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Ausgaben: Ausgabe 1345.

In der Mitte über die Ränder reden

Das Brünner Symposium „Dialog in der Mitte Europas“ widmete sich den „Menschen am Rande“

In-der-MitteÜber 250 Teilnehmer wohnten dem inzwischen 23. Brünner Symposium „Dialog in der Mitte Europas“ bei, das wieder die Ackermann-Gemeinde und die Bernard-Bolzano-Gesellschaft im Hotel International in Brünn organisiert hatten. Neben Interessenten aus Tschechien und Deutschland nahmen auch Personen aus Österreich, Polen und Ungarn an der Tagung teil. Diese widmete sich diesmal den „Menschen am Rande“, d. h. Minderheiten, wobei es zu einem guten Teil um die Problematik der Sinti und Roma ging.

Einführende Überlegungen zum Verhältnis zwischen Minderheiten und Mehrheiten stellte der Brünner Schriftsteller und Journalist Professor Pavel Švanda an. Entlang historischer Epochen beleuchtete er das Wechselspiel, das er auch im Kontext der Abhängigkeit vom Herrscher und dessen Umfeld beschrieb. Andererseits gab es – im 19. Jahrhundert – parallel zu den herrschenden Gegensätzen bis hin zur Zersplitterung Bestrebungen zu Vereinheitlichung. Im Umgang mit Minderheiten habe, so Švanda, Westeuropa sensibler reagiert als Osteuropa. Und er verwies auf einen anderen Aspekt: Die Rechte des Einzelnen werden oft unterdrückt. Mitunter habe die Auseinandersetzung zwischen Mehrheit und Minderheit auch zum Verlust der Minderheit geführt. Grundsätzlich empfahl Švanda Toleranz auf beiden Seiten, einen positiven Umgang miteinander.

Hartmut Koschyk MdB, der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, zollte in seinem Kurzvortrag den Veranstaltern Anerkennung für ihr zukunftsweisendes Handeln und die Pionierarbeit für Versöhnung. Zu den Rechten von Minderheiten stellte er fest, dass es trotz der Lissaboner Verträge in der EU nur ein Rahmenübereinkommen des Europarates gebe, ansonsten seien diese innerstaatlich zu klären. Deshalb forderte Koschyk auch bilaterale Abkommen, ferner eine Empathie seitens der Mehrheit gegenüber der Minorität und „nicht nur Toleranz, sondern innere Akzeptanz“. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in der Ukraine schloss Koschyk etwas nachdenklich. „Wenn man angesichts der Vorgänge auf der Krim der Meinung ist, für das Bestehen auf Minderheitenrechten gebe es keinen Anlass, dann fehlt die Seele.“

Dr. Anna Šabatová, Bürgerrechtlerin und Ombudsfrau der Tschechischen Republik, sah als Grundursache der Konflikte die angeborene Angst vor der Andersartigkeit, dem Fremden, die Menschen aber auch zusammenhält. Werden solche Aspekte wirksam, dann werden beispielsweise andere Sprachen oder Religionen aus der Gesellschaft verdrängt. Für ihren Staat bezeichnete sie die Roma als „Hauptproblem der tschechischen Gesellschaft“, was – im Gegensatz zu früher – nun unter anderem in mangelnden Kontakten am Arbeitsplatz, im Wohnort oder in der Schule seine Ursachen hat. Ferner stellte sie fest, dass die tschechische Gesellschaft nach 1989 nicht auf Ungleichheiten vorbereitet gewesen sei. „Ohne ein Maß an Gleichheit können Minderheitenrechte nicht realisiert werden“, fasste die Ombudsfrau zusammen.

Martin Neumeyer MdL, der Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, machte die Integration und die Teilhabe an der Demokratie am Aspekt „Wählen“ fest. „Oft ist der Mensch mit einer anderen Sprache oder Religion Abgrenzungsopfer. Der Reifegrad einer Demokratie zeigt sich am Umgang mit Minderheiten“, verdeutlichte Neumeyer. Er plädierte für Respekt gegenüber Minoritäten und deren kulturellen Eigenarten, „aber ohne die Grundlagen des Zusammenlebens zu verlassen“. Vor allem an die europäische Politik sowie die Medien richtete der Integrationsbeauftragte den Appell, mehr und vor allem Positives zu leisten. „Aber auch die Nationalstaaten sind gefordert, und die Menschen müssen bereit sein und qualifiziert werden“, schloss Neumeyer seine Ausführungen.

In der Podiumsdiskussion regte Herbert Heuß, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, an, seitens der EU alternative Möglichkeiten der Förderung zu schaffen (Nichtregierungs-Organisationen). Sein Monitum lautete: „Ein Angriff auf Minderheiten ist auch ein Angriff auf die Demokratie.“ Besorgt ist er über die Vernetzung rechtsradikaler Gruppen und die schwierige Zuordnung der politischen Lager. Daher wünscht er eine „genaue Aufklärungsarbeit auch über schwierige Themen wie Zuwanderung“.

