Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1400.

Im Auge Mitteleuropas

2800 Kilometer Habsburg – von Niederschlesien ins Sudetenland 2018

Boden-Schätze: Ida Kerkovius, Steinbruch. Um 1925. Öl auf Leinwand, 58 x 74 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 20004. Schenkung Sammlung Schurr. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, © Familienarchiv Kerkovius, Uwe Kerkovius, Wendelstein

Wer heute das niederschlesische Riesengebirgsvorland, Teile Mittelböhmens und des ehemaligen Österreich-Schlesien (eines Teils des Sudetenlandes) bereist, tut das im Bewusstsein, dass alle diese Gebiete über Jahrhunderte habsburgisch regiert und geprägt wurden. Wir überzeugten uns 2018, hundert Jahre nach der Gründung der Tschechoslowakei, ein Dreivierteljahrhundert nach der fast völligen Vertreibung der angestammten deutschen Bevölkerung auf beiden Seiten des auch heute wieder eine Grenze bildenden Gebirgszuges der Sudeten von den historischen Heimstätten, dem Schicksal der schlesisch-sudetendeutschen Menschen und den Verlusten der Kriegs- und Nachkriegszeit, aber auch von den Bemühungen, das materielle und geistige Erbe auf der Grundlage des europäischen Humanismus zu erhalten und weiterzutragen.
Aus wilder Wurzel entstand Hirschberg zwischen Boberkatzbach- und Riesengebirge. Nachdem die Wirren des Dreißigjährigen Krieges überstanden waren, wurde die Stadt zu einem Zentrum des Leinen- und Schleierhandels, der insbesondere den Kaufleuten großen Wohlstand brachte. Ein Zeugnis dieser Blütezeit ist die evangelische Gnadenkirche zum Kreuze Christi mit der Altarorgelanlage und der Deckenausmalung. In dieser Kirche versammelten sich die Bürger 1945 zu einem letzten deutschen Gottesdienst und wurden von der polnischen Miliz unnachsichtig herausgetrieben.

Obwohl die Stadt von direkten Kriegszerstörungen verschont blieb, verfielen in der kommunistischen Zeit zahlreiche Gebäude und vor allem die einzigartigen Gruft-Kapellen, von Kaufmannsfamilien mit reichem plastischen Schmuck im 18. Jahrhundert erbaut. Sie wurden nach 1945 geplündert und teilweise zerstört. Heute sind sie auch mit deutscher Hilfe überwiegend renoviert. An den Eingang hat die polnische Stadtverwaltung ein voluminöses Denkmal mit den Namen der bei dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Smolensk umgekommenen polnischen Bürger – darunter der damalige Präsident Lech Kaczynski – gesetzt.

Zu den bekanntesten Bürgern Hirschbergs zählen Christian Menzel, dem zeitweise Schloss Lomnitz gehörte, und im 20. Jahrhundert Günther Grundmann, der letzte deutsche Landeskonservator Niederschlesiens, der das wunderbare Buch „Erlebter Jahre Widerschein“ (1972) hinterließ.

Das große Schloss Lomnitz und das 1804 daneben errichtete „Witwenhaus“ gehörten seit 1835 der Familie von Küster (bis 1945), seit 1993 ist es wieder im Besitz von Nachfahren dieser Familie und wird seit vielen Jahren als schlesisches Kulturzentrum betrieben und ausgebaut. Elisabeth von Küster führte uns durch dieses unmittelbar am Bober gelegene Schloss und berichtete über die weiteren Renovierungsbemühungen. Mittlerweile wurden auch der frühere Gutshof und eine Scheune renoviert. Dort befinden sich weitere Übernachtungsräume, das großzügige Restaurant „Alter Stall“, mehrere Läden und eine Gutsküche, die dank der Hilfe von Renate und Friedrich Johenning aus Düsseldorf eingerichtet werden konnte. Mit Hilfe des Vereins zur Erhaltung schlesischer Kunst und Kultur (VSK) und vieler Spender soll nun noch eine gerettete ehemalige evangelische Bethaus-Kirche auf dem Gelände vor Schloss Lomnitz wiederhergestellt werden. Auch die Schneekoppe konnte von Lomnitz aus begrüßt und betrachtet werden.

Zu einem Abendkonzert konnte auch das ehemalige Herrenhaus in Wernersdorf, die „Heßsche Bleiche“, besucht werden. Es hat in früheren Jahrhunderten unter anderem König Friedrich II. und John Quincy Adams, den späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten, als Besucher gesehen.

