Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1358.

Heimatliebe als Aufgabe

Deren Last und Lust hat Herbert Hupka auf sich genommen ein Leben lang, das nun sein 100. Jahr erfüllt hätte

HeimatliebeHerbert Hupkas Geburt 1915 auf der Insel Ceylon war denkbar ungewöhnlich. Dass er weit weg von seiner schlesischen Heimat, die er ein Leben lang im Herzen trug, am 15. August 1915 geboren wurde, lag daran, dass seine Eltern, Erich und Therese Hupka, mit dem Schiff unterwegs waren nach Tsingtau in China, wo der Vater eine Professur für Physik angenommen hatte. Unterwegs wurden sie, die im Sommer 2014 im oberschlesischen Ratibor geheiratet hatten, vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und von den Engländern, den Kriegsgegnern der Deutschen, gefangengenommen und in ein Internierungslager nach Ceylon verbracht, das seit 1803 britisches Kolonialgebiet war. Später kamen sie in ein Internierungslager nach Australien, auf der Rückreise nach Deutschland 1919 starb der Vater an Lungenpest.

Und auch Herbert Hupkas Tod am 24. August 2006 in der Bonner Lessingstraße 26 war zumindest ungewöhnlich: Er starb nach einem Sturz im Treppenhaus, neun Tage nach seinem 91. Geburtstag. Seine Frau Eva ist 2012 unter noch immer ungeklärten Umständen in der Bonner Wohnung gestorben, Sohn Thomas ist bis heute unauffindbar.

Herbert Hupkas Mutter, eine geborene Therese Rosenthal, deren Eltern vom Judentum zum Protestantismus konvertiert waren, kehrte als junge Witwe im Juli 1919 über Rotterdam mit ihrem Sohn Herbert nach Ratibor zurück. Der besuchte von Ostern 1921 an die katholische Volksschule. Den Sohn katholisch zu erziehen, das war das Versprechen, das Erich Hupka noch auf dem Totenbett seiner Frau Therese abgenommen hatte. Dass Herbert Hupka unter diesen Vorzeichen ein Verehrer des katholischen Dichters Joseph von Eichendorff aus Lubowitz werden würde, verstand sich von selbst, zumal vor dem Landratsamt in Ratibor ein Denkmal des Dichters der „Mondnacht“ stand und Schloss Lubowitz nur neun Kilometer oderabwärts lag.

Nach der „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933 wurde Herbert Hupka, der nach NS-Begriffen als „Halbjude“ galt, wegen seiner jüdischen Mutter angefeindet, konnte aber am Evangelischen Humanistischen Gymnasium, wo er Latein und Altgriechisch lernte, 1934 noch das Abitur ablegen. Danach studierte er, wie Joseph von Eichendorff, an der preußischen Universität in Halle und später in Leipzig, wo sein vom Niederrhein stammender Doktorvater Theodor Frings Altgermanistik lehrte, Germanistik, Kunstgeschichte, Geographie, auch der Philosoph Hans-Georg Gadamer war einer seiner akademischen Lehrer. Während er das Staatsexamen zur Lehrbefähigung an Höheren Schulen noch ablegen konnte, wurde ihm das Rigorosum zunächst verweigert, er konnte aber während des Krieges im Mai 1940 die Doktorprüfung nachholen.

Am 29. August 1939 war er zur Wehrmacht eingezogen worden und diente als Besatzungssoldat in Frankreich, Rumänien, Bulgarien und Griechenland. Hier in Südosteuropa wurde er mit Malaria infiziert und in ein Lazarett nach Freiberg in Sachsen verlegt. Kaum genesen, wurde er verhaftet und 1943 vor ein Kriegsgericht gestellt, weil er bei der Beförderung zum Leutnant der Reserve verschwiegen hatte, dass er „jüdischer Mischling ersten Grades“ war. Deutschen „nichtarischer“ Abstammung war der Aufstieg ins Offizierscorps der Wehrmacht versagt. Deshalb wurde er am 23. März 1943 zu einem Jahr Freiheitsentzug verurteilt und im Mai ins Wehrmachtsgefängnis Torgau-Brückenkopf eingeliefert. Dort konnte er die Zeit nutzen und seine Dissertation „Gratia und misericordia im Mittelhochdeutschen“ für die Veröffentlichung vorbereiten. Im Mai 1944 wurde er aus Torgau entlassen und im Sommer 1944 aus der Wehrmacht ausgemustert. Er kehrte zurück nach Ratibor in Oberschlesien, von wo seine Mutter am 18. Januar 1944 ins Konzentrationslager Theresienstadt im „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ deportiert worden war.

Ein Vierteljahr nach Kriegsende gelang es Herbert Hupka, sich trotz der Nachkriegswirren nach Theresienstadt in Böhmen durchzuschlagen, seine Mutter nach anderthalbjähriger Lagerhaft zu befreien und ins amerikanisch besetzte Bayern zu bringen. Über das im September 1945 im niederbayerischen Deggendorf errichtete Sammellager kamen Mutter und Sohn nach München, wo Therese Hupka im Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde aufgenommen wurde.

