Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1331.

Literatur und Kunst

Historische Logik wird dem Markt unterworfen

Darum ist Breslau nicht mehr der Rede wert

Historische-Logik-wird1Unlängst erschien auf dem Buchmarkt der Band „Die Ducks in Deutschland. Eine Comic-Reise in 8 Kapiteln“. Auf 100 Seiten wird eine vergnügliche und spannende Schnitzeljagd der Familie Duck im Sommer 2012 erzählt: Dagobert, Donald, die drei Neffen Tick, Trick und Track und ihrer aller Rivale Klaas Klever suchen nach dem Schatz der fiktiven Gräfin von Tarn und Tuxis, die einhundert Jahre zuvor, 1912, ein Opfer des Untergangs der „Titanic“ wurde, zuvor jedoch ihre Reichtümer versteckt und mit gereimten Rätseln „garniert’“hatte. Wem es gelingt, das jeweils nächste Rätsel zu lösen – stets geht es um Örtlichkeiten in deutschen Städten – und am Ende, zurück am Ausgangspunkt in Berlin, alle Stationen glücklich bewältigt hat, dem soll als Anerkennung das Vermögen der Gräfin als Belohnung gebühren.

In wilder Jagd folgt die Familie Duck den in acht Städten verborgenen Hinweisen und eilt (kein nur erdenkliches Städteklischee auslassend) von Berlin nach Hamburg und von dort weiter ins Ruhrgebiet, nach Oberhausen und Dortmund. Es schließen sich München, Frankfurt am Main und Köln an, es folgen Stuttgart und Dresden, bevor die Geschichte – erneut in Berlin – ihr glückliches Ende findet, das an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden soll, nicht zuletzt, weil es hier um eine ganz andere Frage geht: um die Auswahl der Städte nämlich, in der die Schatzsuche stattfindet.

Unschwer lässt sich an den Handlungsorten erkennen, dass jene Gräfin bei ihrer Versteckreise des Jahres 1912 ihre Hinweise auf die jeweils nächste zu ermittelnde und anzusteuernde Stadt wohl in den seinerzeit einwohnerstärksten deutschen
Städten hinterlegen wollte (und nicht etwa in den bedeutendsten, andernfalls wäre vermutlich z. B. Weimar mit von der Partie gewesen). Freilich, ob eine standesbewußte Gräfin des Jahres 1912 ausgerechnet das proletarische Ruhrgebiet in ihre Deutschland-Expedition einbezogen hätte, ist fraglich und schürt erste Zweifel an der historischen Plausibilität der Story. Eine rasche Wikipedia-Recherche nach den seinerzeit größten Städten beweist dann das bereits Vermutete: Die seinerzeit siebtgrößte deutsche Stadt, das mehr als einhunderttausend Einwohner mehr als Frankfurt am Main zählende Breslau, wird in „Die Ducks in Deutschland“ ausgespart. „Na und?“, könnte die Gegenfrage des Jahres 2013 heißen. „Wen stört’s?“

Vielleicht niemanden, immerhin sei konstatiert, dass sich der Comic bei der Wahl seiner Schauplätze halbwegs penibel an den vor einhundert Jahren tatsächlich zehn größten deutschen Städten orientiert. Das waren Berlin, Hamburg, München, Leipzig, Dresden, Köln, Breslau, Frankfurt, Düsseldorf und Nürnberg. Dresden und Leipzig, dieser Schluß liegt nahe, sind in ihrem sächsischen Wesen einander zu ähnlich, als dass beide Städte im Buch hätten Platz finden können, ebenso unterlag das rheinische Düsseldorf dem bedeutenderen Köln. Sei’s drum… Doch der Verzicht auf Breslau, zumal wegen seines Alleinstellungsmerkmals als der einzigen Metropole Schlesiens, wiegt schwerer.

Historische Logik wird2Man mag nun einwenden, Breslau zähle heute zu Polen und würde der Comicgeschichte eine irritierende Nuance verleihen – doch wieso eigentlich? Der Kalte Krieg ist längst passé: warum hätte die Familie Duck nicht auch ins ehemals deutsche Breslau reisen und dort auf der Sandinsel, im Rathaus oder in der damals just entstehenden Jahrhunderthalle nach Hinweisen der Gräfin suchen sollen? Wer hier nun einmal mehr politische Befindlichkeiten vermutet – denn allzu lange galt die inhaltliche Hinund Rückwendung zu den alten deutschen Ostgebieten ja als verpönt –, liegt falsch.

Denn in diesem Fall sind es die ökonomischen Zwänge: „Die Hefte“, so ergab eine Anfrage, „müssen sich verkaufen, und in Breslau sitzen nur wenige Micky-Maus- Leser.“ Auf das millionenstarke Ruhrgebiet – obschon vor einhundert Jahren nicht eine einzige der Revierstädte hinreichend groß war, um unter den ersten zehn zu landen – zu verzichten und gegen das historisch korrekte Breslau auszutauschen, kam also deshalb nicht in Frage, weil man sich von Oberhausen bis Dortmund um eine Klientel gebracht hätte, die sich mit ihrer „Heimat im Comic“ identifiziert und zu den mutmaßlichen Käufern der „Ducks in Deutschland“ zählt.

Wer in diesen Jahren die weiterhin schwindende Präsenz des historischen deutschen Ostens im Alltagsbewusstsein beklagt, sollte mithin, neben den weltanschaulichen, verstärkt auch wirtschaftliche Ursachen bedenken. Breslau zählt nicht mehr, denn es „zählt“ nicht, es zahlt sich nicht aus.

Martin Hollender (KK)

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