Wernersdorf konnte vom Enkel der letzten Eigentümer, Hagen Georg Hartmann, 2004 zurückerworben werden. Der Vorsitzende des VSK, der das Haus als Architekt bis 2013 als Hotel umbauen und restaurieren lassen konnte, führte unsere sudetendeutsch-schlesische Gruppe durch ein großzügig wiederhergestelltes Gebäude und zeigte das pittoreske blaue Kachelzimmer mit 2000 Delfter Kacheln. Im restaurierten Barocksaal fand das Konzert der beiden Musiker Susanne Goldmann (jetzt Dresden – Violine) und Sergej Trembitsky (ebenfalls Dresden – Piano) statt. Sie erfreuten das zahlreiche Publikum mit Werken von Franz Schubert, Antonin Dvorak, Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, wobei dessen Partita Nr. 3 in E-Dur besonderen Beifall fand. Diese vom NRW-Kulturministerium geförderte Veranstaltung bildete einen Höhepunkt der niederschlesischen Kulturfahrt.

Mit der aktuellen Lage der deutschen Minderheit im heutigen Polen wurden wir bei deren Festival in Breslau bekannt gemacht. In der gut besuchten Breslauer Jahrhunderthalle wurde ein eindrucksvolles Bild von der Vielfalt der deutschen Volksgruppe vermittelt, die sich nach dem Zusammenbruch der kommunistisch-polnischen Herrschaft wieder in aller Öffentlichkeit zusammenfinden kann. Wenn auch die parlamentarische Vertretung im Sejm leider geringer geworden ist, gibt es doch unter dem Dachverband der Deutschen Freundeskreise (VdG) hunderte von Einrichtungen, die sich der deutschen Sprache, ihrer Kultur und mit Unterstützung des deutschen Staates deren Erhaltung widmen. Die zahlreichen Stände der Veranstalter beeindruckten uns als Besucher aus dem Westen außerordentlich.

Dieser Begegnung war eine Stadtbesichtigung vorausgegangen, wir besuchten unter anderem das imposante Breslauer Rathaus und die Elisabethkirche mit dem Gedenkstein für den von den Nazis hingerichteten Pfarrer Dietrich Bonhoeffer. Ein längerer Aufenthalt in der wiedererstandenen schlesischen Großstadt war dieses Mal nicht vorgesehen.

Es ging weiter durch die alten habsburgischen Lande zum Schlachtfeld vor dem böhmischen Königgrätz. Schon in Chlum, 1866 Befehlsstandort des österreichischen Oberbefehlshabers von Benedek, wurden wir von den beiden tschechischen Schriftstellern Jan Tichy (Arnoltovice bei Haida) und Zdenek Rydygr (Reichstadt/Zakupy) erwartet. Direktor Rydgyr hatte seine neue Publikation „Böse Zeiten“ (tschechisch und deutsch) über das Leben von Sudetendeutschen und Tschechen im sudetendeutschen Reichstadt mitgebracht. Die deutsche Übersetzung stammt von Bernhard Kirschner (Düsseldorf). Jan Tichy hat vor Jahren die Erzählung „Zweiunddreißig Stunden zwischen Hund und Wolf“ verfasst, die das Massaker an deutschen Bürgern der Stadt Haida behandelt. Er hat sich auch gegen Widerstände für einen würdigen Gedenkstein vor Ort eingesetzt. Mit den gebürtigen Königgrätzern kam es zu einer Zusammenkunft im Stadtzentrum. Königgrätz verließen wir nach der ausführlichen Darstellung der preußisch-österreichisch-sächsischen Schlacht von 1866 in Richtung Mährisch-Schönberg.

An Mährisch-Schönberg interessierten uns weniger die Hexenverfolgungen des 17. Jahrhunderts oder einzelne markante Gebäude von „Klein Wien“, sondern die heutige Lage der kleinen deutschen Minderheit, über deren Aktivitäten uns die Vorsitzende Erika Vohsalo anschaulich berichtete. Die Nationalitätenverhältnisse haben sich vom Jahre 1900 (drei Prozent Tschechen) über 1930 (ca. 20 Prozent Tschechen) bis zum Jahre 2018 drastisch verändert. Seit der Vertreibung der Deutschen (1945/1946) – im englischen Prospekt heißt es: „the majority of German speaking inhabitants were moved away and the town stagnated“ – zählt diese deutsche Minderheit nur noch rund 300 Bürger. Einige trafen wir in der Pension „U Hradu“ in Sternberg, einer Kleinstadt, die 1930 zu 90 Prozent deutsche Einwohner hatte. Sie liegt am Südwest-Hang des Mährischen Gesenkes, nicht weit von Olmütz, der alten Hauptstadt Mährens.

