Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1371.

Im Zweifelsfall entscheide man sich für das Richtige

Das fiel schon Karl Kraus nicht leicht, in heutigen Fragen, auch zu den Deutschen im Osten, ist es nicht leichter, wie eine Tagung zeigt

„Deutsche im heutigen Polen und im Kaliningrader Gebiet“ lautete das Thema einer Wochenend-Tagung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Göttingen. Aus dem Untertitel „Ungewisse Zukunft trotz reicher Tradition?“ war Besorgnis herauszuhören, und das bestätigte der Ehrenvorsitzende Hans-Günther Parplies gleich bei der Eröffnung. Er begrüßte eine zahlreiche Zuhörerschaft und besonders die Gäste aus Schneidemühl und Königsberg. Dann ging er auf die Unterzeichnung des Deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages am 17. Juni 1991 ein und erinnerte daran, dass die Vertriebenen seinerzeit die allgemeine Euphorie nicht geteilt haben. Ihre damalige Skepsis sei berechtigt gewesen.

Tilman Asmus Fischer (AGMO, Berlin) zeigte in seinem Vortrag „Das Ende des seite_3_KK1371Kommunismus und das Schicksal der deutschen Volksgruppe jenseits von Oder und Neiße“ denn auch auf, dass manche der damals initiierten Abkommen noch nicht verwirklicht worden seien. Bis Mitte der achtziger Jahre habe man, besonders unter der Militärregierung von Jaruzelski, die Existenz einer deutschen Minderheit geleugnet. Die Deutschen sollten als Autochthone polonisiert werden. Erst bei dem Besuch von Bundeskanzler Kohl im November 1989 mit einer Versöhnungsmesse auf Gut Kreisau habe es erste Schritte zur Anerkennung der deutschen Minderheit gegeben, obwohl sich bereits deutsche Freundeskreise und Kulturvereine gebildet hatten. Denen wiederum habe man revisionistische Bestrebungen unterstellt. Die Gesetzgebung sei seit 25 Jahren gut, aber die Umsetzung sei problematisch. Deutsche Schulen oder Deutsch als Unterrichtssprache – das sind noch Ziele für die Zukunft.

„Erfahrungsberichte aus der Praxis grenzüberschreitender Zusammenarbeit“ moderierte Barbara Kämpfert (Kopernikus-Vereinigung, Minden). Edwin Kemnitz aus Schneidemühl stellte die dortige Deutsche sozial-kulturelle Gesellschaft vor. Nach Gründungsschwierigkeiten habe sich heute die Situation in Polen beruhigt, die Gesellschaft bekomme sogar etwas Geld aus Warschau. Man biete deutsche und englische Sprachkurse an und arbeite bis auf einen Buchhalter ausschließlich ehrenamtlich.

Auch Dr. Kurt Schneider, in Sibirien geboren und seit 1993 in Deutschland, konnte von „Deutschen Wochen“ in Odessa, Kiew und Lemberg berichten. Er hob die enge Zusammenarbeit der dortigen Vereine mit Deutschland hervor, die einen regelmäßigen Jugendaustausch durchführen.

Für den interkulturellen Dialog trat Dr. Jozef Zaprucki ein. Der Germanist und seite_4_KK1371Hochschuldozent aus Hirschberg pflegt besonders die ostdeutschen Dichter, und wenn auch die deutsche Minderheit in Polen aussterbe, so sei die „deutsche Seele“ in Schlesien doch zu finden – polnische Studenten schrieben Diplomarbeiten über deutsche Minderheiten. Er habe mit seinen Studenten mehrmals Haus Schlesien in Königswinter besucht.

Friedrich Zempel (Dresden) sah die Entwicklung der Vertriebenenverbände nach der Wende nicht optimistisch. Nach dem anfangs großen Zulauf seien viele Mitglieder ausgetreten, in Sachsen würden die Heimatstuben aufgelöst und das Inventar nach Polen und Tschechien gebracht. Grenzüberschreitende Maßnahmen einzelner Gruppen und Freundschaftsbeziehungen aber zeugten vom Brückenbau durch die Vertriebenen. Das wurde in der anschließenden Aussprache auch als wichtige Aufgabe herausgearbeitet.

Der zweite Teil der Tagung fand im Collegium Albertinum statt. Als Wohnheim für ostpreußische Studenten in den fünfziger Jahren gegründet, war es lange ein Veranstaltungszentrum für ostdeutsche Kultur.

Im Mittelpunkt der Vorträge stand das nördliche Ostpreußen, das heutige Kaliningrader Gebiet. Professor Dr. Jürgen Bloech (Göttingen) referierte über „Landwirtschaft in Ostpreußen – Historische und aktuelle Aspekte“. Unter schweren Bedingungen schufen dort deutsche Bauern in 700 Jahren eine Kornkammer für Deutschland und Europa. Der Referent hob die züchterischen Leistungen hervor, das zum Mythos gewordene Trakehner Pferd und das für seine hohen Milch- und Fleischerträge bekannte Rind. Die Vertreibung der Deutschen und der jahrelange Missbrauch des Landes als militärisches Übungsgebiet veränderten die Strukturen völlig. Der Vortrag vertiefte die Feststellung von Dr. Barbara Löffke, der ostpreußischen Landesvorsitzenden von Niedersachsen, die in ihrem Grußwort betont hatte, dass die ostpreußischen Landwirte im Westen am wenigsten „integriert“ werden konnten, da sie ihren ökonomischen und sozialen Status nicht wiedererlangen konnten.

Aus Königsberg war Pfarrer Wladimir Michelis angereist, der „Zur Lage der seite_5_KK1371evangelisch-lutherischen Kirche im Gebiet Königsberg/Kaliningrad“ sprach. Erst mit der Perestroika habe es wieder religiöses Leben im Gebiet gegeben, Ende 1990 die ersten lutherischen Gottesdienste. Die Gemeinden, von den Deutschen aus Russland gebildet, dezimierten sich im Laufe der Jahre, da die Mitglieder nach Deutschland auswanderten, so Michelis. Heute gebe es noch 29 Gemeinden mit insgesamt 800 Mitgliedern. Das Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche stellte der Referent als schwierig dar, da diese den Anspruch erhebe, die einzig wahre Kirche zu sein, und nur bei caritativen Aufgaben zur Zusammenarbeit bereit sei.

Den Abschluss der Tagung bildete der fundierte Vortrag „Vom Ordensstaat zum Herzogtum – Preußen als erstes protestantisches Fürstentum“ von Professor Dr. Udo Arnold (Bonn). Die Zuhörer erhielten einen umfassenden Einblick in die politischen Verhältnisse des frühen 16. Jahrhunderts und einen Eindruck von der für die damalige Zeit mehr als ungewöhnlichen Entscheidung des Hochmeisters Albrecht von Brandenburg, aus dem Orden auszutreten und 1525 ein evangelischer Herzog in einem evangelischen Land zu werden.

Bärbel Beutner (KK)

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