Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1289.

In Königsberg blühten die Kürbisse

Der barocken Blüte der Poesie an den Gestaden des Pregel widmete die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen eine Tagung

Das „Ännchen von Tharau“ kennt ein jeder, daß sein Schöpfer weit über 1000 Lieder schrieb, ist heute aus dem öffentlichen Bewußtsein jedoch verschwunden. Simon Dach, 1605 in Memel geboren und 1659 hochgeehrt als Professor für Poesie an der Königsberger Universität gestorben, hat in seinem für heutige Verhältnisse kurzen Leben viel bewirkt.

Dach wuchs in ärmlichen Lebensverhältnissen auf. So schickte ihn sein Vater, der die Begabung des Sohnes erkannte, mit 14 Jahren zu Verwandten nach Königsberg. Diese ermöglichten ihm den Besuch der Domschule auf dem Kneiphof, ein Vorzug, der nur reichen oder talentierten Jungen zugestanden wurde. Vor der Pest floh Dach aus Königsberg nach Magdeburg, wo er seine Schulausbildung abschloß. Auch aus dieser ihm so lieb gewordenen Stadt vertrieben ihn der Krieg und die Pest, und er kehrte 1626 nach Königsberg zurück, ließ sich an der Universität immatrikulieren und begründete zusammen mit dem Domorganisten Heinrich Albert, der zahlreiche von Dachs Gedichten  vertonte, und einigen anderen den Königsberger Dichterkreis der „Kürbishütte“.

Bald gehörte Dach zu den führenden Dichtern der Stadt, und als er 1639 zum „Professor poesos“ der Universität von Königsberg ernannt wurde, war er in der Lage, einen Hausstand zu gründen. Die Universität fülltesein Leben aus, fünfmal bekleidete er das Amt des Dekans, 1656 auch das des Rector Magnificus.

Professor Dr. Wladimir Gilmanow von der russischen Immanuel-Kant-Universität in Königsberg war es, der in seinem Referat „Die Kürbishütte der Welt im Werk von Simon Dach“ den philosophischen Hintergrund des damaligen Königsbergs zeichnete. Nicht nur die religiösen Umbrüche schufen ein Unruhe-Klima, für die an der Sprache Interessierten und in und mit ihr Schaffenden – und zu ihnen gehörte der junge Simon Dach sehr bald – war es der Erneuerer der deutschen Sprache, war es Martin Opitz (1597–1639), der eine Umwälzung des geistigen Schaffens hervorgerufen hatte. Es gab Tausende Gelegenheiten, sich als Dichter zu er- und beweisen: Taufen, Beerdigungen, Feste, Schlachten, Würdigungen – das „Kasualgedicht“ war geboren, und  Simon Dach sei eine, so Gilmanow, „glückliche Synthese zwischen wirklichkeitsnaher Volkstümlichkeit und hoher humanistischer Bildung“ zu verdanken.

Prof. Dr. Axel E. Walter von der Universität Memel/Klaipeda referierte über „Simon Dachs Durchbruch als Dichter – Poetische Ereignisse des Jahres 1638“.  Walter zitierte den Literaturhistoriker Georg Christoph Pisanski (1725–1790), der eine Zweiteilung der preußischen Literaturgeschichte in eine Epoche vor und eine seit Dach vorgenommen hatte. Im Vortrag Walters werden auch Kenner des Lebens von Simon Dach neue Details entdeckt haben. So erwähnte er, daß es Dach war, der für den ehrenvollen Empfang des verehrten Dichterfürsten Martin Opitz in Königsberg am 29. Juli 1638 den Festtext verfassen durfte. Heinrich Albert komponierte die Melodie. Dach eroberte sich alle ihm zur Verfügung stehenden Kommunikationsräume: den Hof, die Kirche, die Universität, die staatliche und städtische Elite der Ständegesellschaft, das gebildete Bürgertum in Stadt und Land.

