Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1397.

Hundert Jahre Estland

Und noch viele Tage wie diese: Domus Revalensis

In Haljala berichtet Friedrich A. von Dellingshausen über das Leben seiner Familie auf dem Anwesen von Dellingshausen über mehrere Jahrhunderte. Das große Herrenhaus steht momentan leer
Bild: die Autorin

2018 bedeutet für Estland ein ganz besonderes Jahr, denn Estland begeht „100 Jahre Selbständigkeit“. Mit dem diesjährigen Programm hatten sich die Organisatoren der Domus-Revalensis-Tage auf dieses historische Ereignis eingestellt.

In der Festveranstaltung am Freitag schilderte Friedrich A. Freiherr von Dellingshausen, wie sein Großvater, Ritterschaftshauptmann Eduart Freiherr von Dellingshausen, 1917/18 noch versuchte, mit einem Besuch beim deutschen Kaiser zu erwirken, dass Estland an Deutschland angeschlossen würde. Es war zu spät. Professor Dr. J. Kivimäe berichtete über Estlands Anstrengungen, ein selbständiges, freies Land zu werden. Estland schloss nach vielen Kämpfen und Schwierigkeiten einen Friedens-Vertrag mit Russland und erreichte somit die Selbständigkeit. Die beiden Vorträge ergänzten sich. Sie gaben Einblick in die komplizierte Geschichte des Baltikums – in die Beziehungen zwischen Deutschbalten und Esten, Deutschland und Russland.

Am nächsten Tag (Sonnabend) wurde ein Kranz am Gedenkstein des Baltenregiments (1918–1920) niedergelegt. Pastor M. Burghardt erinnerte an das Baltenregiment, sprach das Gebet, und gemeinsam wurde das baltische Lied „Segne und behüte“ gesungen.

Anschließend begaben sich die Teilnehmer in den Spiegelsaal der Akademie der Wissenschaften, wo der Musikwissenschaftler und Komponist A. Poldmäe ein Konzert estnischer und deutschbaltischer Musik zusammengestellt hatte. Estnische Musiker (Gesang, Klavier Cello) gestalteten eine wunderbare Matinee. Zu erleben war sogar eine Erstaufführung von Carl Grädeners (1812–1883) „Sonate für Violoncello und Klavier op. 53 in 3 Sätzen“.

Am frühen Nachmittag fuhr eine größere Anzahl der Gäste mit dem Bus zum Museum „Minu Vabariik Marienberg“. Dort besichtigten sie eine umfassende Ausstellung über die letzten 100 Jahre Estlands. Mit viel Anschauungsmaterial, unterstützt durch Technik, erhielt der Betrachter einen guten Überblick über die Entfaltung der estnischen Gesellschaft in dieser Zeit.

Sodann wurde eine neue Gedenkstätte besucht, ein riesiges schwarzes, aus zwei Mauern bestehendes Monument mit einem Gang in der Mitte. An den Wänden stehen Hundertausende Namen von Esten, die im Zweiten Weltkrieg von den Sowjets ermordet worden sind. Etwas außerhalb der Mauern befinden sich nachgebaute Hinrichtungs-Schießstände. Ebenso wird namentlich der verschollenen und vermissten Esten gedacht. Eine tief beeindruckende Gedenkstätte. Sie befindet sich auf dem Weg zur Klosterruine Brigitten, dem Meer gegenüber.

Im Musikhaus führte der Gesellschaftsabend Esten, Deutschbalten, Deutsche und Russen zusammen. Bei Kerzenschein, estnischen Köstlichkeiten, und Getränken tauschten die Teilnehmer sich aus. Die Pianistin Tiiu Lell erfreute die Anwesenden mit wunderbaren Klängen.

Die Andacht am Sonntag in der Heiliggeist-Kirche hielt Pastor Gustav Piir. Er ist für das Gotteshaus zuständig und führte die Anwesenden nach der Andacht zum Bernd-Notke-Altar, den er liebevoll erklärte.

Die Busfahrt am Nachmittag führte zuerst nach Haljala, zum ehemaligen Anwesen der Familie von Dellingshausen. Friedrich A. von Dellingshausen berichtete über das Leben der Familie auf dem Gut über mehrere Jahrhunderte. Das große Herrenhaus steht momentan leer. Auf dem alten Friedhof ruhen drei Generationen der Familie. Große Marmorplatten tragen die Namen der Familienmitglieder. Die alte Kirche wird gerade grundlegend restauriert. Pastorin Nirvi berichtete darüber.

Weiter ging die Reise zum Gut Aspere. Das ehemaligen Gut Sackhof/Saka hat der Este Tonis Kaasik gekauft, viele Jahre restauriert und ein Hotel mit Restaurant eröffnet. Auf seinem großen Grundstück hat er gerade ein Denkmal errichten lassen. Es erinnert an die Umsiedlung der Deutschbalten aus Estland 1939. Die Einweihung hat am 18. Oktober 2018 stattgefunden. Dieses Denkmal ist das einzige im Baltikum, das an die Umsiedlung der Deutschbalten erinnert. Am 18. Oktober 1939 verließ das erste Umsiedlerschiff den Hafen von Reval/Tallinn, weitere folgten. Mit der Umsiedlung endete die Geschichte der Deutschen im Baltikum.

Zum Schluss wurde noch die Vasallenburg Purtse/Alt-Isenhof besichtigt. Sie wurde 1533 von Jakob von Taube errichtet. Im Nordischen Krieg wurde sie zerstört. Von 1980 bis 1990 bauten die Esten die Burg wieder auf. Mit dieser großen Fahrt durch eine wunderschöne Landschaft endeten die 14. Domus-Revalensis-Tage 2018 (Deutschbaltisch-Estnische Kulturtage).

Eva Keinast, die langjährige Begleiterin der Ausflüge, und Maaja Silm haben immer einen großen Anteil am Gelingen der Domus-Revaliensis-Tage. Gemeinsam mit den Esten, dem Heimatvolk der Deutschbalten, erleben diese so erfolgreiche gemeinsame Deutschbaltisch-Estnische Kulturtage. Der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ist für die Unterstützung zu danken.

Babette von Sass (KK)

 

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