Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1237.

In meiner Heimat Haus sind viele Wohnungen

Das Münchner Haus des Deutschen Ostens weiß sie stets mit frischem geistigem Leben zu erfüllen

Das Haus des Deutschen Ostens in München hat in den letzten Jahren neue Wege beschritten, um sich den gesellschaftlichen Entwicklungen zu stellen und die Einrichtung des Freistaates Bayern weltoffen, tolerant, verantwortungsbewußt und zukunftsorientiert zu präsentieren. Seit Jahresbeginn wurden diese Bemühungen vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen durch das Inkrafttreten eines neuen „Organisationserlasses für das Haus des Deutschen Ostens“ gewürdigt und rechtlich untermauert. Das Ministerium hat die Aufgaben des Hauses des Deutschen Ostens neu definiert und klar und eindeutig in sechs Punkten zusammengefaßt:

Das „Haus des Deutschen Ostens“ hat die Aufgabe, als Kultur-, Bildungs- und Begegnungseinrichtung im Sinn des Paragraphen 96 des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG) den Beitrag der früheren deutschen Staats- und Siedlungsgebiete im Osten und Südosten Europas zur gemeinsamen deutschen Kultur zu pflegen und fortzuentwickeln, in Bereichen mit europapolitischem Bezug tätig zu werden und damit eine Brückenfunktion für das Verhältnis des Freistaates Bayern insbesondere zu Ostmitteleuropa und Osteuropa wahrzunehmen, deutsche Minderheiten in ihren Heimatländern beim Erhalt ihrer kulturellen Identität zu unterstützen und dadurch ihre Rolle als Mittler der Verständigung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und ihren östlichen Nachbarn zu stärken, Veranstaltungen nach Paragraph 96 BVFG selbst oder in Zusammenarbeit mit anderen Veranstaltungsträgern durchzuführen, die Vermittlung der Kenntnisse über Ostmittel- und Osteuropa im Bereich der Erwachsenen-, Hochschul- und Jugendbildung zu unterstützen und zu stärken, als Fördereinrichtung Verbände, Einrichtungen und Einzelmaßnahmen nach Paragraph 96 BVFG im In- und Ausland zu unterstützen.

Zur Erfüllung seiner Aufgaben kooperiert das Haus des Deutschen Ostens mit einschlägigen Einrichtungen und Institutionen im In- und Ausland. Die bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, Christa Stewens, bewertete die neue Aufgabenstellung mit folgenden Worten: „Die organisierte Vertreibung der Deutschen aus ihren östlichen Heimatgebieten ist nicht nur ein Thema der Vergangenheit und der Folgen des Zweiten Weltkriegs. Das Kulturgut der Vertreibungsgebiete im Bewußtsein der Vertriebenen, des gesamten deutschen Volkes und des Auslands zu erhalten hat vielmehr seit der EU-Osterweiterung an Bedeutung gewonnen. Diesem Bedeutungswandel trägt der ab 1. Januar 2007 geltende Organisationserlaß für das Haus des Deutschen Ostens Rechnung.“

Zeitgleich mit dem Organisationserlaß präsentierte das Haus des Deutschen Ostens ein neues Logo (siehe Vorseite). Aus dem bisherigen Logo wurde das kleine bayerische Staatswappen ausgeklammert und, wie es die Corporate-Design-Vorgaben der Bayerischen Staatsregierung verlangen, in voller Größe auf die rechte Seite des Schriftzuges „Haus des Deutschen Ostens: Kultur – Kunst – Bildung – Bibliothek – Begegnung“ gesetzt. Aus diesem Grunde wurde ein neuer Richtungsweiser gewählt, der gleichzeitig das Programm des Hauses des Deutschen Ostens symbolisieren soll. Der Teil der Windrose, die Kompaßnadel, will den Leitgedanken des Hauses des Deutschen Ostens für 2007 und darüber hinaus deutlich machen: „Der Herkunft eine Zukunft geben“.

