Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1267.

Hier kann man der Geschichte nicht entkommen

2009 ist Vilnius zusammen mit dem oberösterreichischen Linz Kulturhauptstadt Europas. Gerade rechtzeitig zu diesem Ereignis legen die Hamburger Osteuropaforscher Joachim Tauber und Ralph Tuchtenhagen eine kurzgefaßte wissenschaftlich fundierte Geschichte der litauischen Hauptstadt vor. Sie ist um so wertvoller, als es nur wenige solcher Publikationen in westlichen Sprachen gibt. Der Schwerpunkt deutscher Forschung liegt im Hochmittelalter und auf der Zeit der Weltkriege. Insgesamt gibt es in dem Band in immer wieder eingestreuten Info-Kästchen und am Schluß außergewöhnlich viele weiterführende Literaturhinweise. Das Orts- und Straßenregister könnte auf einen Stadtführer schließen lassen. Das aber ist dieses Buch nicht. Das Schlußkapitel „Die Metropole der Republik Litauen“ umfaßt nur vier Seiten.

Alles andere ist Geschichtsschreibung bis zur Wende. Sie belegt den Satz von Czeslaw Milosz: „In Vilnius kündet jeder Stein von der Geschichte, man kann ihr nicht entkommen.“ Die Autoren fügen hinzu: „Nur an wenigen Orten ist Europa so gegenwärtig.“

Die Deutschen hatten seit dem 14. Jahrhundert ein eigenes Stadtviertel und trugen wie die Polen und Juden viel zur Entwicklung der Stadt bei, die im Hochmittelalter und im 19. Jahrhundert zu den blühendsten Osteuropas zählte. Achtmal belagerten Heere des Deutschen Ordens und andere Kreuzritter den Schnittpunkt alter Handelsstraßen, das Magdeburger Stadtrecht förderte die Residenz – so eigene Kapitel – der Großfürsten, des Hofadels, der Bischöfe und Klöster wie des Bürgertums.

Dargestellt werden die immer wieder neuen Spannungen mit Rußland, zwischen Litauern und Polen, der Aufenthalt zunächst des siegesgewissen und dann des geschlagenen Napoleon. Fast ständig gab es Streit um die territoriale Zugehörigkeit der Stadt an der Neris. Fast ein Drittel des Buches aber nimmt das schicksalhafte zwanzigste Jahrhundert ein, das in zwei Weltkriegen mit der Vernichtung eines Viertels der Bevölkerung, der Juden, und der Zerstörung von 11 Prozent (Seite 205: 26 Prozent) der Bausubstanz endete. Dann die ethnische Säuberung auf Sowjetart: „Die noch in der Stadt lebenden Polen wurden entweder verhaftet oder ‚repatriiert‘.“ Die letzten Zeugnisse der jüdischen Geschichte wurden von den Sowjets zerstört. 1945 lebten neben anderen Bevölkerungsgruppen nur noch achttausend Litauer in ihrer Stadt.

Das änderte sich bald durch hohe Geburtenraten und den Zuzug der Landbevölkerung. Zugleich kamen Intellektuelle aus der gesamten Sowjetunion.

1994 wurde die Altstadt zum Weltkulturerbe. Die wechselhafte und blutige Geschichte der Stadt erlebte – so die Autoren – ein Happy-End.

Norbert Matern (KK)

Joachim Tauber, Ralph Tuchtenhagen: Vilnius – kleine Geschichte der Stadt. Böhlau Verlag, Köln 2008, 284 S., 22,90 Euro

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