Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1247.

In Blüten halb versunken sieht man ein weißes Schloß sich heben

So sah es Joseph von Eichendorff in seinem „Lubowitz“-Gedicht, das zugleich Einblick in seine poetische Werkstatt bietet

Nirgends werden weltweit – abgesehen von den noch reicheren Sammlungen des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main – mehr Eichendorff-Handschriften verwahrt als in der Staatsbibliothek zu Berlin. An des romantischen Dichters 150. Todestag zu erinnern nimmt sich am 26. November eine kleine Ausstellung im Foyer des Hauses Potsdamer Straße vor. Unter dem Titel „Mich aber zog ein wunderbares Streben“ spannen an die 50 Autographe und Drucke einen weiten Bogen durch das lyrische Schaffen von 1807 bis 1854.

Zu verdanken ist der Nachlaßteil Eichendorffs in der Staatsbibliothek zu Berlin dem Bibliothekar Professor Dr. Heinrich Meisner (1849–1929). Von 1877 bis 1879 – erst 1886 wurde eine eigene Handschriftenabteilung gegründet – oblag ihm zunächst die Führung der Kataloge der deutschen und preußischen Handschriften. Von 1880 bis 1887 und erneut von 1902 bis 1920 leitete Meisner dann die Kartenabteilung der Königlichen Bibliothek. Meisner persönlich sorgte dafür, daß ein Teil des Nachlasses seines schlesischen Landsmanns Eichendorff bereits 23 Jahre nach dessen Tod den Weg in die Königliche Bibliothek fand. Im Dezember 1885 schrieb Meisner, mittlerweile bereits Leiter der Kartenabteilung, nach Bonn an den Geheimen Regierungsrat a. D. Hermann Freiherr von Eichendorff, den Sohn des Dichters: „Vor einigen Jahren nämlich, als ich die Abtheilung der deutschen Handschriften der hiesigen königlichen Bibliothek verwaltete, erstand ich von dem jetzt gestorbenen Antiquar Stargard ein Convolut Schriften, unter denen ich solche von der Hand Ihres Vaters erkannte.“

An anderer Stelle präzisiert Heinrich Meisner diesen – angesichts der Prominenz des Namens Eichendorffs – etwas dubiosen Zufallsfund. Wie ihm der Berliner Antiquar Stargardt selbst erzählt habe, „fand ein Dresdener Geschäftsfreund desselben auf dem Boden einer Buchhandlung unter einer Last anderer wertloser Skripturen Packete mit Manuskripten, die er einer flüchtigen Durchsicht unterwarf. Es stellte sich dabei heraus, daß Gedichte Eichendorffs darunter waren. Wie dieselben in die entlegene Ecke in dem Lager eines Dresdener Antiquars gekommen sind, darüber habe ich nichts weiter in Erfahrung bringen können, als daß eine unbekannte Dame sie verkauft habe.“ Jene unbekannte Dame dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit Eichendorffs Tochter Therese (1817–1894) gewesen sein, die bei der Aufteilung der väterlichen Handschriften unter den drei Kindern Hermann (1815–1900), Rudolf (1819–1891) und Therese jene 250 Blätter erhielt, die sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin befinden. Nach dem Tod ihres Mannes, des Majors Ludwig Besserer von Dahlfingen, lebte Therese seit 1876 in der Nähe von Dresden in sehr prekären Verhältnissen, die sie möglicherweise zwangen, die Handschriften zu veräußern. Der dezente Hinweis Meisners auf die „unbekannte Dame“ ist somit vermutlich als Akt der Schonung gegenüber einem damals wie heute eher unverständlich anmutenden Verhalten zu betrachten.

