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Ausgaben: Ausgabe 1235.

Henckel von Donnersmarcks Blick auf die DDR folgen selbst die Amerikaner

Top-Meldung aus Hollywood: Der deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck hat den Oscar. Von seinem Sprung in den Kino-Olymp wissen jetzt viele Menschen. Nach Volker Schlöndorff und Caroline Link ist er der dritte deutsche Filmemacher, der mit dem begehrtesten Preis der Branche für einen Spielfilm geehrt wurde. Florian Henckel von Donnersmarck nahm den Preis überglücklich entgegen. Was nur wenigen bekannt ist: Die Wurzeln seiner Familie sind in Oberschlesien.

Noch vor zwölf Monaten kannte kaum jemand seinen Namen. Jetzt kreist Graf Florian Henckel von Donnersmarck durch die Medienwelt. Weil er den Oscar für den besten ausländischen Film bekam, „Das Leben der anderen“, ein Stasi-Drama. Soweit das – inzwischen – Allerwelts-Wissen. Eher unbekannt: Die Familie Henckel von Donnersmarck pflegte einst enge Beziehungen zum Landkreis Kitzingen. Die Großeltern und der Vater des Oskar-Preisträgers, Leo-Ferdinand, wohnten fünf Jahre lang im Schloß Rüdenhausen. Aus ihrer Heimat Oberschlesien wurden sie vertrieben und fanden zunächst 1945 in Kreuzwertheim beim Fürsten Löwenstein Unterschlupf.

Als die beiden Fürsten aus Rüdenhausen und Castell einen neuen Chef für ihre Verwaltung suchten, erwies sich Graf Henckel als erfahrener und einfühlsamer Berater. Im August 1950 gab Graf Henckel seinen Wohnsitz im Schloß Rüdenhausen auf und beendete seine Tätigkeit dort, um nach Kärnten umzusiedeln.

Graf Florian hat zusammen mit seinen Eltern erst einmal die unterfränkische, zweite Heimat seiner Familie besucht, will dies aber baldmöglichst wiederholen, ob er dann auch Oberschlesien, die Wurzeln, die erste Heimat  seiner Familie, besucht?

Henckel von Donnersmarck ist eine schlesische Adelsfamilie, die ihren Ursprung in der früher oberungarischen Zips, heute slowakischen Spiš, hat. Stammvater ist Henckel de Quintoforo (14./15. Jahrhundert). Stammsitz ist Donnersmarkt in der heutigen Slowakei. 1636 Freiherren, 1651/61 Grafen, wurden die Donnersmarcks von Kaiser Fer-dinand II. 1623 mit Beuthen in Oberschlesien und Oderberg belehnt. Für Österreich erwähnenswert sind vor allem Lazarus Henckel, der 1607 die Bestätigung seines Adelsdiploms als Henckel von Donnersmarck erhielt, und Hugo Graf Henckel von Donnersmarck, dem bedeutende Leistungen für die Industrie sowie die Land- und Forstwirtschaft im 19. Jahrhundert zu verdanken sind. Das Palais in Wien wurde 1871/72 erbaut, Schloß Wolfsberg in Kärnten ist seit 1846 in ihrem Besitz. Das Familienwappen der Donnersmarcks von 1417 finden wir in Tarnowitz, Oberschlesien, am Rathaus.