Mehr als 60 Jahre nach der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten gilt weiterhin, daß ein Haus des Deutschen Ostens seinen Sinn nur erfüllen kann, wenn es Menschen gibt, deren Interesse an einer solchen Einrichtung die Einrichtung selbst sinnvoll macht. Den Freistaat Bayern, der diese Institution trägt und unterhält, bilden alle Bürger Bayerns – auch und gerade jene fast zwei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern und dem Sudetenland sowie aus den Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas, die in der Zeit von 1944 bis 1950 nach Bayern kamen. Dazu gehören ebenfalls die Aussiedler und Spätaussiedler, vor allem die Deutschen aus Rußland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die bis in die Gegenwart hier eine neue Heimat suchen. Für das Heute und die Zukunft will das Haus des Deutschen Ostens München die Frage beantworten, warum Deutsche aus dem Osten Europas in Bayern leben. Es tut dies in dem Bewußtsein, daß die nachfolgenden Generationen ein Recht darauf haben zu erfahren, warum die ursprüngliche Heimat ihrer Eltern und Großeltern nicht mehr ihre Heimat ist.

Das Haus des Deutschen Ostens steht in der Verantwortung gegenüber jenen Menschen, die nach der Tragödie des Zweiten Weltkrieges den Aufbau und die Entwicklung des Freistaates Bayern in umfassender Weise mitgestalteten und damit zu Teilhabern an der politischen Kultur und der Lebensqualität in der gemeinsamen Heimat Bayern wurden. Die Integration dieser Neubürger war die wohl größte sozialpolitische Leistung der Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegszeit und braucht Vergleiche in europäischem Maßstab nicht zu scheuen.

Trotz dieser erfreulichen Tatsache ist in der Nachkommenschaft dieser bayerischen Bürger das Wissen um die Herkunft der Vorfahren nur noch in Ansätzen vorhanden. Die Herkunftsgebiete der Vertriebenen und Aussiedler mit ihren beachtlichen deutschen Kulturleistungen von europäischem Rang geraten zunehmend in Vergessenheit. Herkunft ist aber Teil jeder menschlichen Identität. Mit dem Haus des Deutschen Ostens soll den bayerischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern aller Altersstufen die Möglichkeit gegeben werden, etwas über ihre Herkunft in Erfahrung zu bringen, Kontakte zu den Menschen in ihren Herkunftsgebieten zu knüpfen und dadurch einen Bezug zur Heimat der Vorfahren aufzubauen, damit sich diesem Raum Zukunftschancen in Europa eröffnen.

Die im Mai 2004 beigetretenen Mitgliedsländer der Europäischen Union, vor allem aber die zum Jahreswechsel 2007 neuen Staaten Rumänien und Bulgarien erhoffen sich eine gedeihliche Zukunft in der Gemeinschaft. Damit sind jene deutschen Volksgruppen in die EU aufgenommen worden, deren kulturelles Erbe auch vom Haus des Deutschen Ostens gewahrt werden soll. Die Siebenbürger Sachsen, die Banater Schwaben und die Banater Berglanddeutschen, die Sathmarer Schwaben, die Deutschen der Bukowina und der Dobrudscha, sie alle sind – soweit sie in ihrer Heimat geblieben sind – nun ebenfalls EU-Bürger geworden und haben dieselben europäischen Rechte und Pflichten erhalten, die ihre ausgewanderten, ausgesiedelten, vertriebenen oder umgesiedelten Landsleute durch eben diese Schicksalsfügungen oder die Entscheidung zum Verlassen des Landes vor Jahren erworben haben. Welche Konsequenzen diese neue Situation für das kulturelle Erbe der Deutschen in den neuen EU-Ländern haben wird, soll der aufmerksamen Beobachtung anheimgestellt sein. Aus diesem Grunde wird die Studienreise 2007 des Hauses des Deutschen Ostens nach Pfingsten den neuen EU-Ländern Rumänien und Bulgarien und der Kulturhauptstadt Europas 2007 Hermannstadt/Sibiu gewidmet sein.

