Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1293.

Hochwasser in Polen

Überschwemmungen an Weichsel und Oder

Wieder einmal hat die Trogwetterlage (5b, sagen die Meteorologen) in Mitteleuropa zu starken Überschwemmungen in Schlesien geführt. Dieses Mal besonders stark auch an der oberen Weichsel (in Klein-Polen), da das Regengebiet zwei- bis dreihundert Kilometer weiter östlich lag als gewöhnlich. So waren die Nebenflüsse der Oder in Niederschlesien von der Katzbach bis zu Bober und Queis nicht so stark betroffen. Auch ist jene bedrohliche Wetterlage in diesem Jahr früher entstanden als gewöhnlich, nämlich im Mai statt im Juni oder Juli. Womöglich droht in diesem Jahr das Unheil ein zweites Mal.

Es versteht sich, daß wir als Nachbarn bei einer solchen Naturkatastrophe zur Hilfe bereit sind. Aber zu Krakau, das als erste große Stadt vom Hochwasser heimgesucht wurde, und zu Schlesien haben wir als Deutsche ein besonderes Verhältnis.

Das seit dem 10. Jahrhundert als Handelsplatz erwähnte Krakau wurde 1257 nach Magdeburger Stadtrecht neu gegründet und nach dem Vorbild Breslaus angelegt. Daher hat es auch einen Ring als Marktplatz. Die Bürgerschaft der Stadt war namentlich in ihren führenden Schichten bis zum Beginn der Neuzeit (Anfang 16. Jahrhundert) deutsch. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts war Krakau die Hauptstadt des Königreichs Polen. In  der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts studierten viele deutsche Schlesier in Krakau, wo 1364 nach der Gründung der Universität Prag die zweite Universität nördlich der Alpen entstanden war und eine frühe Blütezeit erlebte.

Noch enger aber ist unser Verhältnis zu Schlesien, wo das Hochwasser der Oder vor allem um Oppeln und Breslau über die Ufer trat. Hier in Schlesien waren wir sieben Jahrhunderte beheimatet. Aus diesem Lande kommen mit Andreas Gryphius, Joseph Freiherr von Eichendorff und Gerhart Hauptmann drei der großen deutschen Dichter. Aus Landeshut in Schlesien stammen Carl Gotthard Langhans, der Erbauer des Brandenburger Tores in Berlin, und der Maler Adolph Menzel, der als Kleine Exzellenz im 19. Jahrhundert in Berlin eine Berühmtheit gewesen ist. Schlesier war auch Ferdinand Lassalle, der 1863 die Satzung des Leipziger Arbeitervereins verfaßt und damit die Grundlage für die programmatische Ausrichtung der deutschen Sozialdemokratie gelegt hat. Auch der Literarhistoriker und Philosoph Rudolf Haym, der Verfasser der Hallische Erklärung von 1866, die als Programm der Nationalliberalen in die deutsche Parteiengeschichte eingegangen ist, kam aus Schlesien, und zwar aus der Weinstadt Grünberg.

Das mag genügen, um die enge Bindung des deutschen Volkes und besonders der Heimatvertriebenen aus Schlesien und ihrer Nachkommen an Schlesien deutlich zu machen und seine Bedeutung als deutsche Kulturlandschaft ins Gedächtnis zu rufen. So wird es nicht verwundern, wenn auch bei dem diesjährigen Hochwasser ähnlich wie 1997 eine besondere deutsche Hilfsbereitschaft sich dem Oderland zuwendet. Private und staatliche Hilfe dort, wo sie erwünscht ist, ist das Gebot der Stunde. So ist auch eine Notlage eine Veranlassung für das Entstehen eines Zusammengehörigkeitsgefühls gerade bei allen Leiden aufgrund zeitgeschichtlicher Ereignisse.

Man darf sich auch fragen, was außer aktueller Hilfe geschehen könnte, um künftigen Hochwassern der Oder noch mehr entgegenzuwirken. Wir haben zu unseren Zeiten die Talsperren in Ottmachau an der Glatzer Neiße, in Marklissa und Goldentraum an Bober und Queis angelegt und damit die Wasserfluten aus den wichtigsten Nebenflüssen, so gut es geht, reguliert und nebenbei auch noch Elektrizität gewonnen. Sollte man nicht Ähnliches an den Oberläufen von Ohle, Weistritz und Katzbach oder auch an der Wütenden Neiße versuchen?

Eberhard Günter Schulz (KK)

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