Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1243.

Inbild menschlicher Souveränität

Eine Ausstellung in Ellingen zeigt Königin Luises politische Ohnmacht und zugleich ihre humane Stärke

Königin Luise von Preußen ist eine der denkwürdigsten Frauengestalten der deutschen Geschichte. Geboren 1776 als Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, wurde sie 1793 Gemahlin des späteren Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Ihm war die heitere und gemütvolle, vom klassisch-romantischen Geist ihrer Zeit ergriffene junge Frau in den kommenden Jahren, die Preußen bis an den Rand des Abgrunds führten, die wichtigste Stütze seines Lebens. Ohne darauf vorbereitet zu sein, ja ohne ein wirkliches politisches Urteil zu haben, stärkte sie den zutiefst unsicheren und durch die Zeitumstände überforderten König durch ihren Glauben an ihn und verband damit schließlich die intuitive Erkenntnis, daß der preußische Staat erneuert werden müsse.

Das der Hofetikette ferne Leben der königlichen Familie sowie die Rolle der Königin als Begleiterin des Gemahls auf dessen Inspektionsreisen brachten sie, lebensvoll und liebenswürdig, wie sie war, schon bald dem Herzen des Volkes nahe. Nach dem Sieg Napoleons über Preußen im Herbst 1806, als Luise, kaum von einer schweren Krankheit genesen, mit ihren Kindern in strenger Winterkälte unter großen Entbehrungen nach Ostpreußen hatte fliehen müssen, konnten sich ihre Untertanen mit ihr im Leid verbunden fühlen. Der frühe Tod Königin Luises im Sommer 1810 bewirkte geradezu eine Verherrlichung ihrer Person, so daß sie der von den Befreiungskriegen der Jahre 1813 bis 1815 geprägten Generation „als guter Genius voranzuleuchten“ vermochte, wie einst der Historiker Karl Griewank schrieb. So verband sie sich mit dem modernen Nationalempfinden der Deutschen, das damals entstand. Sich dieses Umstandes offenbar bewußt, ließ der Witwer König Friedrich Wilhelm III. 1813 in Breslau die Stiftung des Eisernen Kreuzes, das auch Angehörigen der Mannschaftsdienstgrade verliehen werden konnte, auf den 10. März, den Geburtstag der Königin, datieren.

Gerade in Notzeiten wurden hinfort ihr Geist und ihre Erscheinung beschworen. Noch in Veit Harlans Film „Kolberg“ von 1945 erscheint sie, von Irene von Meyendorff als entrückte, hoheitsvolle Gestalt dargestellt. Daß sich die Deutschen auch durch den nationalsozialistischen Mißbrauch alles Vaterländischen das Andenken der verehrten Frau nicht trüben lassen wollten, zeigt der große Erfolg, der Wolfgang Liebeneiners Film „Königin Luise“ mit Ruth Leuwerik in der Titelrolle im Jahre 1956 und später zuteil wurde.

Mit dem Plakat zu diesem Nachkriegsfilm schließt die Ausstellung, die das Kulturzentrum Ostpreußen im Deutschordensschloß zu Ellingen in Mittelfranken bis zum 2. Dezember zeigt. Doch geht es dieser, gemäß ihrem Titel „Königin Luise, Napoleon und der Frieden von Tilsit 1807“, nur in einem Seitenblick um das Fortwirken Luises im Bewußtsein des deutschen Volkes, um den Mythos, der sich mit ihr in der deutschen Geschichte verbindet. Das Thema ist das Schicksal der preußischen Königin vor dem Hintergrund ihrer Zeit, im Zeitalter der Französischen Revolution und der preußischen Erneuerung.

Als Blickpunkt dient dabei die persönliche Begegnung der Königin mit Kaiser Napoleon in Ostpreußen im Jahre 1807, zu der sie sich verstanden hatte, um eine Milderung der für Preußen folgenschweren Tilsiter Friedensbestimmungen zu erwirken – womit sie allerdings erfolglos blieb. Kontur und Tiefe gewinnt das Lebensbild der Königin durch eine Vergegenwärtigung der Französischen Revolution und der drei Revolutionskriege (deren erster 1792 freilich nicht von den europäischen Mächten, wie auf der entsprechenden Tafel behauptet wird, begonnen worden war, sondern von einer französischen Kriegserklärung seinen Ausgang genommen hatte).

Erst recht verdichtet sich das Bild durch die Schilderung des Aufstiegs Napoleons, der Entwicklung Deutschlands vor und während der französischen Okkupation sowie des Zusammenbruchs des alten Preußen, seiner Erneuerung und seines allmählichen Wiederaufstiegs (wobei die dem zugrundeliegende preußische Reform keineswegs das „ganze Programm der Französischen Revolution“ übernahm, wie es im beigegebenen Text heißt).

All das wird gut verständlich, freilich nicht zu stark vereinfacht auf Schrifttafeln dargeboten. Um diese vor der die sonst häufig anzutreffenden allzu großen Trockenheit zu bewahren, wird der Text durch zwei oder drei Bild- oder Kartenreproduktionen veranschaulicht. Die Exponate wurden zu einem großen Teil den Beständen des Kulturzentrums entnommen: Karten, Bilder, Statuetten, Bronzemedaillen, Porzellanplaketten, Münzen und Briefmarken. Anderes, vor allem Bildmaterial nach alten Stichen, kommt aus dem Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg. Weitere Leihgaben stammen aus dem Museum Stadt Königsberg in Duisburg und aus privatem Besitz.

Wer einen durch den modernen Zeitgeist unverstellten Blick auf die deutsche Geschichte zu schätzen weiß, wird den Weg nach Ellingen nicht umsonst machen.

Peter Mast (KK)

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