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Ausgaben: Ausgabe 1281.

Ich ist eine andere

Herta Müller versucht, mehrere zu sein, und weil sie sich dabei treu bleibt, gelingt ihr ein moderner historischer Roman

Schreiben ist immer auch blasphemisch. Wer schreibt, tut so, als hätte er das Leben, seins oder gar das anderer Leute, wenn nicht im Griff, so doch im Griffel, als könnte er das Unsägliche sagen und das Unerträgliche so vortragen, daß man es greifen, begreifen und tragen kann. Was aber kann ein Mensch sonst auch tun. Herta Müller bräuchte für diesen Satz ebenfalls kein Fragezeichen, sie braucht überhaupt keine, Fragen stecken schließlich in jedem Satz. Sie hat sich die Antwortlosigkeit zu eigen gemacht wie selten jemand.

„Im Schrecken, dass ich mitten im Winter wer weiß wohin zu den Russen muss, wollte mir jeder etwas geben, das vielleicht etwas nützt, wenn es schon nichts hilft. Weil nichts auf der Welt etwas half." Herta Müller ist eine von denen, die geben wollen, mit aller Ohnmacht, „im Schrecken". Was es vielleicht nützt, ist unsere, des Lesers Sache – „wer weiß wohin" muß schließlich ein jeder, „nichts hilft".

Ist es denn legitim, eine Autorin so in ihren Roman zu bugsieren und Identifikationslinien zwischen ihr und ihrem Personenensemble zu ziehen? Bei Herta Müller ist das nicht nur im Fall dieses Buches gerechtfertigt, ist doch ihr Schreiben stets zutiefst lyrisch, Selbstaussage jeder Satz. Hier nun spricht ein Ich-Erzähler, und doch geht in der „Atemschaukel" Herta Müllers eigener Atem, sind der Protagonist Leo Auberg und die anderen Gestalten ihre Geschwister in der Sprache. Sie hat diese Sprache für alle erfunden, niemand kann sich ihr entziehen, auch der Leser nicht. Wenn überhaupt, dann kann man dem Furor der Geschichte nur die Geduld des nachgetragenen Benennens entgegenhalten. Aus diesem Widerstand entsteht die lyrische Intimität der Schriftstellerin mit ihren Personen.

Das Identifikationsgeflecht ist sogar über den Text des Romans hinaus gesponnen, wovon Klappentext und Nachwort in gebotener Diskretion berichten. Die deutsche Schriftstellerin aus dem Banat hat mit vielen ehemaligen Landsleuten gesprochen, die wie ihre Mutter und alle arbeitsfähigen Rumäniendeutschen 1945 für bis zu fünf Jahren Zwangsarbeit unter der hämischen Losung „Wiedergutmachung" in die Sowjetunion deportiert worden waren, und sie war mit einem von ihnen, dem Freund Oskar Pastior aus Siebenbürgen, am Ort seiner Verbannung sowie an ihrer beider Wohnort Berlin viele Stunden mit dem Notizblock Zeugin seiner Erinnerungsarbeit. Ein gemeinsames Buch wollten sie und der andere deutsche Sprachkünstler machen, der aber ist vor zwei Jahren gestorben, kurz bevor er den Büchner-Preis hätte entgegennehmen können. Allein mußte Herta Müller an die Erinnerungsarbeit gehen – ihre Arbeit an der Erinnerung anderer. Daß diese andern nicht oder nicht ganz Fremde sind, machte die Arbeit um so schwerer. Leisten kann sie nur jemand, der all diese Beziehungen und die daraus erwachsenden Eigenansprüche und selbstauferlegten Pflichten aufzuheben vermag im Eigenen, in souveräner literarischer Gestaltung. Und das vermag diese Arbeiterin des Wortes mit ihrer eigenen, geduldigen und unerbittlichen Sprache.

Das Risiko, das sie eingeht, ist denkbar groß: Ihr Zungenschlag könnte oktroyiert wirken, ihre dichterische Sprechweise könnte als fremdartig und damit eben blasphemisch und der je eigenen Erfahrungen unwürdig empfunden werden, es käme der Ruch der Ausnutzung und Verfälschung auf – gerade bei jenen Erinnerungsträgern, die einst erlitten haben, was die Autorin jetzt darzustellen versucht.