Guido, ein Sohn des Grafen Karl Henckel von Donnersmarck und dessen Ehefrau Julie (geb. Gräfin von Bohlen), übernimmt durch den freiwilligen Verzicht seines Vaters den Familienbesitz Tarnowitz-Neudeck. Bei der Übernahme des Besitzes beträgt dessen jährliche Kohleförderung 21000 Tonnen. Donnersmarck gelingt es im Laufe der Jahrzehnte, die Förderung auf 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr zu steigern. Er finanziert den Wiederaufbau katholischer und evangelischer Kirchen. Seinen politischen Einfluß macht er auch als Kreisabgeordneter in Tarnowitz, als Landtagsmitglied und durch die erbliche Mitgliedschaft im Preußischen Herrenhaus geltend. Nach der Gründung der schlesischen Aktiengesellschaft für Bergbau und Zinkhüttenbetrieb in Lipine 1853 ist er bis zu seinem Tode Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens. Weitere Stationen seines Wirkens: 1853–1857 Bau der Donnersmarckhütte in Hindenburg, 1871 Teilnahme an den Friedensverhandlungen mit Frankreich nach dem Deutsch-Französischen Krieg, 1883 Gründung einer Zellulosefabrik an der Bahnlinie Breslau–Kreuzberg. Hervorzuheben sind die sozialen Leistungen und Stiftungen der Familie wie das Fürst-Donnersmarck-Institut in Grohnau und die Guido-Stiftung.

Die Freude Henckel von Donnersmarcks über seinen Triumph in Hollywood war grenzenlos. „Ich danke Deutschland und Bayern dafür, daß sie diesen Film möglich gemacht haben“, sagte er auf der Bühne. „Ich gratuliere unserem ehemaligen Schüler auf das herzlichste zu diesem großartigen Erfolg“, sagte Gerhard Fuchs, der Rektor der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF), wo Henckel von Donnersmarck studiert hat. Es sei eine unbeschreibliche Freude, daß „das sehr deutsche Thema ausgerechnet in Amerika ein so starkes Interesse fand“. Fuchs ist zugleich Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks, der den deutschen Oscar-Film koproduziert hat.

Hier kurz die „sehr deutsche“ Geschichte, die auch in Übersee „angekommen“ ist: Der Ost-Berliner Stasi-Hauptmann Wiesler erhält im November 1984 den Auftrag, den erfolgreichen Schriftsteller Georg Dreymann und dessen Lebensgefährtin, die bekannte Theaterschauspielerin Christa-Maria Sieland, auszuspionieren. Doch was als kühl kalkulierter, karrierefördernder Spitzeldienst geplant war, stürzt Wiesler zusehends in einen schweren moralischen Konflikt. Durch die Beschäftigung mit dem Leben dieser „anderen“ Menschen, mit Kunst und Literatur, lernt er Werte wie freies Reden und Denken kennen, die ihm bislang fremd waren. Trotz seiner plötzlichen Selbstzweifel sind die Mechanismen des Systems nicht mehr zu stoppen. Wieslers Existenz wird dabei ebenso zerstört wie die Beziehung zwischen Dreymann und Sieland. Als im Jahr 1989 die Mauer fällt, beginnt ein anderes Leben.

Wie kommt einer, der nichts dergleichen erlebt hat, zu dieser Geschichte? Nicht auf akademischem Weg, sondern offenbar auf dem Weg menschlichen Interesses, dem akademische Bildung allerdings nicht im entferntesten abträglich ist, und durch eine familienbedingte Weltläufigkeit, die auch den Blick für die engen, erstickenden Verhältnisse der DDR geschärft hat. Florian Maria Georg Henckel von Donnersmarck wurde 1973 in Köln geboren. Seine Kindheit und Schulzeit verbrachte er in New York (sechs Jahre), Berlin (drei Jahre), Frankfurt am Main (vier Jahre) und Brüssel (vier Jahre). Nach dem Abitur studierte er zwei Jahre in Sankt Petersburg, es folgte eine kurze Karriere als Russischlehrer. Von 1993 bis 1996 studierte er Philosophie, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre am New College in Oxford. Erst danach begann, mit einem Regie-Praktikum bei Richard Attenborough, seine Filmlaufbahn, die ihn zunächst an die Hochschule für Fernsehen und Film nach München führte, wo er die Kurzfilme „Dobermann“ (1998) und „Der Templer“ (2001) drehte. Am 23 März 2006 kam mit „Das Leben der anderen“ Donnersmarcks erster Langfilm in die deutschen Kinos – allerdings, wie sich gezeigt hat, mit einer Reichweite bis nach Hollywood.

Michael Ferber (KK)

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