Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1400.

Identität hat man nicht, man schafft sie

Wie nah oder fern stand mir die „Kulturpolitische Korrespondenz“ in den vergangenen fünf Jahrzehnten?

Erschütterung, ins Bild gebannt:
Gerhard Hoehme, Seismographisches. 1957. Öl auf Leinwand, 100 x 80,5 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 17882. Leihgabe des Landes Nordrhein-Westfalen. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

„Es war einmal ein Tag, da wollte ich einen Blick in die Zukunft tun. Einen winzigen nur, allerdings. Nach einigen vorangegangenen Einblicken in das, was doch demnächst Vergangenheit sein sollte, bin ich nicht mehr neugierig auf morgen. Das Kommende kommt, habe ich gelernt. Das Geschehende geschieht. Es geschieht mit mir über mich hinweg. … Was immer ich nach Gutdünken wähle, wird Folgen haben, deren Wendungen ich nicht voraussehe. Sie werden mitbestimmt von der Zeit. Sie verlaufen darin, wie alles sich in der Zeit verläuft. Dass es gewesen ist, davon zeugt allein, was sich davon erzählen lässt. Die Welt ist ein ungeheuerlicher Speicher von erzähltem Wiedererzählbaren.“

Mit diesen Worten beginnt der Bukowiner Schriftsteller Gregor von Rezzori seinen autobiografischen Roman „Mir auf der Spur“. Auch ich möchte in der folgenden Abhandlung darüber nachdenken, wie die „Kulturpolitischen Korrespondenz“ in den vergangenen fünf Jahrzehnten, in denen ich mich ihr Mitarbeiter nennen durfte, „über mich hinweggekommen und mit mir geschehen ist“. Ich will versuchen, zu erklären, wie ich – ein im bayerischen Schwaben Geborener – mich mit den Sudetendeutschen, ihrer Kultur, ihrer Geschichte und ihren Menschen, die wir sudetendeutsche Volksgruppe nennen, identifizieren kann und somit einen Zugang zur ostdeutschen Kultur insgesamt gefunden habe.

Viele große und bedeutende Persönlichkeiten haben und hatten ihren Ursprung in den Ländern Böhmen, Mähren und Schlesien, waren dort als Menschen deutscher Zunge geboren worden oder hatten Kultur und Geschichte des Sudetenlandes zu ihrem Thema gemacht. Letzteres habe auch ich getan, aber die natürlichen Voraussetzungen, die physische Herkunft aus dem Sudetenland blieb mir versagt.

Der Blick auf meinen Geburtsort Fellheim bei Memmingen macht dies mehr als deutlich: Drei Jahre nach der Vertreibung meiner Mutter aus dem Riesengebirge im „Entbindungsheim für Flüchtlingsmütter“ im Schloss zu Fellheim zur Welt gekommen, aufgewachsen in Illertissen, etwa 20 Kilometer entfernt, war mein Lebensweg ganz und gar nicht in Richtung auf „sudetendeutsche Kultur“ festgelegt. Ich hätte auch ein Urschwabe oder jemand ganz anderes werden können. Genau diese Fragen waren es aber, die mich immer von neuem beschäftigt haben: Wer bin ich? Was schafft Identität? Was ist Kultur? Was ist spezifisch „sudetendeutsche oder ostdeutsche Kultur“? Gibt es die überhaupt? – Es war ein schwieriges Unterfangen bis zum heutigen Tage, dieses Ringen, Antworten auf die Fragen zu finden.

Nach Max Weber wird unter Kultur all das verstanden, was die Sinngebungen, die Herstellung von Sinn und Bedeutung und Zielsetzungen bestimmter menschlicher Gemeinschaften symbolisch ausdrückt. Diese „menschliche Gemeinschaft“ muss ich wohl bei den Sudetendeutschen gefunden haben. Und unter „kultureller Identität“ versteht man das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums oder einer sozialen Gruppe zu einer bestimmten kulturellen Gesamtheit. Dies kann eine Gesellschaft oder ein bestimmtes kulturelles Milieu sein.