Für jene kann ich natürlich nicht sprechen, obwohl ich selbst durch Herkunft und Familiengeschichte mit dem Thema ähnlich vertraut bin wie die Autorin, mir die eine oder andere Reaktion auszumalen vermag und deshalb keineswegs unbeschwert und unbefangen an den Roman herangehe. Allerdings erfordert Herta Müllers Roman auch keinerlei Unbefangenheit, sondern die Bereitschaft, sich einzulassen auf das, was sie im so luziden Bewußtsein ihrer Subjektivität aus dem Gegenstand gemacht hat. Dabei ist nämlich Bemerkenswertes, ja schier Wundersames entstanden: Nicht sie hat fremdem Erleben ihre Sprache geliehen – oder gar aufgepfropft –, vielmehr ist das vermittelte Erleben in ihre Sprache eingewachsen, so daß diese nicht Vehikel geblieben, sondern zur Botschaft geworden ist.

Das wird niemand bestreiten, der sein Gehör auch nur halbwegs bereitwillig den bedrängenden Sätzen leiht, in denen die Dichterin fremdes und eigenes Ich in eins setzt: „Manchmal überfallen mich die Gegenstände aus dem Lager nicht nacheinander, sondern im Rudel. (…) Weil sie im Rudel kommen, bleiben sie nicht nur im Kopf. Ich hab ein Magendrücken, das in den Gaumen steigt. Die Atemschaukel überschlägt sich, ich muss hecheln." Oder: „Seit meiner Heimkehr hat jedes Gefühl an jedem Tag seinen eigenen Hunger und stellt Ansprüche auf Erwiderung, die ich nicht bringe. An mich darf sich niemand mehr klammern. Ich bin vom Hunger belehrt und aus Demut unerreichbar, nicht aus Stolz."

Nun vermag jeder Mensch sich schlecht und recht in einen anderen und dessen Geschichte hineinzuversetzen, nicht zuletzt, wenn er liest und schreibt. Eine Herta Müller aber vermag zugleich draußen zu bleiben, die einfühlsame Innen- und die klarsichtige Außenperspektive zusammenzuführen in ihrer Prosa. Alle, die in diesem Buch vorkommen, sind Opfer einer Menschenmühle, wie sie die Autorin nicht erlebt hat. Oder doch? Den rumänischen Kommunismus hat sie erlebt und davon Zeugnis abgelegt in vielen Büchern. Läßt sich daraus eine Ermächtigung ableiten? Die Frage erübrigt sich, denn Herta Müllers Vollmacht liegt in ihrer „Wortgewalt". Ein Wort, das ihr nicht gerecht wird, denn ihr Erzählen ist denkbar sanft und ebenso scharfsinnig, scharf. Liebe zu ihren Gestalten äußert sie bisweilen harsch oder gar komisch, aber für jeden, der dafür empfänglich ist, unmißverständlich. Im Lager wird getanzt: „Bei der plissiert getanzten Paloma hat jeder zu schweigen. Da ist man sprachlos und denkt, woran man muss, wenn man auch nicht will. Da schiebt jeder sein Heimweh wie eine schwere Kiste. (…) Die Paare tanzen durch den Gesang und vehopsen sich wie Vögel bei der Landung, wenn scharfer Wind weht."

Körpersprache ist die Sprache der Herta Müller. Befinden schildert sie nicht, sie mißt und diagnostiziert es. „Je weniger Körper man hatte, desto mehr war man durch ihn gestraft." Hunger ist keine Empfindung, sondern: „Der Gaumen ist größer als der Kopf, eine Kuppel, hoch und hellhörig bis hinauf in den Schädel." Die Folge: „Die Knochen wurden sperrig wie Eisen. Wenn das Fleisch am Körper verschwunden ist, wird einem das Tragen der Knochen zur Last, es zieht dich in den Boden hinein." Die Wirklichkeit des menschlichen Körpers kann nicht umschrieben, nicht beschrieben, nicht ausgemalt, nicht geschildert, vor allem aber nicht „nachempfunden" werden, um so weniger, als es hier um Untote geht. „Das Lager ist eine praktische Welt. Die Scham und das Gruseln kann man sich nicht leisten." Im Lager nicht und beim Erzählen darüber auch nicht.