Besonderen Wert maß man den Autographen damals jedoch ohnehin nicht bei. Zum einen teilte Hermann von Eichendorff Heinrich Meisner schriftlich mit, er habe sich „bei näherer Durchsicht des schriftlichen Nachlasses überzeugt, daß kaum etwas davon übrig geblieben, was sich zur Veröffentlichung eignet“. Mit anderen Worten: der Nachlaß galt – freilich nur nach den damaligen Maßstäben – als „ausgeschlachtet“ und ergo minder bedeutend. Zum anderen ließen die 250 Blätter des Nachlaßteils die damals so hoch geschätzte äußere Anmutung von Autographen nahezu gänzlich vermissen. Ideelle wie materielle Bedeutung besaß allein die Reinschrift, das „schöne“ und makellose Autograph. Derlei Schriftstücke enthält der Berliner Nachlaß indes kaum; es herrschen vielmehr – unter dem Aspekt der Ästhetik – äußerlich unattraktive Blätter vor, die das Dichten als „work in progress“ dokumentieren und gekennzeichnet sind durch zahllose Streichungen, Überschreibungen und den Willen, den Papierbogen bis zum äußersten auszunutzen. Die Maßstäbe haben sich seither gründlich verschoben: heute besitzen für uns gerade diese „unordentlichen“ Handschriften den weitaus größeren Reiz, denn sie künden von der Genese eines literarischen Werks und ermöglichen Einblicke in den künstlerischen Schaffensprozeß. In jenen Jahren vor 1880 jedoch, als Therese sich offenkundig gezwungen sah, ihren Anteil am väterlichen Nachlaß abzustoßen, zählte allein die makellose Endversion; Entwürfe und Fragmente galten als deren „Abfallprodukte“. Entsprechend gering war auch der Ankaufspreis: für 36 Mark wechselten die 250 Blätter, ein „ziemlich ungeordnetes, nach Inhalt, Entstehungszeiten, usw. bunt zusammengewürfeltes Konvolut“, im Juni 1880 den Besitzer.

Am Beispiel einer späten Gedichtniederschrift soll das lyrische Schaffen Eichendorffs beleuchtet werden. Blatt 32 r widmet sich der Heimat des Oberschlesiers, dem Gut und Schloß Lubowitz, gelegen zehn Kilometer nördlich von Ratibor, 60 Kilometer südwestlich von Kattowitz.

Lubowitz.

I.
/ Durch / An blumger Wiesen duftger Schwüle
Verborgner In stiller Dörfer Schattenkühle,
/ Vorüber mancher einsamen Mühle /,
An weithinwogenden Aehrenfeldern
Anmuthig hingeschwungen,
Umrauscht von Buchenwäldern,
Von tausend Lerchen übersungen,
Rauscht der heitern Oder Lauf.
Man sieht noch wenig Segel drauf,
Sie ist noch frisch u. bergesjung
Und weiß der Märchen noch genung
Aus ihrer Heimat Lüften
Von [        ] u. Klüften,
Erzählt’s die Mähr den Triften,
Die ihre einzutauschen;
Das ist ein Rauschen u. ein Lauschen,
Daß nächtlich von der Kunde
Ein Träumen bleibt im stillen / ganzen / Grunde.
Von allen aber, allen Hügeln,
Die in dem Strom sich spiegeln,
Bringt einer doch dem Fluß
Den schönsten Waldesgruß;
/ D: [urch] seiner / Denn d: [urch] der Wipfel Dunkeln
Sieht man ein Garten d funkeln
Wie eine Blütenkrone,
Als ob der Frühling droben / Le Lentz da droben / wohne,
Und aus den Lauben, [    ] Reben,
In Blüten halb versunken,
Sieht man ein weißes Schloß sich heben,
Als ruht’ ein Schwan dort traumestrunken.
Vor etwa sechsundsechtzig / vielen, vielen / Jahren

