Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1374.

Im baltischen Licht sieht man – sich – besser

Domus Revaliensis-Tage an der Akademie der Wissenschaften in Reval/Tallinn

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Selbst im Schmuck des ersten Schnees bewahrt Reval seine heimelige Ausstrahlung – für den, der sie zu schätzen weiß Bild: Wikimedia

Die Akademie der Wissenschaften in Reval/Tallinn ist nach wie vor der richtige Ort für die Domus Revaliensis-Tage. In diesem Haus (ehemals von Ungern-Sternberg) befand sich in der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1939 die Deutsche Kulturselbstverwaltung und die letzte amtliche Stelle zur Registrierung (1939) aller Deutschen für die Umsiedlung. Der Schreibtisch steht noch heute dort. Im Vorhof des Hauses befindet sich der Gedenkstein für das Baltenregiment, den die Deutschbalten gespendet haben.

Etwa 60 Personen hatten sich im wunderschönen Spiegelsaal zur Eröffnungsveranstaltung eingefunden, unter ihnen ein Dutzend aus Deutschland angereist. Nach der Begrüßung der Gäste durch die Veranstalter hielt Helmut Scheunchen einen interessanten Vortrag (mit neusten Forschungen) über die „Deutschbaltische Liedschule“ in Estland. Im zweiten Vortrag ergänzte Alo Poldmäe diese Ausführungen, indem er den Ursprung der estnischen Sängerfeste im deutschen Liedgut erklärte. Beim anschließenden Empfang freute man sich, Bekannte wiederzutreffen und sich mit neuen Gästen auszutauschen.

Die Kranzniederlegung am Denkmal des Baltenregiments fand am Samstag statt. Die Teilnehmer gedachten des Ereignisses zum Ende des Ersten Weltkrieges, bei dem Deutschbalten und Esten freiwillig unter estnischem Kommando gegen die Bolschewiken kämpften. Dr. Olav Liivik berichtete über dieses besondere historische Ereignis. Die Feier endete mit dem gemeinsam gesungenen baltischen Lied „Segne und behüte“. Anschließend begaben sich alle Teilnehmer in den Spiegelsaal der Akademie der Wissenschaften, wo die nächste Veranstaltung, das Konzert „Ella mit dem Paukenschlag“ begann. Das klingende Erbe der hochmusikalischen Deutschbaltin Ella von Schultz, die ihre Jugend auf einem Gut in Estland verbracht hat, berührte alle Zuhörer. Die Sängerin Martina Doehring berichtete über das Leben der Künstlerin. Sie unterbrach ihre anschaulichen Schilderungen immer wieder, um Kompositionen der Musikerin meisterhaft vorzutragen. Aivars Kalejs begleitete sie sehr feinfühlig am Flügel.

Am Samstagnachmittag besichtigten die Teilnehmer das Dominikaner-Kloster (1229) mitten in der Stadt. Das Kloster ist der größte und älteste Sakralbau des Baltikums mit einer dreischiffigen Hallenkirche. Es stellte den größten Handelsumschlagplatz Estlands im Mittelalter dar. Verschiedene Räumlichkeiten werden noch heute genutzt als Bibliothek, Andachtsräume oder von der Gastronomie. Zum Gesellschaftsabend fanden sich etwa 40 Personen ein. Leider konnte man viele Lücken in der Teilnahme der älteren Generation feststellen. Dennoch verlief der Abend sehr lebendig. Die Gäste mischten sich – Esten, Deutschbalten, Deutsche und Russen. Sich kennenlernen ist das Ziel.

Die Andacht am Sonntag hielt der estnische Pastor Dr. Jaan Lahe in der Olai-Kirche, dann brach die ganze Teilnehmerschaft zur großen Fahrt nach Wesenberg/Rakvere auf. Dort besichtigte man die Dreifaltigkeitskirche der Stadt mit uralten Grabsteinen und das „Haus-Museum des Bürgers“ aus dem 19. Jahrhundert. Eine kundige Dame führte durch alle Räume des Hauses und die Nebengebäude im Garten. Arvo Pärt, ein berühmter estnischer Pianist und Komponist, hat in diesem Haus gelebt. Weiter ging es mit der Besichtigung des ehemaligen Gutes Wesenberg/Rakvere (ehemals Familie von Tiesenhausen) mit einer riesigen, sehr gepflegten Parkanlage, in dessen Gutshaus sich heute ein Theater befindet.

Den Höhepunkt der Reise bildete die Besichtigung der sehr gut restaurierten Burg aus dem 13. Jahrhundert. Sie ist museal hergerichtet und zeigt in verschiedenen Räumen das Leben der Menschen vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Auf dem Hof sind verschiedene Haustiere und Wirtschaftsbereiche zu erleben. Das Mittagessen wurde in der Burg serviert, ein kräftiges Menü in großen Steinguttöpfen und -schalen.

Anschließend gab es Kaffee und Gebäck. Eine Rundfahrt durch die Innenstadt und verschieden Stadtteile mit Parkanlagen, Gedenkstätten, Krankenhaus und Schulen beendete die große Ausfahrt.

Wehmütig verabschiedete man sich zum Abschluss in Reval/Tallinn von Freunden und neuen Bekannten. Ein starkes Gefühl der Gemeinschaft hat sich im Laufe der Jahre herausgebildet.

Babette Baronin von Sass (KK)

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