Über das Freundespaar „Simon Dach und Valentin Thilo (Thiel), zwei Kollegen in Königsberg – Kasualgedichte als ästhetische Kommunikation“ sprach Professor Dr. Wilhelm Kühlmann aus Heidelberg. Zwei Kollegen und zeitweise auch Gartennachbarn, die sich nicht nur gut verstanden, sondern auch gemeinsam öffentlich auftraten, so beispielsweise 1649 bei einem „Oratorischen Act“ zum Geburtstag des Herzogs, zu dem Dach die Verstexte lieferte und der Rhetorikprofessor eine angemessene Rede hielt. Thilo, dem „Königsberger Cicero“, oblag die Aufgabe, bei öffentlichen universitären Anlässen oder höfisch-politischen Festen in Aktion zu treten. Überliefert sind eine Reihe von Poemen, Kühlmann nennt 15 Kasualgedichte, die sich an die Familie Thilo richten.

Dr. Monika Schneikart, Greifswald, stellte in ihrem Vergleich „Gelegenheitsdichtung in Königsberg und Pommern – Simon Dach und Sybilla Schwarz (1621–1638)“ zwei Literaten einander gegenüber, die zur gleichen Zeit zu dichten begonnen hatten. Die Patriziertochter aus begütertem Haus verfaßte in einem Zeitraum von fünf Jahren Gelegenheitsgedichte, die sich vor allem an Personen aus ihrem unmittelbaren Lebensumkreis richteten: elf Trauergedichte, elf Geburtstags- und Namensgedichte, acht Hochzeitsgedichte und ebenso zahlreiche Abschieds- und Ankunftsgedichte. Bedeutender sind ihre Lieder, Epigramme, Versepisteln, eine Schäfererzählung, ein biblisches Drama in Alexandrinern und  Daktylen und ein Trauerspiel über die Zerstörung ihres „Musensitzes“ Fretow.

Die Auseinandersetzung mit dem Leiden, dem eigenen wie dem Leiden an sich, nahm einen großen Raum in der Dichtung des Barock ein. Dieses Themas nahm sich Dr. des. Misia Doms, Saarbrücken, an: „‚Wenn sich niemand kühn erzeigt, / Und, was sonst sol reden, schweigt, / Müssen Steine schreyen‘ – Simon Dachs dichterischer Umgang mit dem Leiden“ hieß ihre Betrachtung von zwei Gedichten Dachs, in denen die Auseinandersetzung mit dem Leiden beim Leiden anderer ihren Ausgang nimmt. Freuden und Leiden bildeten im 17. Jahrhundert die zwei Seiten einer Medaille, schloß Misia Doms.

Professor Dr. Klaus Garber, Osnabrück, der die wissenschaftliche Leitung dieser Fachtagung übernommen hatte, sprach über „Ein europäisches Juwel des Adels in Preußen – Die Wallenrodtsche Bibliothek und ihre Rekonstruktion“. Die bedeutendste Sammlung von Literatur zur Geschichte des Herzogtums Preußen seit seiner Gründung durch Herzog Albrecht wurde im 17. Jahrhundert von einer preußischen Beamtenfamilie ins Leben gerufen. Aufbewahrt wurde sie in der Universitätsbibliothek, Dubletten in einem eigens dafür  hergerichteten Turmzimmer im Dom. Bis heute ist nicht bekannt, was in den Jahren des Zweiten Weltkriegs mit der Wallenrodtschen Bibliothek geschah. Garber ist sich jedoch aufgrund seiner zahlreichen Funde in Bestände ehemals sowjetischer Büchereien sicher, daß sie nicht untergegangen, sondern den Siegermächten in die Hände gefallen ist. Wie das Beutegut dann nach Vilnius oder nach Georgien und Armenien kam – die beiden letzteren haben die deutschen Bücher inzwischen nach Deutschland zurückgegeben –, dies Geheimnis wird wohl nicht zu lüften sein. Wichtig ist, daß es dank moderner Technik möglich ist, die Bibliothek zumindest virtuell wiederherzustellen.

Bei soviel Kenntnis, Engagement und Diskussionsbereitschaft für den in weiten Kreisen vergessenen Barockdichter Simon Dach verwundert es nicht, daß Hans-Günther Parplies, der Vorsitzende der Kulturstiftung, die Hoffnung äußerte, diese Tagung könne vielleicht den Anstoß geben zur Gründung einer Simon-Dach-Gesellschaft.

Erika Kip (KK)

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