Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1254.

Ideologie als Tragödie des 20. Jahrhunderts

Der Oppelner Erzbischof Alfons Nossol hat ihr in Schlesien und für Schlesien stets sanft und bestimmt seinen Glauben entgegengesetzt

Bei der ersten Strophe von „Großer Gott, wir loben Dich“ sangen alle noch inbrünstig mit. Bei der zweiten Strophe begannen bereits die Stimmen einzelner Gottesdienstbesucher brüchig zu werden. Bei der dritten Strophe brach die Gemeinde einschließlich des Organisten in Schluchzen aus. Sommer 1989: Zum ersten Mal seit 1945 durfte die deutsche Minderheit in Schlesien, die es nach volksrepublikanischer Lesart gar nicht hatte geben dürfen, wieder einen Gottesdienst in deutscher Sprache feiern.

Einer bewahrt die Ruhe: Erzbischof Alfons Nossol, zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre im Amt des Bischofs der Diözese Oppeln, geschult im diplomatischen Umgang mit kommunistischen Machthabern, wußte um die Brisanz des Forums. Keine triumphalen Gesten, keine Überheblichkeit durfte zu spüren sein.

Menschen, die in ihrer Muttersprache beteten, sangen und dem Gottesdienst lauschten, das mußte eine Selbstverständlichkeit sein, keine politisch motivierte Aktion. Bis zum heutigen Tage lehnt er es ab, offiziell deutsche Gottesdienste zu feiern. Bischof Alfons Nossol nennt es die „Sprache des Herzens“, in der Menschen ihren Glauben kundtun sollen. „Die Sprache des Herzens ist die, in der man als Kind die ersten Worte des Gebetes der Mutter hört, in der man rechnet und in der man auch flucht. Menschen, die den Gottesdienst besuchen, sollen die Möglichkeit haben, in dieser ihrer Muttersprache zu sprechen, ohne damit die Loyalität zu einem Staat leugnen zu wollen.“

Bischof Nossol bleibt eine Integrationsfigur, er bleibt es auch, obwohl er die 75 bereits überschritten hat. Mitte des letzten Jahres, als das politische deutsch-polnische Verhältnis auf dem Tiefpunkt steht, bittet ihn Papst Benedikt XVI., noch zwei weitere Jahre im Amt zu bleiben. „Ich meine, daß es wichtig ist, aufrecht aus diesem Amt zu gehen, weiß aber gleichzeitig, daß meine Funktion hier auch völkerverbindend wirken muß. Gerade diese Region sollte ein Vorbild für Europa sein.“

Das war sie schon beim legendären Kreisauer Gottesdienst am 12. November 1989 mit Polens Premier Mazowiecki und Kanzler Kohl, der gerade von einer Stippvisite in dem von der Mauer befreiten Berlin zu seinem Staatsbesuch nach Polen zurückgekehrt war. Auch hier wußte Nossol mögliche Provokationen zu vermeiden. Spruchbänder mit Liebeserklärungen wie „Helmut, Du bist auch unser Kanzler“ stießen nicht gerade auf helle Begeisterung. „Ich mußte es dringend vermeiden, den Gottesdienst zu einer politischen Demonstration verkommen zu lassen. Also habe ich einige der Versammelten aufgefordert, ihre Spruchbänder für die Dauer der Feier zusammenzurollen.“ Auch die traditionelle polnische Gastfreundschaft meinte er in diesem Falle, allerdings in weiser Voraussicht, etwas unterwandern zu müssen. „Ich habe damals die Messe zunächst in polnisch, dann in deutsch, dann in lateinisch gelesen. Ich habe zuerst unseren Premier, dann Kanzler Kohl begrüßt.“ Der Freundschaft zwischen beiden scheint es keinen Abbruch getan zu haben, seit einigen Jahren duzen sie sich.

