dem Jahr 1978. Er entstand nach meinem ersten Besuch der Heimat und symbolisiert den Neubeginn. Auf den alten Fundamenten entsteht weiter Zukunft.

Marie-Luise Salden (KK)

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