Die Pflege des kulturellen Erbes der Deutschen aus dem Osten sollte in der Gegenwart nicht so sehr vom Aspekt des Verlustes geprägt sein, sondern vielmehr den großen Schatz an kulturellen Erfahrungen in den Mittelpunkt stellen. Jeder Mensch, unabhängig von Herkunft, Beruf, Alter, politischer Einstellung oder dem Grad der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben, kann seine ganz persönlichen Erfahrungen mit den Kulturleistungen der Deutschen  aus dem Osten machen. Er benötigt nur einen kleinen Impuls und ein Minimum an Interesse und Aufgeschlossenheit gegenüber kulturellem Leben überhaupt.

Diesem Ansatz versucht das aktuelle Programm des Hauses des Deutschen Ostens Rechnung zu tragen. Neben den klassischen Bildungsmaßnahmen mit Ausstellungen, Vorträgen und Vortragsreihen, Buchpräsentationen und Lesungen hat das HDO in seiner hauseigenen Gaststätte „Zum alten Bezirksamt“ ein Erzählcafé eingerichtet, in dem Zeitzeugen über ihr persönliches Schicksal und ihre Beziehungen zu den Menschen in Europas Osten berichten.

Die aktive Kombination von Literatur und Musik stößt auf großes Publikumsinteresse, wobei eine kulturelle Nischenbildung Erfolg verspricht. 300 Besucher wollten das Konzert zum Jahresauftakt mit dem Titel „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel ami“ zu Ehren des Westpreußen Theo Mackeben hören und sehen. Die Direktion des Hauses nützt ganz bewußt die künstlerischen Fähigkeiten der Mitarbeiter, hier besonders der Bibliotheksleiterin Brigitte Steinert. Der musikalischliterarische Schwerpunkt wird Joseph von Eichendorffs 150. Todestages mit dem Rosenau-Trio Baden-Baden gedenken, der Bundeshauptstadt wieder mit Brigitte Steinert die Reverenz erweisen: „Es gibt nur ein Berlin“, „Klänge aus Mähren“ mit einem Ensemble des Gärtnerplatz-Theaters München zu Gehör bringen, Gregor von Rezzoris „Maghrebinische Geschichten“ erzählen und sich Ernst Wiecherts 120. Geburtstag widmen.

Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Kurse zu ostdeutschen Volkskunst- und Kunsthandwerkstechniken. Die Kursteilnehmer können im Haus des Deutschen Ostens das Klöppeln erlernen. Sie können die Kunst der schlesischen Bauernmalerei und Weißstickerei pflegen, Böhmerwäldler Kratzeier oder Böhmerwäldler Christbaumschmuck herstellen, alte Spitzen montieren und bei der sudetendeutschen Schriftstellerin Ursula Haas, Autorin von „Freispruch für Medea“ und Trägerin zahlreicher nationaler und internationaler Literaturpreise, „schreiben lernen“.

Im Bereich der Lehrerfortbildung hat das Haus des Deutschen Ostens erneut mit Rumänien und Bulgarien einen Auslandslehrgang im Programm und begleitet die bayerische Landesausstellung in Zwiesel „Bayern – Böhmen: 1500 Jahre Nachbarschaft“ mit einer internationalen Lehrertagung, bei der tschechische und bayerische Kollegen ihre „Geschichtsbilder“ vergleichen werden. Daneben hat das HDO den diesjährigen Schülerwettbewerb „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“ den Auslandsschulen mit verstärktem Deutschunterricht zur Teilnahme und als Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt. Wegen des Themas „Auf der Suche nach dem Schlesischen Himmelreich“ ist die Resonanz in Schulen in Oberschlesien besonders groß.

Im November wird das Haus des Deutschen Ostens eine internationale Studientagung zum Thema „Kulturelle Autonomie deutscher Minderheiten in Europa“ durchführen. Hierbei sollen durch intensiven Vergleich die rechtlichen Voraussetzungen und die praktischen Maßnahmen der Kulturpflege in verschiedenen Staaten und bei unterschiedlichen deutschen Minderheiten untersucht werden mit dem Ziel, Erkenntnisse für die Pflege und Weiterentwicklung der Kultur der Deutschen aus dem Osten in Bayern zu gewinnen. Damit wird das Haus des Deutschen Ostens München seinen Aufgaben und Zielen sowie der Frage nach dem Sinn seiner Tätigkeit gerecht.

Ortfried Kotzian (KK)

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