Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1371.

Ist das Kripplein noch so klein …

… es muss konsolidieret sein: Zeugnis der protestantischen Vergangenheit Fraustadts von Deutsch-Polnischer Stiftung gestützt

Fraustadt ist eine geschichtsträchtige, 14 000 Einwohner zählende Stadt am östlichen Rand der Woiwodschaft Lebus und unweit der Woiwodschaften Niederschlesien und Großpolen. Die sächsischen Kurfürsten August des Starke und dessen Sohn hatten hier in ihrer Zeit als Könige von Polen eine Ausweichresidenz, die sie entsprechend ausbauten, wodurch Fraustadt in der Barockzeit bekannt wurde, was in unseren Tagen noch an Spuren nachzuvollziehen ist.

Die Baudenkmale, die bis heute vor allem den historischen Kern der Stadt prägen, sind die katholische Stadtpfarrkirche, der Gebäudekomplex des ehemaligen Franziskanerklosters, die erhaltenen Teile der Stadtmauer aus dem 15./16. Jahrhundert, das neugotische Rathaus, das jenem in Zittau ähnlich sieht, und die ehemalige evangelische Kirche Kripplein Christi sowie der Altstädtische Friedhof. Die Kirche Kripplein Christi, die in der Spätrenaissance ihr jetziges Aussehen erlangte, steht seit vielen Jahren leer. Es ist das Verdienst von Marta Małkus, der Direktorin des städtischen Museums, das für das historische Erscheinungsbild der Altstadt unverzichtbare Sakralbauwerk und die damit verbundene protestantische Vergangenheit Fraustadts wie auch deren Altstädtischen Friedhof immer wieder durch Tagungen und Vorträge ins Bewusstsein der Stadtväter und Einwohner zurückzuholen.

Nur zu gerne sähe die Direktorin Kripplein Christi schon bald als Museum für die seite_8_KK1371Geschichte des Protestantismus in Polen. Entwickelte sich doch Fraustadt schon im 16. Jahrhundert zu einem bedeutenden Zentrum des Protestantismus. Die wichtigsten Vertreter des Luthertums waren hier die Pastoren Valerius Herberger (1562–1627) und Samuel Friedrich Lauterbach (1662–1728) und der Schriftsteller und Schulleiter Christian Gryphius (1649–1706). Im Folgenden werden Passagen aus einem Vortrag von Marta Małkus mit ihrer freundlicher Genehmigung wiedergegeben: „Die Grenznähe, die vielen Beziehungen zu den deutschen Staaten und die schlesischen Wurzeln der Einwohner von Fraustadt waren die Hauptursache für die schnelle Verbreitung des neuen Glaubens im Grenzland zwischen Schlesien und Großpolen. Trotz Gegenreformation blieb Polen und damit das königliche Fraustadt tolerant und nahm protestantische Glaubensflüchtlinge und Einwanderer aus Holland auf. Nach Nutzung der Stadtpfarrkirche von 1555 bis 1604 wurde die neue evangelische Kirche Kripplein Christi bezogen.

Nach einer Sage waren den Lutheranern durch Jesuitenintrigen Bedingungen für die Errichtung einer evangelischen Kirche auferlegt worden, wonach diese u. a. schnell errichtet werden musste. Die Bauzeit sollte drei Monate nicht überschreiten dürfen, die Kirche sollte weder inmitten noch außerhalb der Stadt entstehen und einen Glockenturm mit weder rundem noch quadratischem Grundriss erhalten. Die Kirche Kripplein Christi erfüllte alle diese Bedingungen. Das Gebäude wurde aus zwei eigens erworbenen Bürgerhäusern unter Einbeziehung der Befestigungsanlage zwischen zwei Stadtmauern neben dem Polnischen Tor erschaffen. Die Bauzeit hat zwölf Wochen nicht überschritten, und als Glockenturm hatte man die ehemalige Bastei umgestaltet. Der örtliche Adel hatte das Holz geliefert und dessen Transport gewährleistet.

Der außergewöhnliche Name der Kirche ‚Kripplein Christi‘ verband die Tradition mit ihrem Entstehungszeitpunkt und mit dem Tag des ersten Gottesdienstes, der dort am 25. Dezember 1604 gefeiert wurde. Während seiner Predigt benannte Pfarrer Valerius Herberger das Gotteshaus. Die unvorteilhafte politische Lage, in der sich die Lutheraner befanden, war dem Pfarrer bewusst. Er vermied daher den Begriff ‚Kirche‘, um die Katholiken, denen am Vortag die Stadtpfarrkirche zurückgegeben worden war, nicht zu verärgern. So gab er dem Bau den Namen ‚Kripplein Christi‘. Fortan wurden die lutheranischen Bethäuser in Großpolen nach der Fraustädter Kirche ‚Kryple‘ genannt. Die Namensgebung hatte für Herberger eine tiefe Bedeutung. Er wollte, dass die Gläubigen beim Betreten des Gotteshauses durch dessen Namen Kripplein Christi an den Ort gemahnt werden, an dem Gottes Sohn geboren wurde. Im Innenraum waren an für die Gläubigen sichtbaren Stellen Zitate angebracht, die sich auf die symbolische Bedeutung des Kirchennamens bezogen.

