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Ausgaben: Ausgabe 1240.

Historiker der Harmonien und der Heimat

Der Musikwissenschaftler Hubert Unverricht hat sein akademisches Amt mit zahlreichen Ehrenämtern bereichert

Hubert Unverricht, emeritierter Professor und Ordinarius für Musikwissenschaft an der Katholischen Universität in Eichstätt, vollendet am 4. Juli 2007 sein 80. Lebensjahr.

Unverrichts Forschungsgebiete lassen sich zeitlich und thematisch klar abgrenzen: vor allem das 18. und 19. Jahrhundert; Klassik, Frühromantik, Kammermusik, Urheberrecht in der Musik, Musikeditionsrecht und regionale Musikgeschichte Schlesiens, Bayerns und des Rheinlandes.  So klar und übersichtlich sich seine Forschungsgebiete darstellen lassen, so umfangreich und differenziert stellt sich im Gegensatz dazu ein Überblick über seine Werke zu diesen Forschungsgebieten dar. Auf diese eingehen zu wollen, würde den Rahmen dieser Geburtstagslaudatio bei weitem sprengen, weshalb ich interessierten Lesern empfehle, das Werkeverzeichnis im Band 2, M–Z, der „Liegnitzer Lebensbilder des Stadt- und Landkreises“ nachzuschlagen. Das ist gewiß lohnend, weil sich hier die vielfältige Vernetzung musikalischer und historischer Themen in den genannten Forschungsgebieten zeigt.

Bei Professor Hubert Unverricht haben ehrenamtliche Tätigkeiten stets einen hohen Rang eingenommen: Bereits ab 1966 engagierte er sich als Mitbegründer und anfangs als Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Musikwissenschaftlicher Herausgeber und Verleger (IMHV), der späteren VG Musikedition in Kassel, ab 2000 als Ehrenmitglied. Im Johann-Gottfried-Herder-Institut in Marburg/Lahn nahm er verschiedene leitende Ehrenämter wahr. So gab er von 1979 bis 1996 als Leiter der Fachkommission Musikgeschichte „Musik des Ostens“ (die Bände 8–15) heraus.

Die Historische Kommission für Schlesien übertrug ihm 1988 die Aufgabe des Zweiten Vorsitzenden. Dem Heimatwerk Schlesischer Katholiken stellte er sich von 1995 bis 2001 als dessen Präsident zur Verfügung, nachdem er bereits zuvor die Aufgabe eines Vizepräsidenten ausgeübt hatte. Im Arbeitskreis für Schlesische Musik leitete er einige Jahre lang die Wintertagungen im Kastell Windsor (Oberpfalz).

Seit 1982 ist Professor Unverricht Mitglied im Präsidium des Wissenschaftlichen Arbeitskreises der Liegnitzer Sammlung Wuppertal und hat eine große Zahl wichtiger Impulse gegeben, insbesondere ist seine Tätigkeit als Herausgeber der „Liegnitzer Lebensbilder des Stadt- und Landkreises“ in der Zeit von 2001 bis 2005 hervorzuheben. In den Bänden 1 bis 3 wird das Leben und Wirken von 606 Personen mit bedeutendem Lebensbezug zu Liegnitz für kommende Generationen dokumentiert.

Hubert Unverricht ist ein echtes Liegnitzer Kind. Er wurde als zweiter Sohn des Kaufmannes Herbert Unverricht und seiner Frau Hedwig am 4. Juli 1927 in Liegnitz geboren. Er besuchte die katholische Volksschule und ab 1938 das „Johanneum“, die Staatliche Oberschule für Jungen. Seine Neigung zur Musik zeigte sich früh. Ab dem 12. Lebensjahr spielte er im Schulorchester und in der Spielschar mit.

Er ist der einzige von drei Brüdern, der den Krieg überlebt hat. Am 23. Juni 1945 wurde er mit seinen Eltern aus seiner Heimatstadt vertrieben. Das Aufnahmeland Sachsen bot ihnen zunächst das Lager Kleinwelka und dann eine Einweisung nach Großenhain an. Hier legte er im Juni1947 die Abiturprüfung ab und begann anschließend mit dem Studium der Musikwissenschaft, der Germanistik und der Philosophie an der Humboldt-, später an der Freien Universität Berlin. 1953/54 erfolgte hier seine Promotion. Am 26. Mai 1955 heiratete er in Berlin. Die Familie wuchs um drei Töchter und zwei Söhne.

Nach Hilfstätigkeiten in Berlin fiel Hubert Unverricht durch die Teilnahme an einem Preisausschreiben der Gesellschaft für Musikforschung positiv auf. Das Joseph-Haydn-Institut in Köln bot ihm daraufhin eine Stelle als Mitarbeiter der Joseph-Haydn-Gesamtausgabe an. Er ging deshalb 1956 nach Köln. 1962 wechselte er als Assistent zu Prof. Dr. Helmut Federhofer an die Johannes-Gutenberg-Universität nach Mainz, wo er sich 1967 habilitierte. 1974 wurde er dort zum Professor ernannt. Die neu gegründete Katholische Universität in Eichstätt berief ihn 1980 zum ersten Ordinarius auf den Lehrstuhl für Musikwissenschaft. Diese Aufgabe erfüllte er bis zum Beginn seines Ruhestands im Jahre 1991.

Hubert Unverricht hat das Schicksal der Heimatvertriebenen persönlich erlebt, mit eigener Kraft seinen wissenschaftlichen Aufstieg bewältigt, an der Katholischen Universität Eichstätt die jüngste kunstwissenschaftliche Disziplin, die Musikwissenschaft, eingeführt und zur Geltung gebracht, wesentliche Aspekte der Musikgeschichte seiner Heimatstadt Liegnitz und Schlesiens erforscht und publiziert, durch ehrenamtliche Mitarbeit in Fachkreisen und in schlesischen und Liegnitzer Institutionen deren Ziele gefördert, und all dies in einem überaus kooperativen Stil.

Gerhard Kaske (KK)

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