Einen Blick auf Ungarn, wo sich immer mehr Menschen zu Minderheiten bekennen, warf die Soziologin Dr. Éva Kovács aus Budapest. Allerdings verwies sie auch auf die fehlende finanzielle Unterstützung der Roma durch die Regierung seit 2010 und den Mangel einer „romapolitischen Vernetzung“ bis in die unteren, kommunalen Ebenen.

Ein Video von gewalttätigen Demonstrationen gegen Roma zeigte die Prager Roma-Aktivistin Mariposa Conková. „Auch wir Roma wollen einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Angesichts solcher Angriffe können wir uns nicht zu unserer Roma-Identität bekennen“, kommentierte sie den Film und sprach von einem deutlichen Antiziganismus, den es zu bekämpfen gelte. Conková riet, man solle die Aspekte Arbeit/Armut und Ethnie nicht unsachlich vermischen.

„Der Staat trägt dazu bei, dass die Anti-Roma-Stimmung in Tschechien wächst“, stellte die Publizistin Saša Uhlová fest. Angesichts wirtschaftlicher Ängste in weiten Teilen des Landes seien „ganz normale Menschen“ in der Tschechischen Republik „latent sauer“, und ihre negative Stimmung richte sich unter anderem gegen die Roma.

Eine der wichtigen und großen Minderheiten in seinem Land nannte die Roma der Minister für Menschenrechte und Gleichstellung, Jirí Dienstbier, sprach aber auch von „größten Schwierigkeiten wegen der Verschiedenheit“. Vermutet werden in der Tschechischen Republik laut Dienstbier 250 000 bis 350 000 Roma, die unterschiedlich integriert sind – zu etwa einem Drittel leben sie in sozial übelbeleumdeten Orten, wo es vermehrt zu Spannungen, Intoleranz und zum Teil Gewalt kommt. „Toleranz ist zu erreichen, wenn man die Probleme rational angeht“, stellte der Minister fest, forderte aber auch eine langfristig und konzeptionell angelegte Lösung der sozialen Situation. Nicht zu vernachlässigen sind für ihn auch die Aspekte Wohnung und Bildung, vor allem Programme für Kinder. „Soziale Behinderungen dürfen nicht über den Schulbesuch entscheiden“, merkte Dienstbier an und nannte darüber hinaus den Aspekt Beschäftigung/Arbeit sowie die Verschuldung der Gesellschaft insgesamt.

Mittel gegen Marginalisierung und Wege aus der Armutsfalle zeigten zum Abschluss des Symposiums die frühere niedersächsische Ministerin und jetzige Landtagsabgeordnete Aygül Özkan sowie Ondrej Liška, der Parteivorsitzende der Grünen in Tschechien, auf. Vor dem Hintergrund des künftig sehr hohen Anteils (ca. 50 Prozent) an Personen mit einem Migrationshintergrund in Deutschland plädierte Özkan für die Kenntnis der deutschen Sprache und für erhöhte Anstrengungen bzw. Konzepte in den Bereichen Bildung, Arbeit und gesellschaftliches Leben. Besonders das Ehrenamt kann in ihren Augen „eine Chance für das Zusammenleben“ sein.

Fünf Bereiche bzw. Pfeiler betrachtet Ondrej Liška als bedeutend für die Lösung der Probleme: Neben Bildung und Beschäftigung sind dies eine bessere Koordinierung der sozialen Dienste, Wohnen und Sicherheit. Unter anderem plädierte er für verstärkte inklusive Ansätze in der Praxis und in der Politik sowie für bürgerschaftliches Engagement.

Auf dem Podium stellte Judit Marte-Huainigg von der Caritas in Wien einige mit EU-Geldern geförderte Projekte vor. Wie sie als Bürgermeisterin des 2500 Einwohner zählenden Ortes Obernitz mit einem Roma-Anteil von 40 Prozent das Zusammenwachsen der Bevölkerungsgruppen in den Griff bekommen hat, schilderte Drahomíra Miklošová. Und der Politiker David Benák aus Prag machte deutlich, dass er durch seinen Eintritt in die sozialdemokratische Partei zu einer Verbesserung der sozialen Situation der Roma beitragen möchte.

Damit die Teilnehmer auch praktische Aspekte und Ansätze der Arbeit mit Minderheiten bzw. „Menschen am Rande“ realiter kennenlernten, gab es, verteilt auf jeweils zwei etwa 90minütige Arbeitseinheiten, sieben Fallbeispiele zu bearbeiten. Unter dem Leitthema „Im Dialog miteinander. Begegnungen unter Menschen zwischen Kulturen“ fanden diese im Tagungshotel und auch an anderen Standorten statt.

Markus Bauer (KK)

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