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Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1301.

Ihr Ernst gönnt sich keine Metaphern

Renata Schumann erhält den Andreas-Gryphius-Preis

Die Schriftstellerin und Journalistin Renata Schumann, die in diesem Herbst mit dem An-
dreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde ausgezeichnet wird, ist auch den Lesern unserer Zeitschrift wohlbekannt. Um so interessanter ist es, sie einmal durch eine „fremde“ Stimme vorstellen zu lassen, in der gleichwohl eine ganz besondere Empathie mitklingt. Die hier nachgedruckte Würdigung erschien in der „Ostsee-Zeitung“ vom 18./19. September 2010.

Ein kurzer, doch bedeutungsvoller Blick ist die Antwort, spricht man Renata Schumann auf ihre Herkunft aus Polen an. Prüfend schaut die ältere Dame ihr Gegenüber an, irgendwie sympathisch fordernd: Denk noch mal nach! Aber klar doch: Nicht aus Polen stammt die heute in Bad Doberan lebende Schriftstellerin, sondern aus Schlesien. In dieser Region, die nach dem Zweiten Weltkrieg polnisch wurde, wuchs sie auf, studierte, wurde an der Universität Breslau promoviert, unterrichtete an einem Gymnasium sowie an der Universität Kattowitz und zog zwei Kinder groß, bevor sie 1983 nach Erkrath bei Düsseldorf übersiedelte.

Heimat wird bei einer solchen Region, deren Bewohner in zwei totalitären Regimen unterdrückt und zeitweise gegeneinander aufgewiegelt worden sind, zur sehr komplizierten Angelegenheit. Für Renata Schumann wurde die Heimat Schlesien zum Lebensthema ihrer schriftstellerischen Arbeit. Und für ihre Werke hat sie 2007 den Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen und den Eichendorff-Preis, benannt nach dem aus Schlesien stammenden Romantiker, erhalten.

Nun folgt erneut eine Würdigung: Am 17. November nimmt sie in Düsseldorf den Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde Esslingen entgegen. Gryphius (1616–1664), der herausragende deutsche Barockdichter, war ebenso Schlesier wie der Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann (1862–1946), dessen Namen das Haus der Preisverleihung in Düsseldorf trägt.

Zur Begründung für den Gryphius-Preis heißt es, Renata Schumann habe sich in Romanen, Erzählungen und Lyrik mit dem Zusammenleben von Deutschen und Polen sowie mit der Geschichte ihrer Heimat auseinandergesetzt. Ihr Werk trage „zum Verständnis des Nachbarvolks auf hohem literarischen Niveau bei.“

Dieses Bauen von Brücken erweist sich für Renata Schumann als schwerer Weg der Wahrheitsfindung: „Es gibt keinen anderen Weg der Verständigung als das Gespräch, und das darf auch ein Streitgespräch sein“, sagt sie. Daß Deutsche und Polen aneinander vorbeischauen, beklagt sie und übt Kritik in beide Richtungen. Über die aktuellen Provokationen der Vertriebenenchefin Erika Steinbach sagt sie, Frau Steinbach habe keine Ahnung davon, wie die Polen denken. Und in die andere Richtung gewandt, sagt die Autorin: „Die Polen haben ihren Anteil am Kapitel der Vertreibung bis heute nicht aufgearbeitet.“

Renata Schumanns Lebensweg kann, meint sie behutsam, exemplarisch dazu beitragen. 1934 im oberschlesischen Hindenburg (Zabrze) geboren, wuchs sie in einer sozialdemokratisch geprägten Familie auf. Ihren Vater verlor die Heranwachsende kurz vor Kriegsende: Wegen „wehrkraftzersetzender“ Äußerungen wurde gegen ihn ein Todesurteil verhängt, dann „abgemildert“ zu Strafbataillon, aus dem er nie zurückkehrte. Die Mutter wurde bei Kriegsende von den Russen erschossen. Die zehnjährige Waise wuchs bei der Großmutter auf, kam, ohne ein Wort Polnisch zu können, in eine polnische Schule und durfte nicht deutsch sprechen. Vom „brutalen Sprachraub“ spricht die Autorin später in ihrem Erzählungsband „Muttersprache“, der vor drei Jahren im BS-Verlag Rostock wiederaufgelegt wurde unter dem Titel „Heimkehr in die Muttersprache. Geschichten aus einem verlorenen Land“. In der Historie sucht und findet sie Stoffe, um „Kenntnisse über historische Gestalten und Ereignisse zu verbreiten, die von einem friedlichen Zusammenleben der Deutschen und Polen in der Vergangenheit beredtes Zeugnis ablegen“. In ihrem Roman „Ein starkes Weib. Das Leben der Hedwig von Schlesien“ (2007) über jene Herzogin, die später als Patronin der deutsch-polnischen Aussöhnung verehrt wurde, gestaltet sie dieses Anliegen in mittelalterlichem Habitus. „Das 13. Jahrhundert beinhaltet für mich eine wunderschöne Utopie. Damals lebten Deutsche und Slawen in Schlesien friedlich zusammen. Warum sollte es in Zukunft nicht auch so sein? Alle würden davon profitieren.“

Die Arbeit an dieser Utopie beschäftigt Renata Schumann weiter. In ihrem Computer wartet ein weiterer Text über jene schlesische Herzogin Hedwig von Andechs auf die Fertigstellung. Eine Krankheit hindert die Autorin gegenwärtig am Arbeiten. Aber, so sagt sie, sie will das noch schaffen. „Bevor ich, wie sagt man, abberufen werde“, lacht sie tapfer.

Dietrich Pätzold (KK)

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