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Ausgaben: Ausgabe 1248.

Irrlichter

Länderschwerpunkt Rumänien beim Kurzfilmfestival in Berlin

Dieser schöne Titel war die Überschrift einer Kurzfilmauswahl beim diesjährigen Festival „Interfilm“ in Berlin. Und Catalin Leescu, einer der jungen Filmemacher, kann sich durchaus damit identifizieren. Im breitgefächterten Programm des 23. Festivals liefen die rumänischen Filme hors concours, dennoch lohnte sich ein Besuch bei der von einer Jury und der Kuratorin Elvira Geppert getroffenen  Auslese.

Mit diesem Focus soll dem Aufschwung des rumänischen Films, insbesondere des Kurzfilms, Rechnung getragen werden. Nicht nur der Goldene Bär bei der Berlinale 2004 für Cristi Puius Kurzfilm, sondern auch weitere internationale Preise, etwa für „Waves“ von Adrian Sitaru in Locarno und Sarajevo, würdigen eine innovative Filmszene. Gerade der Kurzfilm eignet sich für experimentierfreudige Filmemacher.

Einer davon ist Catalin Leescu, dessen Film „Afterimage“ vorgestellt wird. Es ist eine Science-Fiction-Geschichte, so der Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in Personalunion, aus einem Zyklus von „Tollen Szenen aus Filmen, die es nicht gibt“ (Secvente misto din filme care nu exista). Der Zyklus wird einen Thriller, einen Science-Fiction-, einen Horrorfilm sowie eine romantische Komödie umfassen. Die Geschichte ist, knapp erzählt, die Rekonstruktion eines Mordes an einer jungen Frau im September 2007 aus der Perspektive eines Forensikers im Jahre 2057. „Afterimage“ (Nachbild) ist der bezeichnende Titel, der von dem Phänomen herrührt, wie die bewegten Bilder im Menschenauge entstehen.

Doch die Auswahl der „Irrlichter“ ist nicht über jeden Zweifel erhaben – im ersten Film (Die Nacht vor der Hochzeit/ Noaptea dinaintea nuntii von Stefania Simion) bedient die rumänische Pittoreske mit Volksmusik und Gastfreundschaft, gepaart mit Blauäugigkeit und Zuhälterei, eigentlich nur die Klischees, es sei denn, man nimmt ihn ironisch auf. Dazu wirkt der Film jedoch zu naturalistisch. Gelungen ist hingegen der dokumentarfilmisch anmutende Spannungsaufbau in dem Kurzfilm „Freitags etwa um 11 Uhr“ (Vineri in jur de 11) von Ilina Rugina, die in einem feinsinnigen psychologischen Portrait einer jungen Frau die Verkehrung von der Opferrolle in die Täterschaft nachzeichnet.

Als Zuschauer denkt man zuweilen, daß die rumänischen Filmemacher eigentlich gar keine Kulisse brauchen, es reicht, wenn sie im dokumentarfilmischen Stil die Kameras auf diese Plattenbauinterieurs mit den engen Küchen richten oder auf die mit Graffiti besprühten vorsintflutlich rappelnden Fahrstühle, so in „Geschichte in Stiege C“ (Poveste la scara C) von Cristian Nemescu. Der in Cannes preisgekrönte junge Filmemacher ist 2006 gestorben. Die lustige Geschichte eines Schülers, der sich Verführungstipps von einer Sex-Hotline holt, hat er noch während seiner Studienzeit gedreht.

Welche Filmrelevanz „einfache“ Alltagsgeschichten haben, zeigt Radu Jude in der „Lampe mit Mütze“ (Lampa cu caciula). Da schleppen ein Vater und sein kleiner Sohn einen in eine Decke gehüllten riesigen Fernseher zum Teil durch den strömenden Regen, zum Teil per Anhalter zur Reparatur und zurück. Eine banale, aber nicht weniger wahrhaftige Odyssee, was braucht man mehr? Und dabei geschehen noch Zeichen und Wunder, die Lampe mit der Mütze glüht doch. Von einer Glühbirnenwette handelt der Film des moldauischen Regisseurs Igor Cobileanski. Seine humorig inszenierte Nonsense-Geschichte spricht Bände. Jung, dynamisch und beunruhigend schön ist die Auswahl „Irrlichter“, und wer weiß, vielleicht schaffen ja einige Filmemacher, wie der mittlerweile durch seine Goldene Palme berühmt gewordene Cristian Mungiu, auch den Sprung auf das internationale Parkett.

Edith Ottschofski (KK)

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