Das Gedicht entstand, so legt es die letzte Zeile zumindest nahe, im Jahre 1854, drei Jahre vor dem Tod des 1788 geborenen Eichendorff. Vorgesehen war es vermutlich als Beginn des ersten Kapitels von Eichendorffs „Bilderbuch aus meiner Jugend“, verfaßt „in gereimten Versen“. Der Gesamtplan des „Bilderbuchs“ geht weit über das Fragment „Lubowitz“ hinaus und bezieht auch die Kindheits- und Jugendjahre in Breslau, Halle, Heidelberg und Paris wie auch die Kriegsteilnahme ein. Das Konzept für „Lubowitz“ sah eine Beschreibung der „Lage des Schlosses und Gartens“ vor, die „Aussicht über die Oder nach den blauen Karpathen, und in die dunklen Wälder links“. Damals, vor sechs Jahrzehnten, an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, habe Lubowitz „noch wie eine selige Insel“ dagelegen, „unberührt vom Sturm der neuen Zeit“. Doch die Vorboten der Moderne kündigten sich bereits an: „Erwarten den Postboten am Lusthause, während draußen – in Frankreich – die Revolution schon ihre Tour beginnt“.

Die Luft war bereits gewitterschwül (ein beliebtes Motiv bei Eichendorff, um Zeitenwenden anzukündigen), Epochenumbrüche nahten am Horizont – „Ich aber sah nach den Karpathen wie in Ahnung der neuen Zeit“ –, noch aber war Lubowitz das althergebrachte Idyll, das Eichendorff atmosphärisch zu beschreiben plante: „bloß Beschreibung des Gartens, Lusthauses, Blumen, Allee, Aussicht. Wie der Papa in den Gängen lustwandelt (…)“. Lubowitz und die oberschlesische Heimat werden in der Rückschau idealisiert und als „die gute alte Zeit“ stilisiert, jene vorrevolutionären Jahre, die Eichendorff so schätzte.

Damals, um 1795, lebte der schlesische Landadel auf Schloß Lubowitz in der Tat „wie im ewigen Leben“. Der geräumige Rokokoneubau bot mit Tanzsaal und Musikbühne einige Geselligkeit; der landwirtschaftliche Betrieb mit Getreideanbau und Schafhaltung finanzierte den nicht unaufwendigen Lebensstil der freiherrlichen Familie von Eichendorff. Idyllisch lag das Schloß oberhalb des Odertals am Rande eines stillen Laubengangs, des Parks und des Obstgartens. Doch der Vater, Offizier statt Ökonom, war ein Spekulant. Er kaufte und verkaufte Landgüter wie andere Leute Pferde; und dies mit immer weiter steigenden Verlusten. 1801 floh er vor seinen Gläubigern; der Strudel der Verschuldung wurde zunehmend rasanter, bis 1823 Schloß Lubowitz, der Geburtsort Eichendorffs, zwangsversteigert wurde. Gänzlich ruiniert war man nicht; es verblieb der Familie im Mährischen das Gut Sedlnitz – doch Lubowitz, das Schloß der sorglosen Kindheit Eichendorffs, war perdu.

Auch Dichter kochen nur mit Wasser. Reimen ist Arbeit und gelingt nicht immer auf Anhieb, manchmal gar nicht. „Lubowitz“ blieb zu Lebzeiten Eichendorffs unveröffentlicht; erst 1888 wurde es aus dem Berliner Nachlaß erstmals ediert. Ein wenig bemüht wirken in der Tat manche Verse: Nachdem „Aus ihrer Heimat Lüften“ gestrichen worden war, sollte die neue Zeile nun mit „Klüften“ enden. Was bis dahin zu geschehen hatte, war freilich unklar; der Dichter ließ erst einmal eine Lücke für später einsetzende Geistesblitze. Was nun noch fehlte, war der Reim auf „Klüften“. – „Lüften“ fiel aus, da bereits verworfen; „Hüften“ hätte keinen Sinn ergeben, das durchaus passende „Düften“ entging der Phantasie Eichendorffs womöglich – was schlußendlich herauskam, war der unreine und überdies wenig überzeugende Reim auf „Triften“.

Wer mag da noch saubere Reinschriften lesen, wenn die Entwurfsmanuskripte derart spannend aus der Dichterwerkstatt erzählen?

Martin Hollender (KK)

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