Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1236.

Holz lebt zweimal

Zumal wenn es in die Hände einer meisterlichen Bildhauerin gerät, wie Elsbeth Siebenbürger eine war

Am 22. Februar 2007 starb die bekannte schlesische Bildhauerin Elsbeth Siebenbürger. Elsbeth Tesmer, Sproß einer Juristenfamilie, wurde 1914 in Liegnitz geboren, wuchs dort auf und machte 1933 ihr Abitur. Die Holzbildhauerei faszinierte sie, und so ging sie 1934 an die Meisterschule für Holzbildhauer nach Bad Warmbrunn.

Die Warmbrunner Holzschnitzschule wurde damals von Professor Cyrillo dell’Antonio geleitet. Unter den Lehrern waren der Bildhauer Walter Volland, selbst ehemals Schüler der Warmbrunner Holzschnitzschule, und der Bildhauer Eugen Göttlich, der für den Zeichenunterricht zuständig war. Dr. Günther Grundmann lehrte Kunstgeschichte. 1935 wurde Ernst Rülke als Fachlehrer für Bildhauerei berufen.

Elsbeth Tesmer interessierte sich vor allem für die Porträtplastik und fand in dell’Antonio und Volland beste Lehrer. Sie profilierte sich schnell. Ein Zeugnis ihrer frühen Porträtplastik dokumentiert ein Ausschnitt aus dem „Liegnitzer Tagblatt“ vom 18. Juni 1941 mit dem Porträt ihres Vaters, einer Bronzeplastik, die 1941 in Liegnitz ausgestellt war. Es heißt dort: „Die Künstlerin zeigt in diesem Werk, daß sie die Kraft besitzt, den toten Stoff nicht nur dem Vorbild lebensecht nachzubilden, sondern ihm eine Seele zu geben.“

Die frühen Werke Elsbeth Siebenbürgers gingen bei der Vertreibung verloren. Nur eine Arbeit ist noch in Rathaus zu Hirschberg zu finden: Die Tafeln zur Stadtgeschichte Hirschbergs, die unter Leitung von Ernst Rülke angefertigt wurden und an denen Elsbeth Tesmer maßgeblich beteiligt war.

1937 legte Elsbeth Tesmer ihre Gesellenprüfung als Holzbildhauerin ab und war dann als freischaffende Bildhauerin in Liegnitz tätig. 1938 heiratete sie Ulrich Siebenbürger. Sie wurde Mutter von drei Kindern, mit denen sie 1945 aus Schlesien fliehen mußte. Sie landete in Förtha in Thüringen, arbeitete wieder als Bildhauerin und legte 1947 erneut eine Meisterprüfung, diesmal in Weimar, ab. 1951 gelangte sie nach Cuxhaven. Dort erreichte sie eine Einladung zu einem Bildhauer-Symposion von Ernst Rülke, dem letzten Direktor der Warmbrunner Holzschnitzschule. Dieser Kontakt führte sie 1956 nach Esslingen.

Sie half ihrem ehemaligen Lehrer tatkräftig beim Aufbau einer Holzbildhauerschule in Stuttgart, um die Warmbrunner Tradition fortzuführen. Nach dem plötzlichen Tod Ernst Rülkes war sie es, die den Ernst-Rülke-Kreis ins Leben rief und in unzähligen Veranstaltungen, Arbeitstagungen, Vorträgen und Holzbildhauer-Symposien nicht nur die Erinnerung an die bedeutende schlesische Kunstschule wachhielt, sondern es auch verstand, der künstlerischen Tradition neue Impulse zu geben. Sie hat dem Schlesischen Museum zu Görlitz eine Sammlung Holzplastiken von Schülern der Warmbrunner Holzschnitzschule und schlesischen Künstlern überlassen, die sich dieser Tradition verbunden fühlen, eine einzigartige Dokumentation.

Die Freie Kunstschule Nürtingen, heute eine der interessantesten Fachschulen in Baden-Württemberg, hätte ohne ihr Wirken und Zusammenwirken mit K. H. Türk nicht entstehen können. Sie engagierte sich in der Künstlergilde Esslingen, in der Stiftung Kulturwerk Schlesien und hielt zahlreiche, höchst interessante Vorträge und Seminare in Kunstvereinen und  Volkshochschulen. 1991 wurde sie mit dem Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen ausgezeichnet.

In Ausstellungen und im öffentlichen Raum waren die Arbeiten der Künstlerin immer wieder zu sehen. Eine ungebrochene Schaffenskraft beseelte sie. Elsbeth Siebenbürger schuf ein beachtliches künstlerisches Œuvre, das bedauerlicherweise nicht so umfassend dokumentiert und publiziert ist, wie es der hohen Qualität angemessen wäre.

Die Künstlerin entwickelte Techniken für eine erstaunliche Bandbreite der Materialien, obwohl Holz der bevorzugte Werkstoff blieb. Auch die Größe ihrer Arbeiten differiert. Sie reichen  von der 260 cm hohen abstrakten Holzstele „Verletzungen“ aus Lärchenholz über eine 50 cm hohe Plastik „Ohne Kontakt“, in der sie Eichenholz mit Plexiglas kombinierte, über die Plastik „Umfangenes Licht“ aus Holz und Glas bis zu der Aluminium-Plastik „Dynamische Kugel“ und einer nur 12,5 cm hohen Figurengruppe „Kinder im Watt“. Sie bewegte sich nicht nur im Abstrakten, sondern genauso gekonnt im Gegenständlichen. Die „Kniende“ von 1962, eine Madonna von 1965, die Terrakotta-Plastiken „Raumpflegerin“ oder „Touristen“ strahlen eine frappierende Lebendigkeit aus. Selbst Rübezahl wird zum Thema. Die Porträtplastiken bleiben Spitzenwerke an Ausdruckskraft, Modernität und künstlerischer Gestaltung. Dann sind noch die exquisiten  Kleinplastiken zu nennen wie „Macht und Gewalt“,  „Das junge Paar“ und „Das alte Paar“.

Elsbeth Siebenbürger gebührt Anerkennung für ihr unermüdliches künstlerisches Schaffen. Wir haben eine große schlesische Künstlerin verloren. Möge ihr qualitätvolles Werk nicht in alle Winde verstreut werden, damit es Zeugnis ablegen kann von der künstlerischen Potenz dieser Bildhauerin.

Idis B. Hartmann (KK)

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