Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1239.

Herkunft: Europa, Sprache: Musik

Das Salon- und Liebhaberorchester des Bukowina-Instituts Augsburg ist zu einem multi- und internationalen Klangkörper gediehen

1988 gründete der Bezirk Schwaben nach mehrjährigen Verhandlungen mit verschiedenen Augsburger Institutionen das Bukowina-Institut. Für die Integration von Aussiedlern stünden Mittel zur Verfügung, meinten die Berater von Bundesinnenministerium, Freistaat Bayern und Bezirk Schwaben. Man möge doch Projektvorschläge unterbreiten. Schon für das Jahr 1990 wurden vom Vorstand und der Leitung des Bukowina-Instituts verschiedenste Ideen in Projekte gegossen und den Beamten im Aussiedlerreferat des Bundesinnenministeriums vorgelegt. Dieses entschied sich schließlich im Jahr 1991 für ein Orchesterprojekt.

Über Musikkultur sollten Aussiedler aus dem Osten mit einheimischen jungen Leuten zusammenkommen. Dabei konnte man sich kennenlernen, konnte gemeinsame Ziele erreichen, die nicht von besonderen Sprachkenntnissen abhängig waren, und dadurch das Orchester zu einem Integrationsfaktor machen. Allerdings erwies sich die Überlegung, die zahlreichen Aussiedler der frühen neunziger Jahre würden musikalische Kenntnisse und ihre Instrumente mit in die neue Heimat bringen, als Trugschluß. Alle Aktionen, Aussiedler zur Orchestergründung in das Bukowina-Institut zu locken und zum Mitmachen anzuregen, schlugen zunächst fehl.

Im Dezember 1991 gründete der damalige Pädagogische Leiter des Bukowina-Instituts, Dr. Ortfried Kotzian, das Orchester trotzdem. Erster Dirigent und Orchesterleiter war Otto Hanrieder, der damalige Konrektor der Augsburger Herrenbachschule, ein Musikpädagoge, der eine musikalische Zusatzausbildung am Salzburger Orff-Institut erfolgreich abgeschlossen hatte. Aus den zwölf Mitgliedern von damals, von denen noch vier dem Orchester die Treue halten, sind mittlerweile 34 feste Mitglieder geworden. Heute besteht das Salonorchester aus musikbegeisterten Studenten und Hobbymusikern. Auch die im Projektantrag damals besonders gewünschten Aussiedler sind im Orchester mittlerweile vertreten.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Orchester immer mehr zu einem kleinen Abbild der multikulturellen Bukowina. Heute kann man feststellen, daß in dem Orchester tatsächlich ein buntes Bild europäischer Bevölkerungsentwicklung vorgestellt werden kann. Mit Friedrich Hafner am Knopfakkordeon ist ein waschechter rußlanddeutscher Aussiedler aus Semipalatinsk in Kasachstan dabei. Aus Oberschlesien kommt der Kontrabassist Robert Kuschek. Der Vater der Cellistin Stella David ist Amerikaner, die Eltern von Barbara Obenberger-Radjel am Alt-Saxophon und von Norbert Rindle am Schlagzeug kommen aus Kattowitz bzw. Oppeln, sind also ebenfalls Oberschlesier. Und auch Sudetendeutsche gibt es eine Menge in diesem Orchester. Auch der zweite und dritte bayerische Stamm, die Franken und die Schwaben, sind in dem Orchester ausreichend vertreten. Daneben gibt es noch weitere „Exoten“, zum Beispiel Martin Rasmussen, dessen Vorfahren aus Dänemark nach Bayerisch-Schwaben gekommen sind, oder Oliver Gray an der Klarinette und Thomas M. Ryder an der Trompete aus England. Der größte Teil des jungen Orchesters steht zu seiner schwäbischen Herkunft oder hat sich um die Herkunft der Eltern und Großeltern bis jetzt noch nicht groß gekümmert, aber einer, Thomas Sienz (zweite Violine), will kein bayerischer Schwabe sein. Er ist Allgäuer, sagt er.

