Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1397.

Hysterie der Historie

Die Schlacht von Königgrätz als Memento

Das Grausen fällt einen an, aber das Grauen muss man sich erst bewusst machen, und das tut man nicht oft genug: die Schlacht von Königgrätz in einem zeitgenössischen Stich
Bild: Wikimedia
Commons

Königgrätz, im 10. Jahrhundert eine Burgsiedlung am Zusammenfluss von Elbe und Adler, hat sich durch die bekannte Schlacht vom 3. Juli 1866 zwischen Preußen und dem Kaiserreich Österreich für immer in die Geschichte Mitteleuropas und unser Bewusstsein eingegraben. Sie war schon 1225 von König Premysl Ottokar I. zur Stadt erhoben worden, mehrfach eine Stadt der Königinnen, im 15. und 16. Jahrhundert hussitisch und dann dem Luthertum zugewandt und spielte kulturell auch nach der Rekatholisierung eine bedeutende Rolle im tschechischen Geistesleben. Um 1990 zählte ihre Bevölkerung schon rund
100 000 Bürger.

Nachdem 1848 eine Neuordnung am Gegensatz von Groß- und Kleindeutsch und dem deutschen Dualismus von Preußen und Österreich gescheitert war, verschärften sich nach dem 1864 noch gemeinsam ausgefochtenen Krieg gegen Dänemark um Schleswig-Holstein die Spannungen zwischen Preußen, Österreich und innerhalb des Deutschen Bundes. Österreich war zudem noch 1859 in Oberitalien in Kriege gegen Frankreich und Italien verwickelt.

Auslöser des „Bruderkrieges“ wurde schließlich die preußische Besetzung Holsteins, der eine Mobilmachung aller deutschen Bundestruppen – außer dem preußischen Kontingent – auf Verlangen Österreichs folgte. Preußen hatte nur die Hälfte der Einwohner Österreichs, war aber organisatorisch, militärisch und politisch auf den im Juni beginnenden Krieg besser vorbereitet.

Der amerikanische Historiker Gordon A. Craig hat den Feldzug in einer Darstellung von 1964 minutiös verfolgt (deutsche Übersetzung 1997) und die unterschiedlichen Voraussetzungen deutlich herausgearbeitet. Nach einem Plan des preußischen Generalstabschefs Helmuth von Moltke marschierten drei Armeen von Norden nach Böhmen ein: die Elbarmee in Richtung Münchengrätz, die Erste Armee über Reichenberg an die Iser in Richtung Jitschin und die Zweite Armee über Trautenau in Richtung Josefstadt. Die österreichisch-sächsischen Versuche, diesen Vormarsch abzuwehren, scheiterten in mehreren Gefechten.

„Aber auch hier stellt sich im Nachhinein die Frage: Gab es für diese Politik mit Tausenden Toten und Verwundeten keine Alternative?“ Ruhe und Frieden als höchste Güter feiert Erich Kossowski mit seiner Dorflandschaft
Bild: Exil-Sammlung Thomas B. Schumann, Edition Memoria

Schließlich bildet die österreichisch-sächsische Armee einen Verteidigungsring zwischen der Bistritz und der Elbe vor Königgrätz, in dem zwischen den Orten Sadowa (nach dem in Frankreich die Schlacht genannt wird) und Problus, wo die Sachsen zum Rückzug gezwungen werden, erbitterte Kämpfe stattfinden. Entscheidend werden neben der konzentrischen Führung der preußischen Armeen die Artillerien und das Zündnadelgewehr, das das Vierfache an Feuergeschwindigkeit im Vergleich zum österreichischen Lorenzgewehr erlaubt.
Selbst der österreichische Oberbefehlshaber von Benedek und sein Stab geraten in höchste Gefahr, bevor sich die Armeen über die Elbe und nach Königgrätz, und das unter vielfachen Schwierigkeiten, zurückziehen können.

Dieser Schlacht, die nach G. A. Craig „Weltgeschichte gemacht hat“, wohnten der preußische König Wilhelm mit viel Gefolge und der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck bei, zwei Armeen wurden von preußischen Prinzen geführt. Historiker schreiben der preußischen Infanterie sowie den preußischen Schulmeistern Verdienste – ganz unterschiedlicher Art – am Sieg von Königgrätz zu. Moltkes Kriegsplan war durch den Erfolg bestätigt worden.

Die Toten, Verwundeten, Vermissten und Gefangenen auf österreichischer Seite machten immerhin 20 Prozent der Effektivstärke der kaiserlichen Armee aus, während die der Preußen als „bemerkenswert niedrig“ bewertet werden.

Mit Königgrätz war der Krieg bis auf Scharmützel beendet. Bismarck drängte auf einen Friedensschluss, er hatte seine politischen Ziele der Vorherrschaft in Norddeutschland und der Verhinderung einer großdeutschen Lösung erreicht. Ein Grundstein für einen deutschen Nationalstaat war gelegt, freilich unter Inkaufnahme einer Schwächung Österreichs. Eine Intervention Frankreichs war angesichts des kurzen Verlaufs des Feldzuges und des eindeutigen Ergebnisses kaum möglich gewesen. Es war ein Kampf um die Macht, nicht um Territorien, wenn auch Preußen sich nach Westen hin erweitert hatte.

Aber auch hier stellt sich im Nachhinein die Frage: Gab es für diese Politik mit Tausenden Toten und Verwundeten keine Alternative?

Rüdiger Goldmann (KK)

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