Die Ernennung zum Bischof der einstmals 1,8 Millionen Mitglieder zählenden Erzdiözese Oppeln war aus mehreren Gründen nicht leicht: „Als mich 1977 Paul VI. zum Erzbischof berufen wollte, meldete ich meine Bedenken an. Zum einen, weil ich ein gebürtiger Schlesier bin und mögliche Probleme auf mich zukommen sah. Zum anderen, da ich mein ganzes berufliches Leben als Wissenschaftler gearbeitet hatte und nie offiziell in der Seelsorge tätig war.“ Paul VI. aber interessierten diese Einwände wenig, und so wirkt Alfons Nossol seit über drei Jahrzehnten als eine verehrte, geliebte Symbolfigur im ehemals deutschen Oberschlesien. Auch wenn er mit Symbolen so seine Probleme hat. „Ich sehe mich nicht als Symbol, ich tue meinen Dienst an der Kirche. Ich sehe mich in einem Dien-Amt. So will ich wahrgenommen werden. Ich möchte Menschen helfen, möchte mit Menschen zusammenarbeiten. Dies ist meine Aufgabe. Dies ist weder politisch noch von einer überdimensionalen Symbolik.“

Der langjährige Wissenschaftler an der Universität Lublin und Professorenkollege von Karol Wojtyla verstand es schnell, Menschen für sich einzunehmen. Gerade in Zeiten, in denen die Versöhnung von Deutschen und Polen in weiter Ferne zu sein schien, pflegte er den Kontakt, mehr, als es vielen politischen Kräften möglich schien.

Zwölf Jahre alt war er bei Kriegsende, 1932 als eines von acht Kindern einer deutschen Familie in Oberschlesien geboren. Die Familie durfte bleiben, was sie auch tat, weniger aus sentimentalen als aus pragmatischen Gründen. Vor allem die Mutter hatte es so entschieden. „Vier meiner älteren Geschwister waren noch im Krieg. Meine Mutter wollte, daß sie, wenn sie nach Hause kommen, ihre Familie vorfinden. Und sie sind alle unverwundet zurückgekehrt.“ Er kommt erstmals mit der polnischen Sprache in Berührung.

Noch im Spätsommer 1945 wird in den Gottesdiensten deutsch gesprochen. Erst nachdem der völkerrechtliche Status des größten Teils Schlesiens geregelt ist, geben die Sowjets ihr Plazet, von einem Sonntag zum nächsten werden die Gottesdienste auf polnisch abgehalten. Nossol versteht sich als Integrator, kann einseitige Schuldzuweisungen schwer ertragen. Die aktuelle Debatte um in kommunistische Umtriebe verwickelte polnische Geistliche hält er für undifferenziert. „Ich finde es fatal, wenn Akten, die von Denunzianten angelegt worden sind, zur absoluten Wahrheit erklärt werden. Diese Menschen haben nichts anderes im Sinne gehabt, als anderen zu schaden. Wir müssen daher sehr vorsichtig sein mit oberflächlichen Meinungen, die nur auf Grund von Dokumenten gebildet werden.“ Ähnlich kritisch sieht er auch eine Verurteilung des hierzulande als extrem antieuropäisch, vor allem antideutsch, angesehenen Senders Radio Maryia, der besonders in Wahlkampfzeiten die Religion gerne in den Dienst einer nationalistischen Politik stellt. „Dieser Sender hilft vielen alten und kranken Menschen. Er sendet 24 Stunden lang und ist sicherlich auch eine Art Seelsorge. Da aber, wo Religion im Dienst einer Ideologie, gar in Diensten von Feindbildern gesehen wird, ist eine solche Haltung natürlich abzulehnen.“

Auch zu kommunistischen Zeiten pflegte er Kontakte nach Deutschland, speziell zur Apostolischen Visitatur Breslau in Münster, war Freund auch des jetzigen Papstes. Der besuchte ihn 1983 kurz nach der Papst-Visite Johannes Pauls II. Kardinal Ratzinger, über diese zeitliche Nähe etwas beunruhigt, befürchtete, daß nur noch wenige Gläubige sich für ihn interessieren würden. Gottlob war die Infrastruktur des Papstbesuches aber noch vorhanden, so konnte Kardinal Ratzinger vor 50000 Menschen unter freiem Himmel predigen. Noch erstaunter war er, daß die Menschen schon während seiner deutschen Predigt applaudierten, bevor diese ins Polnische übersetzt wurde. „Aber es waren eben noch viele ältere Schlesier anwesend, die sehr wohl noch ihre Muttersprache verstanden.“

