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Ausgaben: Ausgabe 1215.

Ihr lagen die „speziellen Aufgaben“ nicht

Dissidentin der ersten kommunistischen Stunde: Inge Berndt verweigerte sich schon unter Dienstherr Ernst Bloch den Versuchen der Instrumentalisierung von Philosophie in der frühen DDR

Sie löste ihr Arbeitsverhältnis mit der Universität Leipzig, dem Institut für Philosophie und mit ihrem Dienstherrn Professor Dr. Ernst Bloch zum 15. Februar 1953 denkbar einfach auf, sie wolle sich ein neues Arbeitsgebiet suchen.

Der eigentliche Anlaß war ihre Weigerung, einer sogenannten gesellschaftlichen Organisation beizutreten, wie das Bloch von ihr gefordert hatte. Die wissenschaftliche Assistentin unterschrieb die Kündigung, und Bloch genehmigte sie, beide handschriftlich mit Bleistift.

Bloch fügte noch hinzu, daß Inge Berndt ihre Tätigkeit „als wissenschaftliche Assistentin  auf eigenen Wunsch beendete, da ihr die speziellen Aufgaben am Institut für Philosophie nicht lagen“. Als bekennende katholische Christin wollte sie, wie sie später bekannte,  nicht  länger die Philosophie auf den Marxismus-Leninismus-Stalinismus reduziert sehen.

Inge Berndt war seit dem 1. November 1951 Blochs Assistentin, erst auf einer halben, dann seit dem 1. Februar 1952 auf einer ganzen Stelle. Vorausgegangen war ein Studium der Philosophie, Geschichte und anfänglich der Germanistik an der Universität Leipzig. Sie hatte es  mit einem guten Staatsexamen abgeschlossen. Zu ihren akademischen Lehrern gehörten neben Bloch die Historiker Walter Markov, Hans Buchheim und Heinrich Sproemberg, die Germanisten Hermann August Korff und Ludwig Erich Schmitt.

Im Leipziger St. Benno-Verlag fand sie ein neues Betätigungsfeld. Anfangs als Lektorin und bald als stellvertretende Cheflektorin bestimmte sie das Verlagsprogramm maßgeblich mit. Sie scheute sich nicht, ihre Meinung offen vorzutragen, auch vor den DDR-Oberen. Das führte 1967 zwangsläufig dazu, daß das Ministerium für Kultur sie als Verhandlungspartnerin nicht mehr akzeptierte. Als sie 1976 den Verlag verließ, drückte sie damit auch ein Stück Protest gegen dessen ihrer Meinung nach allzu konservative Ausrichtung aus.

Inge Berndt blieb ihrer Linie treu, als stille, aber stets sozial verantwortlich handelnde Christin. „Ich brauche eine Arbeit“, schrieb sie als Studentin, „die in direkter Beziehung zu den Menschen steht.“ Ihre nun freiberufliche Tätigkeit beschränkte sich nicht auf  glänzend ausgearbeitete philosophische Vorträge vor katholischen und evangelischen Studentengemeinden; sie war auch gefragt als brillante Diskussionsrednerin.

Den politischen Umbruch und das Ende der SED-Diktatur hat sie herbeigewünscht. Die friedliche Revolution 1989 gestaltete sie im Bündnis 90 aktiv mit. Ihre kritisch analytischen Fähigkeiten haben sie vor einer einseitigen Sicht bewahrt. Sie legte dort, wo sie es für nötig hielt, den Finger auf offene Wunden und nannte Mißstände beim Namen.

Inge Berndt  wurde am 7. April 1926 als Tochter des Arztes Siegfried Berndt und seiner Ehefrau Hertha, geb. Sommer, in Kolzig, Kreis Grünberg, nahe Breslau, geboren. Nach dem Besuch der Oberschule in Liebenthal, Kreis Löwenberg, besuchte sie ab Ostern 1940 die König-Wilhelm-Oberschule in Breslau. Nach der Vertreibung 1945 hat sie zusammen mit  ihrer Mutter in Dermbach in der Rhön gelebt.

Nach längerer Krankheit ist sie am 29. November vorigen Jahres in Leipzig gestorben.

Gerald Wiemers (KK)

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