Es war in meiner Kindheit in Illertissen die Kindergruppe der Sudetendeutschen Landsmannschaft, später dann die Sudetendeutsche Jugend oder die DJO, damals noch Deutsche Jugend des Ostens, heute Deutsche Jugend in Europa genannt. Identität stiftend ist meist die Vorstellung, dass man sich von anderen Individuen oder Gruppen durch Sprache, Religion, ethnische Zugehörigkeit, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche oder andere Aspekte der Lebenswelt unterscheidet. Was kulturelle Identität ausmacht, kann sehr unterschiedlich sein und auch zueinander im Widerspruch stehen. Das ist der Kernpunkt der Spurensuche auf dem Weg zu meiner sudetendeutschen Identität. Was unterscheidet mich von anderen Menschen und wie wirkten sich die genannten Merkmale in meinem Leben aus bzw. was war von ihnen überhaupt vorhanden? Alles in diesem Leben war „ergebnisoffen“. Aber auch alles, was mit dem Begriff „sudetendeutsch“ zusammenhing, war für uns Nachgeborene nicht einfach da, sondern musste mühselig errungen, erarbeitet, erlesen oder erfahren werden.

In meinen Berufen vom Lehrer über den Seminarleiter, den Universitätsdozenten, den Institutsleiter war das immer wieder in unterschiedlicher Weise gegeben. Am stärksten konnte ich mich jedoch wohl in dem genannten Sinne im Münchner Haus des Deutschen Ostens ausleben, also in den letzten elf Jahren vor meinem Ruhestand im Jahre 2012. Dabei waren es die unterschiedlichsten Tätigkeiten, die mir ostdeutsche Kultur oder das Wissen um das Schicksal der Deutschen im Osten Europas vertraut werden ließen. Ich nenne hier nur als Beispiele die osteuropäische Woche zum EU-Beitritt der mittelosteuropäischen Länder 2005, die zahlreichen Studienreisen in all den Jahren von Tallinn/Reval bis nach Odessa oder von Königsberg/Kaliningrad bis Temeswar/Timisoara sowie durch das gesamte Sudetenland wie 2012 von Znaim bis Eger oder Böhmisch Krumau und vieles andere mehr. Wichtig war dabei immer die Reflexion der Erfahrungen durch Beiträge in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“.

Ich bin heute der Meinung, dass dieses Erarbeiten der Themen Sudetendeutsche, Schlesier, Ostpreußen etc., Sudetenland, sudetendeutsche Kultur und aller damit zusammenhängenden Themen wie Deutsche und Tschechen, Nachbarschaft Bayern–Böhmen oder Vertreibung und Entrechtung von Minderheiten in Europa das existentielle Problem der Sudetendeutschen und ihrer Volksgruppe in der Gegenwart überhaupt darstellen. Aus einer „sudetendeutschen Schicksalsgemeinschaft“, die sich als nationale Minderheit in der ersten Tschechoslowakei gebildet hat und die durch eine kollektive Vertreibung aus der angestammten Heimat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch die gemeinsame Erfahrung des Leides gefestigt und zusammengeschweißt wurde, muss in Zukunft eine Gemeinschaft werden im Zeichen des Interesses für alle Facetten sudetendeutscher Kultur, der Verantwortlichkeiten für die Kultur des Sudetenlandes, für die Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen, für die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Bewusstseins in den Herkunftsländern Böhmen, Mähren und Schlesien mit der heute dort ansässigen Bevölkerung. Dies gilt in gleichem Maße für alle ostdeutschen Stämme.

Halb Land, halb Himmel: Theodor Johann Goldstein, Böhmische Landschaft bei Teplitz-Schönau. 1825. Öl auf Leinwand, 61 x 86 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 11134. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Kultur ohne Menschen ist seelenlos. Es muss also auch in Zukunft Kulturträger geben. Der französische Philosoph und Schriftsteller Antoine de Saint Exupéry lässt seinen „kleinen Prinzen“ sagen: „Die Zukunft sollte man nicht voraussehen, sondern möglich machen.“ Das heißt für uns, die wir uns mit der Situation der Deutschen in und aus der Tschechischen Republik auseinandersetzen wollen, dass nur aus einer klaren Sachanalyse der Gegenwart Perspektiven für die Zukunft der Menschen, also auch der Sudetendeutschen, entwickelt werden können.

Es sind Persönlichkeiten, welche in Verbindung mit Ereignissen im Leben zur Bildung der eigenen Identität beitragen. „Auf meiner Spur“, in meiner Kindheit waren das vor allem meine Eltern, die noch lange Jahre „geistig“ im Riesengebirge lebten, auch wenn wir Kinder das gar nicht hören wollten, und denen ich unendlich dankbar dafür bin, dass sie mich nie zu einem „überzeugten Sudetendeutschen“ machen wollten, sondern nur geduldig meine Fragen beantworteten. Vorbilder waren mir außerdem aktive Sudetendeutsche und Hochschullehrer.