Nach dem Besuch des Olmützer Doms gab uns Erzbischof Jan Graupner die Ehre eines Empfangs im Bischofspalais. Er unterrichtete uns mehr als eine Stunde in deutscher Sprache über die wechselvolle Lage der katholischen Kirche in der dunklen Zeit des Kommunismus, die von Verfolgung, Schikanen bis zur Gefängsnishaft bestimmt war. Zugleich versuchte das kommunistische Regime eine entsprechend orientierte „Gegenkirche“ aufzubauen, die vom Vatikan nicht anerkannt wurde. Eminenz Graupner beantwortete auch Fragen aus der SL-Gruppe nach dem Entschädigungsgesetz für die Kirchen und der Haltung zu der verhängnisvollen Rolle des zeitweiligen Präsidenten Eduard Benes, betonte dabei jedoch, dass er keine Politik mache. Sein Sekretär Pater Gattnar führte uns durch die prunkvollen Räume des Palais.

Olmütz beeindruckt durch seine Kirchen, repräsentative Bauten des Barock, das wuchtige Rathaus auf dem Oberring, die von vielen Statuen geschmückte Dreifaltigkeitssäule und die Brunnen auf den beiden Marktplätzen. Nach Osten hin begrenzen hohe alte Mauern die von der March umflossene ehemalige Festungsstadt, die 1930 noch rund 22 Prozent deutsche Bürger zählte. Auch diese wurden 1945/1946 vertrieben. Den Abschluss unseres kurzen Besuches bildete die Fahrt auf den Heiligen Berg, von dem aus die weite Ebene der Hanna überblickt werden kann.

Steinerne Unergründlichkeit:
Anton Hanak, Weibliches Porträt. Marmor,
47,7 x 38,1 x 29,7 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 2725. Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Wir wandten uns anschließend wieder dem alten Sudetenland zu, der Hauptstadt Troppau im ehemaligen Österreichisch-Schlesien, das nach dem Siebenjährigen Krieg beim Habsburgerreich geblieben war. Im Landeshaus, einem früheren Jesuitenkloster, in dem 1945 das Schlesische Landesarchiv untergebracht wurde, unterrichtete uns Dr. Kravar in Vertretung von Direktor Dr. Müller über dieses drittgrößte Archiv der Tschechischen Republik. An alten Karten, Bildern und Siegeln erläuterte der Archivar kenntnisreich seine Schätze, die teilweise auch schon digital abgerufen werden können. Das war eine gute Vorbereitung für den Besuch des Schlesischen Landesmuseums, das wertvolle Objekte sehr modern präsentiert, leider zum Teil nur tschechisch und englisch beschriftet. Troppau hatte bis zur Vertreibung eine deutsche Minderheit und kann auf bekannte Persönlichkeiten deutscher und tschechischer Herkunft verweisen wie Gregor Mendel, Hans Kudlich, Karl Schinzel, Joseph Maria Olbrich und Peter Bezruc. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurde der historische Stadtkern stark zerstört, was jedoch heute kaum noch zu merken ist.
Einen letzten Höhepunkt unserer schlesisch-sudetendeutschen Begegnungs- und Kulturfahrt im alten Habsburgerreich bildete der Besuch des früheren Klosters Braunau, eines Tochterklosters der Benedektiner aus Brevnov, durch das das Braunauer Ländchen deutsch besiedelt wurde. Die imposante Kirchen- und Klosteranlage mit einer großen Bibliothek, die älteste erhaltene Holzkirche in den böhmischen Ländern und der Friedhof sind äußerst sehenswert. Zugleich gab uns Jan Neumann zusätzliche Auskünfte über die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten und die Zusammenarbeit der Stadt Braunau mit dem Braunauer Heimatkreis und dessen Patengemeinde Forchheim.

Rund 2800 Kilometer hatten wir im alten Habsburgerreich zurückgelegt und waren beeindruckt von der Schönheit der Landschaften, dem kulturellen Reichtum, der Modernisierung, der Sauberkeit in den Städten, aber auch erschüttert über die Schäden und die Sinnlosigkeit von Kriegen und Vertreibung. Gleichwohl besonders erfreulich: In der Begegnung mit den Menschen – ob deutscher oder tschechischer Abstammung – brauchten wir keinen Dolmetscher.

Rüdiger Goldmann (KK)

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