Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1250.

Im Osten wollten sie der Erlösung näherkommen

Finden sollten sie die in Bessarabien angesiedelten Deutschen allerdings nur auf Zeit, und diese Zeit ist längst um

Nach Jahren der Beschäftigung mit dem Schicksal der in Bayern heimisch gewordenen Vertriebenen ist die bekannte Vortragsreihe des Hauses des Deutschen Ostens in München unter dem Titel „Warum wir hier sind …“ soeben mit einem Kapitel über die Bessarabiendeutschen ausgeklungen. Referent war der Direktor des Hauses, Ortfried Kotzian, der die Reihe konzipiert hatte. Er schrieb auch Band 11 der Studienbuchreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, der unter dem Titel „Die Umsiedler“ den Deutschen im Südostraum gewidmet ist.

Bessarabien, mit etwa 45000 Quadratkilometern Fläche etwas kleiner als Niedersachsen, wird im Nordosten durch den Dnjestr, im Südosten durch das Schwarze Meer, im Süden durch die Donau und im Westen durch den Pruth begrenzt. Es ist durch sein Klima und seine Bodenqualität begünstigt. Weizen, Mais, Sonnenblumen, Tabak, Obst und Wein sind die vorzüglichsten Früchte. Seit dem 16. Jahrhundert vollständig türkisch, war Bessarabien mit dem Frieden von Bukarest 1812 (die Donaumündungen erst mit dem Frieden von Adrianopel 1829) russisch geworden. Die Russen verloren zwar 1856 infolge des für sie unglücklich verlaufenden Krimkrieges die Donaumündungen und einen Landstreifen links des Pruth wieder an das unter der Souveränität der Türkei stehende Fürstentum Moldau, konnten beides aber 1878 mit dem Frieden zu Berlin von dem in der Zwischenzeit entstandenen Rumänien zurückgewinnen.

Die Bevölkerung Bessarabiens setzte sich neben dem Mehrheitsvolk der Moldauer aus Russen, Ukrainern, Türken, Griechen, Armeniern, Tataren und aus Deutschen zusammen. Die deutsche Ansiedlung in Mittel- und Südbessarabien ging auf die Jahre zwischen 1814 und 1842 zurück, als die Russen insbesondere mit pietistischen Schwaben das neugewonnene Land zu entwickeln suchten. Zar Alexander I. war dank seiner verwandtschaftlichen Beziehungen zum württembergischen Königshaus auf jene „schwärmerischen Gemeinschaften“ aufmerksam geworden, die sich im Osten der himmlischen Erlösung näher glaubten als daheim, wo sie im übrigen kaum mehr ihr Brot fanden. Er hatte sie mit der Zusicherung der Glaubensfreiheit, der Freiheit von Abgaben und Leistungen für die Dauer von zehn Jahren sowie immerwährender Freiheit von der Wehrpflicht angelockt. Zuerst waren einst preußische Siedler aus dem später napoleonischen Herzogtum Warschau gekommen. Es gab schließlich 24 katholische und 20 protestantische deutsche Muttersiedlungen sowie 76 Tochtersiedlungen, die es bis 1897 insgesamt auf etwa 60000 Personen brachten.

Auf stark vermehrtem Grundbesitz war das wohlhabend gewordene deutsche Bauerntum dazu imstande, die großen Städte (etwa Odessa) zu versorgen. Freilich verfügten die Bessarabiendeutschen über kein Bürgertum, keine städtische Intelligenz, ausgenommen Pfarrer und Lehrer. Diese wurden in der Werner-Schule in Sarata ausgebildet, dem ersten Lehrerbildungsseminar im alten Rußland. Das Vertrauen in ihre Zukunft verloren die Bessarabiendeutschen, als sie infolge des Panslawismus ihre Rechte geschmälert sahen, der „Zar sein Wort gebrochen“ hatte, wie sie sagten, und erst recht im Ersten Weltkrieg, als sie Zwangsmaßnahmen ausgesetzt waren und schließlich der Deportation aufgrund eines Liquidationsgesetzes von 1915 nur deshalb entgingen, weil zuerst endlose Schneefälle den Transport verhinderten und dann alles in den Wirren der russischen Revolution unterging.

So optierten die Bessarabiendeutschen im Jahre 1919 für das nach dem Zusammenbruch Rußlands und der Mittelmächte sich bildende „Großrumänien“ und brachten in dieses eine Bevölkerung von etwa 80000 Menschen ein. Diese ergab zusammen mit anderen deutschen Volksgruppen eine nach ihrer Herkunft außerordentlich inhomogene Gemeinschaft der Rumäniendeutschen in einer Stärke von etwa 850000 Personen. Im übrigen kam das prosperierende Bauerntum der Bessarabiendeutschen infolge von Enteignungen im Zuge der rumänischen Bodenreform von 1920 an die Grenze seiner Entwicklungsmöglichkeiten.

Den Anfang vom Ende der Bessarabiendeutschen bedeutete ihre Verbringung „heim ins Reich“ im Jahre 1940 infolge des Hitler-Stalin-Paktes vom August 1939 und der Annexion Bessarabiens durch die Sowjetunion im Folgejahr. Reichlich 93000 Menschen waren davon betroffen. Sie wurden zunächst in den Reichsgauen Sudetenland und Oberdonau (Oberösterreich), in Sachsen und anderswo untergebracht und sodann zu gleichen Teilen in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland angesiedelt, vereinzelt auch in dem Generalgouvernement genannten Restpolen. Nach der Flucht von dort 1945 zog es sie nach Württemberg bzw. Schwaben, wo viele von ihnen nach 1945 auch ansässig wurden, 40000 im Raum Stuttgart, später auch um Heilbronn und im Allgäu. Rund 10000 gingen nach Amerika. Etwa 7400 verloren als unmittelbare Kriegsopfer ihr Leben. Das Haus der Bessarabiendeutschen in Stuttgart ist heute das geistige Zentrum. In Bessarabien selbst befinden sich derzeit noch 1000 bis 1500 Deutsche, die ihrer Abstammung nach aber zum wenigsten Bessarabiendeutsche sind.

Peter Mast (KK)

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