Die entscheidende Erfahrung machte ich jedoch im Gymnasium in Illertissen, als meine Mitschüler ihr Unverständnis über meine Aktivitäten in der DJO äußerten. Ich wollte dagegenhalten können, Argumente finden dafür, dass das Schicksal meiner Eltern und vieler Millionen Deutscher Unrecht gewesen ist, so dass ich während meines Lehrerstudiums vergleichende Studien über andere Minderheiten in Europa anstellte. Meine Vergleichsobjekte waren der Basken- und der Nordirlandkonflikt in Westeuropa und der Vielvölkerstaat Jugoslawien in Osteuropa. Die vielen Ähnlichkeiten mit der sudetendeutschen Frage lagen auf der Hand. Über Vergleiche fand ich Argumente. Nun war ich mit dem „Bazillus des Ostens“ infiziert. Fortan ließen mich diese Themen nicht mehr los. Ich hatte dann das Glück, und dafür bin ich besonders dankbar, dass ich in meinem beruflichen Leben sowohl bei der Tätigkeit im Bukowina-Institut in Augsburg als auch im Haus des Deutschen Ostens in München diesen Interessen nachgehen konnte.

Ich habe mich Zeit meines Lebens als Lernender gefühlt. Ich durfte vieles begreifen und verstehen, beileibe nicht alles. Gerne habe ich jene Erkenntnisse als Lehrender weitergegeben bei zahlreichen Vorträgen, Lehrerfortbildungen und Studienreisen in den Osten, als Autor in Sachbüchern, Zeitschriften und Zeitungen – und eben auch in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“. Eine besondere Rolle spielte dabei auch die „Augsburger Allgemeine“, welche mir die Chance eröffnete, in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts Sonderseiten aus Anlass des 40jährigen Gedenkens an die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten zu schreiben.

Alle diese Erfahrungen machten mir klar, dass nur der Weg der Verständigung mit der jeweils gegenwärtigen Bevölkerung eine Möglichkeit eröffnet, „das deutsche Kulturerbe in den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas zu pflegen, zu erhalten und weiterzuentwickeln“, wie es im Kulturparagraphen des Bundesvertriebenengesetzes heißt.

Dazu gehört auch, an Bertha von Suttner, geborene Gräfin Kinsky, zu erinnern, die 1889 in ihrem Roman „Die Waffen nieder!“, für den sie 1905 den Friedensnobelpreis erhielt, eine feste Überzeugung formulierte: „Doch eines wurde mir auch schon damals klar: Die Geschichte der Menschheit wird nicht – wie dies die alte Auffassung war – durch die Könige und Staatsmänner, durch die Kriege und Traktate bestimmt, welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit der anderen ins Leben rufen, sondern durch die allmähliche Entwicklung der Intelligenz.“

Wie es 2019 um die Entwicklung der Intelligenz steht und ob Bertha von Suttner recht hatte? Samuel P. Huntington versuchte in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ den Zusammenhang zwischen menschlicher Intelligenz und Identität zu erläutern: „Die Menschen leben nicht von der Vernunft allein. Sie können erst dann ihre Eigeninteressen klären und national verfolgen, wenn sie sich selbst definiert haben. Interessenpolitik setzt Identität voraus. In Zeiten eines rapiden gesellschaftlichen Wandels lösen sich angestammte Identitäten auf, das Ich muss neu definiert werden. Fragen der Identität gewinnen Vorrang vor Fragen des Interesses. Die Menschen müssen sich fragen: Wer bin ich? Wohin gehöre ich? Gesellschaftliches Engagement und politischer Konflikt werden nicht nur Mittel zur Interessendurchsetzung, sondern dienen auch dem viel fundamentaleren Zweck, Identität zu definieren.“ Kulturelle Identität ist das beste Fundament für tragfähige Brücken zu Menschen anderer Sprache und Kultur. An diesem Bauwerk sollten all jene mitwirken, denen europäischer Brückenbau am Herzen liegt – also wir alle.

Ich bin außerordentlich dankbar, vor allem meiner Frau Marie-Luise und meiner gesamten Familie dafür, dass sie meinen Weg immer unterstützend und fördernd mitgegangen sind. Allen anderen, auch der Redaktion der KK und den jeweiligen Präsidenten des OKR, danke ich für langjährige Freundschaft, Aufgeschlossenheit, gute Gespräche und tatkräftiges gemeinsames Wirken.

Ortfried Kotzian (KK)

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