Man darf rätseln, wieviel von der Subjektivität der Gewährsleute, zumal von den Erinnerungen, Empfindungen und Formulierungen des Freundes Oskar Pastior in Herta Müllers Text eingeflossen ist. In jedem Fall hält ihre Darstellung dem Vergleich mit all dem, was von Betroffenen zu hören oder zu lesen war, durchaus stand, ob es um Einzel-, Gemeinschafts- oder Lagerpsychologie, um Physiologie oder um technische Details, ob es um die sächsische Kleinstadt mit ihrem Mief oder das Sowjetimperium mit seiner Menschenverachtung, um den russischen Winter oder die frostige Ratlosigkeit der Daheimgebliebenen geht. Das Buch stimmt, wie ein Roman nur stimmen kann. Nichts darin ist nacherzählt, nichts kommt aus zweiter Hand, es ist alles Herta Müller.

Und alles ist Geschichte, ihr und allen, die es wissen wollen, bekannt aus vielen einzel-nen Geschichten. Die Rußlanddeportation schwärt weiter im Gedächtnis der Deutschen aus Rumänien, hier hat sie eine literarische Form gefunden, die über jenes Gedächtnis hinausragt. In Herta Müllers Roman spricht ein Mensch, der in reifer Jugend aus einem schwierigen Leben in einem siebenbürgischen Städtchen an den Rand des Todes im sowjetischen Gulag gerät, gemeinsam mit vielen, mit denen ihn die Herkunft und die daraus erwachsene Bedrohung, ja Todesnot verbindet. Er ist anders, nicht nur durch seine Homosexualität, aber: „Wir waren alle anders, als wir sind." Das gemeinsame Elend wird in der Episode der Fahrt nach Rußland so stringent offenbar, daß man dahinter einen Verbund von Pastiorscher und Müllersche Schärfe des Blicks und der Formulierung erahnt: Bei einem Stopp verrichten alle auf Kommando ihre Notdurft, „Ubornaja!" – und wie auf Kommando mit Blick zur Tür des Viehwaggons: „Wie uns dieses Schneeland eine Rosskur verpasste, uns mit blankem Hintern in den Geräuschen des Unterleibs einsam werden ließ. Wie armselig unsere Eingeweide wurden in dieser Gemeinsamkeit." Die Würde des Menschen ist antastbar, das wird das ganze Buch zeigen, seine Persönlichkeit kann unheilbar versehrt werden, so daß selbst die wiedererlangte Freiheit durch und durch zweifelhaft wird: „Es war das große innere Fiasko, dass ich jetzt auf freiem Fuß unabänderlich allein und für mich selbst ein falscher Zeuge bin." Das ist reflektiertes Erzählen reinsten Wassers.

Dreck, Kälte, Arbeit, Krankheit, Hunger – es gibt keine Hierarchie der Elendsfaktoren und Todesursachen, doch es gibt einen Hungerengel bei Herta Müller und sogar den Verdacht, daß ein jeder den seinen hat. Er ist eine transzendetale und zugleich unmittelbar physische Erscheinung, er ist die Verkörperung für die widernatürliche und übernatürliche Feindseligkeit des eigenen Körpers gegen den geschundenen Menschen und die Unzertrennlichkeit der beiden – auf Zeit. Es ist Meisterschaft der „Bildgebung", wie Herta Müller religiöse und kommunistische Ikonographie zusammenschneidet zum pseudosakralen Zeichen dafür, daß es Umstände gibt, in denen der Mensch mit sich zerfällt, sich selbst zum Gespenst wird und doch den Kampf immer wieder aufnimmt. Die Macht über das Brot: „Dass Fenja abstoßend hässlich war, durfte man nicht einmal sich selbst eingestehen. Man hatte Angst, sie sieht, was man denkt. (…) Fenja hatte etwas kommunistisch Heiliges. Sie war bestimmt eine treue Kaderfrau der Lagerleitung, eine Brotoffizierin, sonst hätte sie nie in den Rang einer Brotherrin und Komplizin des Hungerengels aufsteigen können." Das gesamte Lagerleben – das kein Leben ist – richtet sich gegen die Übermacht, den Zerfall, doch der Engel/Dämon ist so stark, daß ein Rechtsanwalt seiner Frau das Essen stiehlt und sie verhungern läßt, daß der Erzähler sich selbst für nichtig erklärt: „Ich brauche keinen Freigang, ich habe das Lager und das Lager hat mich. Ich brauche nur ein Bettgestell und Fenjas Brot und meinen Blechnapf. Nicht einmal den Leo Auberg brauche ich." Und alle andern auch: „Weil wir hungerblind waren und heimwehkrank, ausgestiegen aus der Zeit und aus uns selbst und fertig mit der Welt. Also die Welt mit uns."

