Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1240.

Historische Volten

Nach Jahrhunderten sind die osmanischen Teppiche aus Siebenbürgen als Exponate an die einstige Hohe Pforte zurückgekehrt

Transsilvanien, zu deutsch Siebenbürgen, wird landläufig meist mit den multimedial und global vermarkteten Vampirmythen in Verbindung gebracht. Daß in dieser geschichtsträchtigen südosteuropäischen Landschaft, die zu Zeiten des Eisernen Vorhangs aus dem historischen Bewußtsein des Abendlandes ausgeklammert, ja getilgt war, einmalige Kulturschätze erhalten geblieben sind, beginnt erst allmählich an die Öffentlichkeit zu dringen und die gebührende Aufmerksamkeit zu finden.

Ein bemerkenswertes Beispiel dafür sind die osmanischen Teppiche aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, von denen mittlerweile nicht nur in ihren westanatolischen Herkunftsregionen, sondern auch in einschlägigen Sammlungen weltweit nur noch wenige Exemplare vorhanden sind, während sie nach wie vor in beträchtlicher Anzahl die reformierten sächsischen Kirchen in Siebenbürgen sowie die staatlichen Museen in Rumänien schmücken: Anfang des 20. Jahrhunderts waren es etwa 600, heute sind es immerhin noch etwa 400 antike Stücke, die alle historischen Turbulenzen überdauert haben und das am besten erhaltene Korpus kleinformatiger osmanischer Teppiche außerhalb der islamischen Welt bilden.

Ihr teilweise erstaunlich guter Zustand ist im allgemeinen dem veränderten Stellenwert zu verdanken, der den osmanischen Teppichen im christlich geprägten Europa zukam, wo sie sich spätestens seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert einer wachsenden Beliebtheit erfreuten. Dafür spricht nicht zuletzt die Tatsache, daß sie als Hoheitsabzeichen Einzug in die abendländische Historien- und Porträtmalerei hielten und die Namen der Künstler, in deren Bildern klar definierte Dessins auszumachen waren, nachträglich zur Bezeichnung eines bestimmten Typus herangezogen wurden, etwa „Ghirlandajo-Teppich“ oder „Holbein-Teppich“.  Während sie für Muslime Gegenstände des religiösen wie des täglichen Gebrauchs darstellten – sei es als Gebets-, Sitz- oder Schlafmatte, sei es als Bett- oder Tischdecke – und bei Verschleiß durch neue ersetzt wurden, schätzten die Christen sie als Wert- und Kunstgegenstände, vor allem aber als Statussymbole, die Reichtum und Rang bezeichneten und nicht ausgelegt, sondern gehängt und geschont wurden.

Daß jedoch ausgerechnet in den lutherischen Kirchen Siebenbürgens so viele herausragende Exemplare erhalten blieben, geht im besonderen auf das Bilderverbot der Reformation zurück, die bei den Siebenbürger Sachsen 1543 mit der Veröffentlichung und Verbreitung des „Reformationsbüchleins“ von Johannes Honterus einsetzte, dem 1547 die „Kirchenordnung für alle Deutschen in Siebenbürgen“ folgte, und 1572 mit der Annahme des Augsburger Bekenntnisses auf der Synode in Mediasch als abgeschlossen galt. Im Zuge des streng beobachteten Ikonoklasmus wurden um die Mitte des 16. Jahrhunderts nicht nur sämtliche Wandmalereien übertüncht, auch die Seitenaltäre und Tafelbilder mußten weichen. Die nun als leer und kalt empfundenen Kirchenräume aber erzeugten einen solchen Horror vacui, daß die damals offiziell wie privat bereits hoch geschätzten und hoch gehandelten osmanischen Teppiche – im Jahr 1503 wurden allein nach Kronstadt 509 Stück eingeführt! – als Spenden von Zünften und Gemeindemitgliedern Einzug in eben jene Gotteshäuser halten konnten, die während des vorangegangenen Jahrhunderts in fast jedem noch so kleinen Ort zum Schutz vor den häufigen Einfällen osmanischer Heerscharen mit Mauern, Türmen und Basteien umgeben und zu Wehrburgen umfunktioniert worden waren. Eine erstaunliche historische Volte, der allerdings die Erhaltung dieser geknüpften Kleinodien letztlich zu verdanken ist – mal abgesehen von den hervorragenden konservatorischen Bedingungen, die in den protestantischen Kirchenräumen in Siebenbürgen über fast fünf Jahrhunderte hinweg gegeben waren.

Nun sind 41 von ihnen – vorwiegend Gebetsteppiche – als Exponate in ihr Herkunftsgebiet zurückgekehrt und werden bis zum 19. August im Sakip Sabanci Museum in Istanbul als einzigartige Zeugnisse historischer osmanischer Teppichkunst unter dem Titel „Zum Lobe Gottes – Anatolische Teppiche aus siebenbürgischen Kirchen, 1500–1750“ gezeigt. Sie stammen aus den Beständen der evangelischen Kirchen in Birthälm, Reps und Mühlbach, aus dem Brukenthal-Museum in Hermannstadt, den Nationalen Kunstmuseen in Bukarest und Budapest, dem Museum für Angewandte Kunst in Budapest sowie dem Museum für Islamische Kunst in Berlin, bezeugen also auch eine gelungene länderübergreifende Kommunikation und Kooperation. Darüber hinaus aber ist das speziell für diese Ausstellung geschaffene Ambiente wahrlich bemerkenswert: Es handelt sich um den Nachbau eines gotischen Sakralraumes mit Altar, Kirchenbänken und dem Chorgestühl nachempfundenen Schaukästen, der die Stimmung und Wirkung eines protestantischen Gotteshauses in Siebenbürgen heraufbeschwört. Eine weitere erstaunliche, historisch zu nennende Volte also, die am Beispiel der Teppichkunst vorführt, daß gegenseitige Achtung und Annäherung gerade im Bereich noch so gegensätzlicher, gemeinhin als einander „fremd“ apostrophierter Kulturen nicht nur möglich, sondern auch konkret erfahrbar, ja lebbar sind – entgegen aller Akkulturationsbestrebungen, die gegenwärtig in der politischen Öffentlichkeit vehikuliert werden, nicht zuletzt auch in Deutschland.

Diese Ausstellung in Istanbul aber zeigt, daß es bei allen zusehends radikaleren islamistischen Tendenzen in der heutigen Türkei auch anders geht. Schon allein deshalb gebührt diesem Projekt Anerkennung, ja Respekt.

Allen historisch und kunsthandwerklich Interessierten, die keine Möglichkeit haben, diese besondere Ausstellung am Bosporus zu besuchen, sei eine ebenso detaillierte wie brillant illustrierte Publikation zum Thema empfohlen, die Ende letzten Jahres viersprachig – englisch, rumänisch, ungarisch und deutsch – aufgelegt worden ist: „Die Osmanischen Teppiche in Siebenbürgen“, herausgegeben von Stefano Ionescu, ISBN 88-7620-753-8 (zu beziehen über www.tran-sylvanianrugs.com). Das Buch entführt gleich einem fliegenden Teppich in eine opulente Bilder- und Geschichtswelt, deren Entdeckung faszinierender ist als alle medial aufbereiteten Vampirmythen zusammen.

Edith Konradt (KK)

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