Seit 1994 leitet Ruth Kotzian, zunächst zwei Jahre zusammen mit Katrin Wagner, das Orchester des Bukowina-Instituts. Mit der engagierten Dirigentin gestaltete das Salon- und Liebhaberorchester Ausstellungseröffnungen, Faschings- und Galabälle, Frühlings- und Sommernachtskonzerte, Stadtteil- und Pfarrfeste, Geburtstage, Hochzeiten, thematische Konzerte und trat zur Umrahmung von Festakten auf. Legendär waren die Faschingskonzerte zum Haluschkenessen im Bukowina-Institut selbst. Musik und die kulinarische Spezialität aus der Bukowina (besondere Form der Krautwickel) konnten nur gemeinsam gebucht werden und erfreuten sich in Augsburg großer Beliebtheit.

Ein erstes Auslandsgastspiel fand im Oktober 1996 in der Tschechischen Republik statt, als das Orchester im Rahmen der Reichenberger Kulturtage zwei Konzerte gab. 1998 gestaltete das Orchester zum zehnjährigen Bestehen des Bukowina-Instituts einen musikalisch-literarischen Nachmittag im frisch renovierten Jugendstilbau des Kurhaustheaters Augsburg-Göggingen. Zum Jahresende 1999 wurde beim Milleniumsball in Illertissen-Au zum Tanz aufgespielt. 2001, als die Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen ihr offizielles Bundestreffen in Suczawa und damit in der „alten Heimat“ in Rumänien veranstaltete, ging das Orchester zum ersten Mal auf Tournee – diesmal durch die Bukowina selbst. Fünf Konzerte wurden in Rumänien gegeben, wobei die Auftritte in Radautz/Radauti und Suczawa/Suceava vor jeweils mehr als 800 Zuhörern die Höhepunkte darstellten. Weitere „Highlights“ waren die drei „Venezianischen Konzerte“ in Zusammenarbeit mit der Chorgemeinschaft Au/Iller in Vöhringen und Illertissen, die insgesamt 1500 Personen miterlebten. 2005 begab sich das Orchester auf eine einwöchige Reise in die Toskana, spielte auf Straßen und in Kirchen. Im Oktober umrahmte es im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus das fünfjährige Jubiläum der Stiftung Bildungspakt Bayern. Im vergangenen Jahr gestaltete es im Sudetendeutschen Haus in München einen „Tanz in den Mai“.

Was ist eigentlich vom Salon- und Liebhaberorchester des Bukowina-Instituts Augsburg zu hören? Welches Repertoire ist vorhanden? – Mittlerweile beherrscht das Orchester über 200 Nummern aus den Bereichen der klassischen Unterhaltungsmusik: vom „Kaiserwalzer“ bis zu „Rosen aus dem Süden“ von Johann Strauß Sohn, vom „Radetzkymarsch“ (Johann Strauß Vater) bis zum „Florentiner Marsch“ von Julius Fucik, vom Operettenquerschnitt des „Vogelhändlers“ (Carl Zeller) bis zum Musical „My Fair Lady“ (Frederik Loewe) bewegen sich die Stücke. Daneben präsentiert das Orchester Länderpotpourris und moderne Tanzmusik oder Schlager. Ein weiterer Schwerpunkt des Ensembles sind Charakterstücke, z.B. „An der Moldau“ mit Melodien von Friedrich Smetana und Anton Dvorak.

Insgesamt waren in den 15 Jahren des Bestehens des Orchesters etwa 80 Instrumentalisten an dem Klangkörper beteiligt. Im Jubiläumsjahr stieß mit dem Pianisten Alexander Gouberman erstmals ein echter Bukowiner zum Orchester. Alexander ist in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, geboren.

(KK)

«

»