In der Fraustädter evangelischen Kirche herrschte schon während der Bauzeit eine gemütliche intime Atmosphäre. Die Fraustädter Lutheraner sollen den Bau schon genutzt haben, bevor dieser fertiggestellt und eingerichtet war. Es heißt, die Gläubigen hätten damals von zuhause Teppiche und Leuchter mitgebracht, um in einer solchen eher häuslichen Atmosphäre die ersten Gottesdienste zu feiern. Die Lage von Fraustadt in der Nähe von Schlesien war die Ursache dafür, dass Kripplein Christi in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Ort war, an den auch die Gläubigen aus den nahegelegenen Orten jenseits der Grenze kamen, die Trost und einen sicheren Gebetsort suchten. Der Bau fasste mit seinen drei Emporen mehrere tausend Personen.“

Die Kirche Kripplein Christi fiel 1644 und 1685 Bränden zum Opfer und wurde jeweils unmittelbar danach wieder aufgebaut, zuletzt noch größer als zuvor. Neben den charakteristischen Ausstattungsmerkmalen der protestantischen Kirche (die Ordnung des Altars, der Kanzel, des Taufbeckens, die Plazierung der Chorgestühle und Emporen), die die Identität der Fraustädter Lutheraner stärkten, wurden im Raum der Kirche die Andenken an die verstorbenen Gemeindemitglieder aufbewahrt. Obwohl viele Gläubige dem Beispiel des Valerius Herberger folgten, der sich auf dem Friedhof außerhalb der Kirchenmauer neben seinen „Schäfchen“ bestatten ließ, fanden die Trauergottesdienste in der Kirche statt. Die Arbeiten der Innenraumausstattung, u. a. von den Malern Peter Löffter aus Glogau und Jeremias Höltzei aus dem Ort Smigle, wurden 1782 beendet. Im Innenraum befanden sich zahlreiche Pfarrerporträts, die von ihrer mehrere hundert Jahre alten Geschichte zeugten. Bedeutsam war auch der Literaturbestand im angrenzenden Bibliotheksbau.

1945 wurde das Ende der sakralen Nutzung der Kirche Kripplein Christi besiegelt. Mit seite_10_KK1371dem Kriegsende wurden die Lutheraner aus Fraustadt vertrieben, und Kripplein Christi diente fortan bis in die 1970er Jahre der Fraustädter Handwerksgenossenschaft als Lager. Die Einrichtung von Kripplein Christi wurde nach 1945 verstreut. Glücklicherweise konnte ein Teil der Ausstattungselemente ausfindig gemacht und ausgewählte Teile des Altars und der Kanzel nach sechzig Jahren zurückgeführt werden. 2004 wurde das Grundstück mit dem Gebäude der ehemaligen Kirche mit Glockenturm und Anbau (ehemalige Bibliothek) von der Woiwodschaft entgeltlos an die Stadt Fraustadt übergeben.

Bereits 2012 war die Leiterin des Landesmuseums Fraustadt wegen des schlechten baulichen Zustands der Kirche Kripplein Christi mit der Bitte um finanzielle Unterstützung einer notwendigen Dachinstandsetzung auf die Deutsch-Polnische Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz zugekommen. Im Herbst 2015 eröffnete sich für die Stiftung die Möglichkeit, bei der Beauftragten der deutschen Bundesregierung für Kultur und Medien freigewordene Fördermittel für die Kirche Kripplein Christi zu generieren. Damit konnte wenigstens die Ertüchtigung des statisch labilen Schiffdachstuhls – dieser drückte mit seiner Last zu sehr auf die Außenmauern – durch Einbau eines Stahl-Hilfsverbands vorgenommen werden.

Die Arbeiten sind Ende 2015 bis Januar 2016 erfolgt. Die eingebrachte Stahlstütz-konstruktion ist sicherlich keine denkmalpflegerische Glanzleistung, jedoch konstruktiv wirksam. Andererseits ist die Hilfsstützkonstruktion im Dach so erfolgt, dass auf den Einbau zusätzlicher Stahlelemente im Schiffinnenraum verzichtet werden konnte. Ausgeführt wurden die Arbeiten ausschließlich von einheimischen Firmen, was der Deutsch-Polnischen Stiftung als Maßnahmenträger wichtig war, will sie doch mit ihren Projekten das polnische Bauhandwerk in der Denkmalpflege stärken. Jetzt sind schnellstmöglich in einem nächsten Bauabschnitt Holzdesinfektions- und Holzschutz-, Zimmermanns-, Dachdecker- und Klempnerarbeiten auszuführen.

Nicht nur der engagierten Direktorin des Museums Fraustadt ist zu wünschen, dass die wesentlich von deutscher Seite geförderte statische Dachstuhlsicherung als Initialzündung für eine umfassende Sanierung der ehemaligen evangelischen Kirche Kripplein Christi und deren Revitalisierung verstanden wird. Sie ist ein hervorragendes Beispiel eines Bethauses, das an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert entstand, als sich die politische Situation der polnischen Lutheraner veränderte. Das Baudenkmal, ist wie kein anderer Ort geeignet, ein Reformationsmuseum in Polen zu beherbergen.

Peter Schabe (KK)

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