Am 15. August 1945, dem Tag, als Herbert Hupka Theresienstadt erreichte, war er genau 30 Jahre alt und hatte bereits so viel an Leid und Verfolgung erfahren müssen, dass es für ein ganzes Leben gereicht hätte. Die Einzelheiten, die schließlich zu seinem Weg in die Politik und zu seinem unermüdlichen Einsatz für Schlesien geführt haben, kann man in der Festschrift „Für unser Schlesien“ zum 70. Geburtstag, besonders aber in seinen Lebenserinnerungen „Unruhiges Gewissen“ nachlesen. Zunächst jedoch wurde er, was er schon beim Abitur als Berufswunsch genannt hatte, Journalist.

Am 16. November 1945 wurde er Redakteur bei Radio München, aus dem 1949 der Bayerische Rundfunk hervorging, nach zwölf Jahren wechselte er als Programmdirektor zu Radio Bremen, wo er bis 1959 blieb. Bei beiden Sendern standen schlesische Geschichte und Kultur immer im Mittelpunkt des Angebots. Auf Anregung Jakob Kaisers, des Bundesministers für gesamtdeutsche Fragen in Bonn, war 1954, ein Jahr nach dem Arbeiteraufstand 1953 in Mitteldeutschland, in Bad Neuenahr/Rheinland-Pfalz das Kuratorium „Unteilbares Deutschland“ gegründet worden, das 1959 einen neuen Pressesprecher suchte. Auf diese Weise kam Herbert Hupka in die Bundeshauptstadt Bonn. Er war von 1968 bis 2000 Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, von 1969 bis 1987 Mitglied des Deutschen Bundestags und von 1982 bis 1999 Präsident der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat.

Gesehen habe ich Herbert Hupka zum ersten Mal auf dem 20. CDU-Parteitag in Wiesbaden 1972, im Herbst 1981 traten wir als Referenten eines Literaturseminars des Bundes der Vertriebenen in Bad Münstereifel auf, im Juli 1982 bewarb ich mich auf den Posten des Chefredakteurs der „Kulturpolitischen Korrespondenz“, der damals dreimal im Monat erscheinenden Zeitschrift der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, wo ich dann eine glückliche Zeit verbrachte.

Die Arbeitsleistung, die Herbert Hupka in seinen drei Berufen erbrachte, war überwältigend, zumal er schon 54 Jahre alt war, als er als Abgeordneter in den Bundestag einzog. Bei der Stiftung war er der erfolgreichste Präsident überhaupt. Im Herbst 1982 auf der Jahrestagung der Stiftung in Lübeck wurde er zum Präsidenten gewählt und entfaltete sofort eine unglaubliche Aktivität. Innerhalb weniger Jahre verdoppelte er die Zahl der Mitarbeiter, was ohnehin schwierig war, weil die wenigen Fachleute, die sich im historischen Ostdeutschland auskannten, sich zurückzogen und Nachwuchs dünn gesät war.

Unter Herbert Hupka, der Aufbruchsstimmung in die Stiftung brachte, erschien jedes Jahr auch ein Sonderheft der „Kulturpolitischen Korrespondenz“, so „Widerstand in Ostdeutschland“, „Gerhart Hauptmann“ und über ostdeutsche Autoren in Mitteldeutschland 1945–1995 unter dem Titel „Verlorenes Leben, verdrängte Geschichte“. Auch die Zahl der bei den Jahrestagungen vergebenen Kulturpreise wurde verdoppelt. Die herausragende Leistung aber, die bleiben wird, sind die zwölf Bände „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche“, die von 1992 bis 2005 im Münchner Verlag Langen Müller erschienen sind und sämtliche Gebiete Ostmitteleuropas abdecken, in denen einmal Deutsche gelebt haben.

Merkwürdig war aber, was wir Mitarbeiter der Stiftung mit Sorge beobachteten, dass unser Präsident innerhalb Deutschlands, besonders nach der Wiedervereinigung 1990, ständig angegriffen und als „Revanchist“ und „Kalter Krieger“ beschimpft wurde. So veranstalteten wir unsere Jahrestagung 1991 in Halle an der Saale, wo Herbert Hupka mehrere Semester studiert hatte. Damit verbunden war die Ausstellung „Große Deutsche aus dem Osten“, zu deren Eröffnung Herbert Hupka Polizeischutz anfordern musste, weil linke Demonstranten mit Tätlichkeiten gedroht hatten. In Polen, wohin er anschließend fuhr, war das wider Erwarten anders: Dort erfreute er sich nach 1989 wachsender Beliebtheit, die polnischen Journalisten waren glücklich über ein ihnen gewährtes Interview, in Warschau trat er im Fernsehen auf, 1998 wurde er zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Ratibor ernannt und kaufte dort eine Wohnung.

Im Spätsommer 2006 nahm ich an seiner Trauerfeier in der Bonner Elisabethkirche teil, vor dem Eingang standen drei Männer in oberschlesischer Bergmannstracht, um einen ihrer Landsleute zu ehren. Dieses Bild hätte ihn zu Tränen gerührt!

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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