Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1280.

Hochleistungskünstler poetisch-epischer Weisheit

Gespräch mit Wilhelm von Sternburg, dem Autor einer neuen Biographie über den großen Joseph Roth

U. S.: Joseph Roth war Jude, Katholik, Monarchist und vor allem ein begnadeter Schriftsteller, innerlich also sehr zerrissen. Von welcher Warte aus sind Sie an ihn herangegangen?

W. v. St.: Für mich war Joseph Roth vor allem ein bedeutender Schriftsteller. Ich glaube, daß  eine neue Biographie über ihn wichtig war, weil er zum einen aus einer Welt stammt, die wir kaum noch kennen, nämlich der ostjüdischen Welt.

Zum andern ist er natürlich einer der begnadetsten Autoren der zwanziger Jahre, also der Jahre der Weimarer Republik gewesen. Die letzte große Biographie über Joseph Roth stammt von dem amerikanischen Germanisten David Bronsen. Eine Pionierarbeit, aber sie ist rund vierzig Jahre alt. Jede Generation sieht  einen Autor neu. Die Wiederentdeckung des Ostjudentums nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, neue Brieffunde und wieder-aufgetauchte Arbeiten Roths lassen heute den Künstler und sein Werk unter einem veränderten Blickwinkel sehen.

Joseph Roth stammte aus armen Verhältnissen. Dafür hat er erstaunlich Karriere gemacht. Er ist an einem deutschsprachigen Gymnasium in der galizischen Steppe  ausgezeichnet worden für das beste Abitur damals, hat dann angefangen zu studieren.

Man muß ein bißchen zurückhaltend sein mit dem Begriff „arme Verhältnisse" in Roths Jugend. Aber er kam aus einem materiell abhängigen Verhältnis. Der Onkel in Lemberg war wohlhabend und hat ihn unterstützt. Sein Aufstieg aus der Provinz hin zum Starjournalisten der Weimarer Republik ist so erstaunlich nicht. Joseph Roth hat einen unglaublichen Aufstiegswillen gehabt. Positiv daran war, daß er die Kraft hatte, diesen Aufstieg in seinem Beruf als Journalist wie als Schriftsteller zu finden. Das Negative war, daß dieser Aufstiegswille ihn immer wieder in eine tiefe Identitätskrise geworfen hat. Seine Legenden, die er über sich und seine Jugend, seine Herkunft gestrickt hat, sind ja nicht nur Scherz und Ironie, sondern auch Zeichen einer tiefen Identitätskrise.  

Joseph Roth hat nur im Kaffeehaus geschrieben, er hat auch nie für längere Zeit eine eigene Wohnung gehabt. Womit hängt das zusammen?

Roth ist ein Bohemien gewesen und ein bindungsunfähiger Mensch. Und diese Mischung aus Bindungsunfähigkeit, Einsamkeit und einem Nichtzugehörigkeitsgefühl ist für sein Leben prägend gewesen. Ich kenne keinen anderen Autor, der 16 Romane im Kaffeehaus geschrieben hat. Es ist immer noch ein Unterschied, ob jemand sein Feuilleton oder seinen kleinen Essay im Trubel eines Cafés schreibt oder ob er Tag für Tag dort sitzt und dabei sehr umfangreiche Romane entstehen. Also, Joseph Roth besaß eine große Schreibbegabung. Ich glaube, daß ihm die Sätze nahezu ohne Schreibhemmung und auf fast wundersame Weise in die Feder flossen. Er schrieb nicht nur seine Artikel und Romane, sondern auch die vielen täglichen Briefe mit der Hand! Wir heute schreiben per Internet einige schnelle Zeilen, damit hat sich’s. Roth schrieb lange Briefe an die Verleger, an die Freunde, an die Geldgeber. Was dieser Autor täglich und unter hohem Alkoholkonsum allein quantitativ niederschrieb, das zeugt von großer Konzentrationsfähigkeit, von großem Fleiß und einer ganz besonderen Sprachbegabung.

In den zwanziger Jahren gab es unter den Juden eine heftige Diskussion über die Assimilation. Ich habe in Ihrem Buch ein Zitat gefunden: „Der nichtassimilierte Ostjude, der den assimilierten Juden Österreichs mimt."

Das beschreibt Roths problematische Haltung zum Judentum. Auf den ersten Blick ist er ein assimilierter Westjude geworden. Seine frühe Sehnsucht galt der westlichen Welt, der deutschen und der österreichischen Sprachkultur. In seinen frühen Briefen begegnen wir immer wieder dem Wunsch, aus Galizien, aus der Provinz wegzukommen. Nach Wien will er, dorthin, wo die Intellektuellen leben, wo die ihn prägende Kultur herkommt. Weil er aber ein Intellektueller ist und erkennt, daß es die Assimilierung nicht einfach als Geschenk geben kann, hat er das Ostjudentum sicher nie vergessen. Im Ostjudentum sah dieser Schriftsteller noch den Gottesglauben, den aus seiner Sicht das Westjudentum verloren hatte. Roths wachsende Kritik an der Moderne – Flugzeuge, Hollywoodfilme, Großstadtlärm – spiegelt sich in seiner nie versiegende Hinwendung zum Ostjudentum und zugleich zur Welt des alten Habsburg.

Ulrich Schmidt (KK)

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