Die Selbstentäußerung ergreift jede vermeintlich normale menschliche Regung von der Mitmenschlichkeit bis zum Heimweh: „Waren Heimfahren und Hierbleiben überhaupt noch Gegensätze." Kein Fragezeichen. Selten jedoch vertraut Herta Müller wie hier auf so praktisch zu handhabende Begriffe, ihr Darstellungsmittel ist das mit allen Sinnen zu fassende Bild, das so scharf geschnitten ist, daß es sich unweigerlich einprägt. Der karge, manchmal fast schmallippige Duktus schlägt selbst bei einem vermeintlich einfachen Satz um in bildhaften Beziehungsreichtum. Ihre Prosa öffnet Augen, von denen man nicht wußte, daß man sie hat. Das ist kein Kunststück, die Kunst besteht schlicht im unverwandten Blick und der gestochenen, zuweilen fast technizistischen Formulierung: „Wenn er die Schaufel füllte, liefen die Tränen gerade herunter. Wenn er den Sand fliegen ließ, liefen sie links in den Mund und rechts ins Ohr." Fünf Seiten weiter steht dann: „Schaufeln war seit Jahren das einzige, in dem noch ein Rest Stolz übrig war." Die Würde des Menschen. Noch sparsamer und noch anrührender als Verlust beschworen wird sie so: „Das Hündchen lief vorbei, als wäre ich nur der Schatten vom Zaun. Es hatte recht, ich war auf diesem Heimweg ins Lager nichts weiter als ein gewöhnlicher russischer Gegenstand in der Dämmerung." Anrührend wohl, doch wo Gefühl ist, hat Rührung nichts zu suchen.

Derart lapidar und bestimmt ist der Grundton dieses Buches, derart weit greifen die Dingsymbole und Metaphern aus, daß die Lust des Zitierens fast ungebührlich erscheint. Da „hilft" nur selbst lesen. Zitate dürften sogar trügen – es entsteht der Eindruck schwerer literarischer „Kost". Das ist das Buch nicht. Ernst ist es der Autorin allemal, mit dem Stoff wie mit dem Leser. Doch letzteres heißt, daß sie ihm nichts vormacht, ihm keine „Stilmittel" um der Virtuosität willen vorführt; sie schreibt gekonnt, nicht künstlich. Die vermutlich ausufernde Menge an notiertem Material hat sie in überschaubare Textblöcke portioniert, in denen sie von Impressionen über Anekdotisches bis hin zu einer Hommage an die verstorbene Dichterfreundin Inger Christensen das gesamte Register der Kurzformen zieht, dabei aber ständig das Netzwerk an Sinn-Bildern im Auge behält und mit verblüffenden, doch bei aufmerksamem Lesen durchaus nachvollziehbaren Beobachtungen zum Gesamtbild durchwirkt.

Gesamtbild? Das ist der Roman nun wieder nicht, genausowenig wie irgendein Satz darin eine Antwort ist. Schon eher ist er ein Riß im Bild, das wir haben mögen von jener Vergangenheit, die denen nicht vergeht, die sie als Gegenwart mitgemacht haben, und uns anderen auch nicht vergehen darf.

(KK)

Herta Müller: Atemschaukel. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2009. 304 S., 19,90 Euro

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