Einen „deutschen Papst“ hat Nossol sich nicht vorstellen können. „Niemand hätte es für möglich gehalten, daß auf einen Polen ein Deutscher als Papst folgt. Aber hier wird tatsächlich der Heilige Geist wirksam. Kein anderer hätte ein solches Versöhnungszeichen, das über Völkern, über einer trennenden Geschichte steht, möglich gemacht.“ Der Versöhner Nossol ist stets bereit, die unheilvolle ideologische Vergangenheit nicht weiterwirken zu lassen. „Die Religion versteht sich personal. Sie versucht, im Dialog mit den Menschen zu bleiben. Sie sieht das Gegenüber. Die Ideologie stellt eine wie immer geartete Idee über alles Menschsein, ist bereit, dafür die schrecklichsten Opfer zu bringen. Das ist die Tragödie des 20. Jahrhunderts.“

Nachdem 1992 eine eigene Diözese Gleiwitz gegründet wurde, umfaßt der Bischofssitz Oppeln noch eine Million katholische Gläubige und eine Universität, die erst nach der Wende eingerichtet wurde. Die Kommunisten hatten 1953 sämtliche katholischen Fakultäten aufgelöst, zu „Akademien“ wurden sie herabgestuft. Abermals gegen seinen Willen wurde Alfons Nossol zum Präsidenten des Gründungskomitees ernannt. „Zahlreiche Persönlichkeiten kamen zu mir und sagten mir, daß ich der einzige ideologisch unbelastete Mensch sei, der diesem Komitee vorstehen könnte. Also blieb mir wieder mal keine andere Wahl.“ Mittlerweile gibt es wieder sieben theologische Fakultäten und einige durchaus präsentable Ehrendoktoren in Oppeln, zu denen u. a. die Kardinäle Lehmann und Kaspar und EU-Parlamentspräsident Pöttering gehören.

Europa braucht die Liebe zur Nation. „Der Patriotismus ist etwas sehr Positives. Er schafft Identität. Schlimm ist nur der Nationalismus, der sich gegen andere Völker richtet. Unsere Zukunft ist und bleibt Europa. Der europäische Gedanke ist im wesentlichen unverzichtbar.“ Hier sieht er Schlesien, „das Land des liebenden Verstandes und des denkenden Herzens“, als Verbindungsglied. Als das Auswärtige Amt vor Jahren aus Spargründen das deutsche Konsulat in Oppeln schließen will, mahnt er Außenminister Fischer. „Ich sagte ihm, wie nötig gerade hier eine deutsche Einrichtung für die deutsche Minderheit sei. Das hat er eingesehen. Er gab dem Konsulat zunächst noch ein weiteres Jahr. Es besteht bis heute.“

Für eine solche Brückenfunktion sieht er auch den neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, als geeignet an. „Zum einen, da seine Erzdiözese Freiburg an das Elsaß grenzt und schon zu Zeiten seiner Vorgänger Schäuffele und Saier hervorragende Verbindungen zu Frankreich bestanden. Zum andern, da er als gebürtiger Donauschwabe über beste Kontakte nach Mittel- und Südosteuropa verfügt.“

Da er selber sich als junger Mann in einer anderen Kultur als der seiner Kindheit zurechtfinden mußte, hegt er große Achtung vor der herkulischen Aufgabe des anderen Kandidaten auf das Amt. „Reinhard Marx, ein großartiger Theologe, wäre vielleicht mit der Doppelbelastung in gleich zwei neuen Ämtern zu sehr strapaziert gewesen. Schließlich steht er ja auch noch vor der Herausforderung, Bayer werden zu müssen.“

Timo Fehrensen (KK)

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