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Ausgaben: Ausgabe 1311.

Humanität ist erblich

Humanität ist erblich

Und bedingungslos: Ausstellung und Symposium zu Premysl Pitter

Vor 35 Jahren starb Premysl Pitter, eine Stele erinnert in Nürnberg an sein Wirken. Die mittelfränkische Metropole war auch die erste Station einer Wanderausstellung, die sich diesem Wohltäter widmet, der in schwierigen Zeiten Kinder deutscher, tschechischer und jüdischer Herkunft unterstützt hat.
„Europäischer Humanist Premysl Pitter“ lautet der Titel der Ausstellung, ein Seminar „Premysl Pitter – Ein Leben für Humanität, Frieden und Versöhnung“ in der Kolpingakademie Nürnberg galt ebenfalls diesem außergewöhnlichen Mann. Beide Veranstaltungen hatte die Ackermann-Gemeinde konzipiert und organisiert.

Als eine „Person, die durch festen Glauben und Mut in schwierigen Zeiten des 20. Jahrhunderts bedingungslose Humanität gezeigt“ habe, würdigte Martin Kastler MdEP, der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde, bei der Ausstellungseröffnung Premysl Pitter. Dieser habe Haß und Fanatismus abgelehnt, dafür Menschlichkeit und Humanismus gezeigt. Als erfreulich bewertete Kastler, dass auch die Tschechische Republik diese Ausstellung fördert und damit auch die Aufarbeitung der jüngsten Geschichte. „Pitter ist – wie die Ackermann-Gemeinde – ein Brückenbauer“, faßte Kast-
ler zusammen und rief dazu auf, noch vorhandene Grenzen und Hemmschwellen in den Köpfen abzubauen.

Die Ausstellung erinnere auch an die Zeit Mitte des 20. Jahrhunderts mit Elend hüben wie drüben, meinte Hans-Peter Schmidt, Honorarkonsul der Tschechischen Republik, in seinem Grußwort.  „Eine Jahrhunderte lange Erfolgsgeschichte wurde 1939 zerstört. Fast 50 Jahre wurden die Menschen in der CSSR von der kommunistischen Ideologie geprägt, während wir uns in der Bundesrepublik frei entfalten durften und den Wohlstand genießen konnten.“ Zu dem in der Ausstellung Gewürdigten meinte er: „Premysl Pitter hat uns den Weg nach Europa gezeigt – und sich um die Schwächsten gekümmert, die Kinder, die unsere Zukunft sind. Premysl Pitter gab uns viele Beispiele. Tragen wir dazu bei, daß aus der deutsch-tschechischen Gemeinschaft und Nachbarschaft eine Freundschaft wird“, appellierte Honorarkonsul Schmidt an die Besucher der Ausstellungseröffnung.

Über die Entstehung der Ausstellung informierte Dr. Markéta Pánková von dem in Prag tätigen Pädagogischen Museum J.A. Comenius. Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt ihres Museums mit dem Institutum Bohemicum (Kultur- und Bildungswerk der Ackermann-Gemeinde). Basis war eine Ausstellung zum 110. Geburtstag Pitters, die zur Präsentation in Deutschland noch erweitert wurde.

Höhepunkt des Seminars über Pitter acht Tage später waren die Schilderungen von drei früheren „Pitter-Kindern“, die dessen Wirken persönlich erlebt haben. „Premysl Pitter war eine Gestalt, der man wirklich gerne zugehört hat“, faßte etwa Pavel Kohn zusammen, der als jüdisches Kind die Unterstützung Pitters erfuhr. Die Sudetendeutsche Brigitte Zarges brachte es so auf den Punkt: „Heute würde man sagen: Er hatte Charisma. Er ist alles ruhig und menschlich angegangen, er ist auf jedes einzelne Kind eingegangen.“ Prägend waren für sie auch andere Wesensmerkmale Pitters. „Ich habe durch ihn Toleranz und Verständnis für andere gelernt, habe nie Haßgefühle gegen Tschechen oder andere Menschen entwickelt.“ Dies alles faßte der Berliner Hans Wunder, der als Kind wegen der Bombardierung Berlins in die Gegend von Reichenberg evakuiert worden war und am Kriegsende in die Vertreibung der Deutschen einbezogen wurde, wie folgt zusammen: „Pitter war von einer Sehnsucht nach Versöhnung und gegenseitigem friedlichen Zusammenleben erfüllt.“

Diese Aussagen bekräftigten auch die Referenten. Pavel Kohn beleuchtete Pitters Leben und Wirken für verwahrloste Kinder, später für deutsche und jüdische Mädchen und Jungen sowie dessen Vortrags- und Publikationstätigkeit in der Tschechoslowakei sowie nach seiner Flucht 1951 aus der Tschechoslowakei von 1952 bis 1962 im Valka-Lager in Nürnberg. Vor allem Pitters Einsatz für die deutsch-tschechische Versöhnung beleuchtete Franz Bauer vom Institutum Bohemicum. Für heute ergeben sich laut Bauer aus Pitters Wirken folgende Aufgaben: ein fruchtbares Zusammenleben der Völker in der europäischen Gemeinschaft, Überwindung der Grenzen, einvernehmliche Gestaltung der Nachbarschaft von Deutschen und Tschechen. Monika Zárská charakterisierte Olga Fierz, die starke Frau an Pitters Seite. Über die „Ideenwelt Pitters im Kontext der europäischen Entwicklungen seiner Zeit“ referierte Dr. Jan Stepán von der Premysl-Pitter- und Olga-Fierz-Stiftung in Prag. Laut Stepán bleiben für heute aus Pitters Wirken diese Botschaften: die bedingungslose Menschlichkeit, die Toleranz und der christliche Humanismus, der Pazifismus, die Menschenrechte und der Kampf um die Wahrheit.

Weitere Stationen der Ausstellung werden München und Wien sein.

Markus Bauer (KK)

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